Darüber erschraken die Schildbürger und hielten auf der Stelle eine Umfrage: Ob er denn auch einen Kopf gehabt habe, als er auf den Baum gestiegen sei? Aber da wollte keiner etwas wissen. Endlich sagte der Schultheiß: Er sei so ziemlich überzeugt, daß derselbe keinen gehabt habe. Denn er habe ihn drei- oder viermal gerufen, aber nie eine Antwort von ihm gehört. Mithin müsse er keine Ohren gehabt haben, folglich auch keinen Kopf. Doch wisse er es nicht so ganz eigentlich. Darum sei sein Rat, man sollte jemand heim zu seinem Weibe schicken und sie fragen lassen, ob ihr Mann auch heute morgen den Kopf gehabt hätte, als er aufgestanden und mit ihnen hinausgegangen sei. Die Frau erwiderte: Sie wisse es nicht, nur so viel sei sie sich bewußt, daß sie ihn noch letzten Sonnabend gestriegelt; da habe er den Kopf noch gehabt. Seitdem habe sie nie so recht Achtung auf ihn gegeben. »Dort an der Wand«, sagte sie, »hängt sein alter Hut; wenn der Kopf nicht darin steckt, so wird er ihn ja wohl mit sich genommen haben, oder hat er ihn anderswohin gelegt, was ich nicht wissen kann.« So sahen sie unter den Hut an der Wand; aber da war nichts. Und im ganzen Flecken konnte niemand sagen, wie es dem Schildbürger mit seinem Kopf ergangen sei.
Auf eine Zeit verbreitete sich im Lande die Sage von einem großen Kriege. Die Schildbürger wurden für ihre Habe und Güter besorgt, es möchten ihