Drey und zwanzigstes Kapitel.

Hermine hatte in den folgenden Abenden genau um dieselbe Stunde dieselbe Vision und versank darauf jedes Mahl in einen tiefen Schlaf, ohne sich beym Erwachen des Vorgangs bewußt zu seyn. Augusten faßte allgemach das Grauen, wenn die bleiche Dulderin oft mitten unter traulichen Gesprächen nach irgend einem dunkeln Winkel des Zimmers hinwies und getäuscht von Sehnsucht und Phantasie den Gatten ihres Herzens im leeren Raum sah. Der Arzt verschrieb, demonstrirte, tröstete und unterhielt die Damen mit ähnlichen Beyspielen die sie immer noch furchtsamer machten und Therese kehrte bereits in der Stille zu dem verworfenen Glauben an die Möglichkeit sogenannter Ahnungen zurück und sah von Tage zu Tage einer Trauerpost entgegen.

Eben nahte sich der Zeiger eines Abends der Geister-Stunde als Hermine die Schlummernden mit angsthafter Stimme bey ihren Nahmen rief und sie bat die Gartine des Fensters aufzuziehen, denn es hat „setzte sie unter Schauern hinzu“ zu wiederhohlten Mahlen leis’ und seltsam an die Scheibe geklopft. Beyde Freundinnen eilten an ihr Bett hin, sprachen ihr zu und hörten beyde jetzt an der bezeichneten Stätte dasselbe Klopfen.

Ich wache schon seit einer Stunde „entgegnete Hermine“ bin ohne Fieber und habe mit Entsetzen, leise, klägliche Seufzer vernommen, die dem Klange der Scheibe vorangingen. Fürchtet Ihr Euch so ruft die Wärterin, denn daß ein Mensch oder ein Geist vor ihm lauscht, ist außer Zweifel. Die Wärterin, welche in der offen stehenden Kammer schlief und von dem Gespräch erwacht war, kam jetzt herein, glaubte, vertraut mit Herminens Zustand, die Kranke durch Erfüllung ihres Willens zu beruhigen, zog die Gardine rasch empor und fuhr mit einem Angst-Geschrey zurück. Ohnmächtig sank Auguste am Bette nieder, Therese verbarg ihr Gesicht in den Kissen der Schwester, Hermine aber wendete sich erbleichend nach der Wandseite und lispelte — „Er hat vollbracht.“

Vier und zwanzigstes Kapitel.

Julius eilte indeß mit Pässen einer neutralen Macht und geltenden Empfehlungen ausgerüstet, nach der Grenze und traf in Straßburg auf einen Officier von dem Gefolge des Obersten, der in jenen stürmischen Tagen auf der Wessenburg sein täglicher Gesellschafter war. Er ging so eben, dem Tod entronnen, zur Armee zurück, erzählte ihm, daß der unglückliche Oberste die humane in Feindes Land geübte Schonung mit dem Leben habe bezahlen müssen, daß er selbst nur durch Zufall demselben Schicksal entgangen, und daß der Entschluß, sich einem Freund zu Liebe in den Strudel dieser tobenden See werfen zu wollen, mehr als tollkühn sey. Der Officier schilderte ihm das Reich der Schrecken mit so lebhaften Farben, verhieß ihm den gewissen Tod mit so reger Zuversicht, stellte ihm die Nutzlosigkeit dieses Wagstücks so klar vor Augen, daß Julius die Erfüllung der Pflichten gegen sich selbst, jeder entferntern vorzog. Er kehrte fürs erste zu seiner Schwieger-Mutter zurück, welche wieder auf der Wessenburg hauste, die zufolge geschlossener Verträge jetzt auf neutralem Gebiete lag, unterrichtete Augusten schriftlich von der Vergeblichkeit seiner Bemühungen und von der Nothwendigkeit, die gehäuften, durch den Krieg verstörten Angelegenheiten der Baronin in Ordnung zu setzen.

Vergebens hatte er bey jenem Zusammentreffen mit dem feindlichen Freunde nach Woldemars Schicksal geforscht, denn der Officier war kaum freygesprochen, als er ohne Zögerung auf das Feld der Ehre zurückeilte. Er wußte nur, daß es der schönen Frau von Wessen, kraft ihrer Reitze, ihrer Geistes-Gegenwart und Gewandtheit gelungen sey, den Blutdurst der Richter in milde, menschliche Schonung zu verwandeln, und daß man sie zugleich mit jenem auf freyen Fuß gesetzt habe.

Fünf und zwanzigstes Kapitel.

Julius fand bey seinem endlichen Eintritt in Herminens Asyl, Theresen in Thränen, seine Auguste der weißen Rose gleich und die Kranke noch bettlägerig. Jene sah nicht ohne tiefen Schmerz, die theure vielgeliebte Schwester allmählig vergehen, diese sah den Freuden der Mutter entgegen, Hermine duldsam und ergeben in das offene Grab. Der Geist des Geliebten war seit jenem Abend gewichen, selten nur gedachte sie seiner und auch dann nur wie die Erinnerung eines längst verschiedenen Jugend-Gespielen gedenken mag. Auguste hatte nach dem Ergusse der ersten Begrüssungen nichts wichtigeres als ihren herzgeliebten Gatten von allem was sie hier erfuhr, empfand und leistete, von Herminens Zustand und der Erscheinung jener Nacht zu unterhalten. Welchen Zuwachs „fuhr sie fort“ meine natürliche Bänglichkeit unter diesen Eindrücken und Umgebungen erleiden mußte und unter welchen Empfindungen ich in jener Schreckensstunde nach der Gardine hinsah, wirst Du selbst fühlen. Aber denke Dir auch jetzt mein Entsetzen, als der Vorhang nun aufrauschte und ein bleiches Gespenst durch die Scheibe sah. Der Sturmwind hob ihm die verwilderten Haare gen Berge, sein Stöhnen zerriß mein Ohr, mein Auge ward von bekannten Zügen festgehalten und als ich der Sinne wieder mächtig ward, hatten die Bedienten bereits den Garten durchsucht, hatten ein halb erstarrtes, in Lumpen verhülltes Schreckbild unter dem Fenster aufgefunden, und den Unglücklichen in das Gewächshaus gesperrt. Noch lag Hermine sprachlos da und zeugte zu der Kirche hin. Wir sandten nach dem Geistlichen. Er hörte mit Erstaunen was uns begegnet sey, vernahm die Bedienten, ließ sich in das Gewächshaus führen und bereitete mich nach der Rückkehr aus diesem, auf das Daseyn meines todt geglaubten, beweinenswerthen Bruders vor, den er sofort für den Augenblick bey sich aufnahm. Julius faßte voll Erstaunen ihre Hände. Eine Wunde „fuhr Auguste fort“ deren Narbe sich über die Scheitel bis in den Nacken hinabzieht, ist die wahrscheinliche Quelle seines Wahnsinns, denn bis jetzt nur wenig lichte Augenblicke unterbrachen. Er vertraute dem Pastor während eines solchen, daß er schon halb begraben, durch das Mitleid einer Bäuerin gerettet, geheilt, in das Innere Frankreichs abgeführt worden sey; daß ihm der heilige Gregor erschienen, ihm zur Flucht behülflich gewesen sey; daß sein Aussehn, sein Zustand und das Geleite des Heiligen ihm den Weg gebahnt habe. Er will zuerst auf der Wessenburg gewesen, dort nicht eingelassen worden und von den Hirten hierher gewiesen worden seyn. Auch hier fertigt der Gärtner den sinnlosen, scheinbar wilden Mann vor der Thür ab, er aber steigt bey Nacht über die Garten-Mauer, schleicht zu dem erleuchteten Fenster hin und veranlaßt die schrecklichste aller Scenen.

Gern, ach, gern „setzte die Baronin unter herzlichen Thränen hinzu“ wär ich längst an seinen Hals geflogen und hätt’ ihm die gesuchte, lang entbehrte Schwester finden lassen, aber der Pastor gestattet es nicht und besteht auch darauf, die Mutter in dem Glauben an seinen Tod zu erhalten. Darum verschob ich die Mittheilung dieser erschreckenden Neuigkeit bis auf Deine Herkunft, und Du wirst Dir nun leicht erklären können warum wir, trotz des Dranges Deiner Geschäfte, und der Triftigkeit Deiner Gründe auf dieser bestanden.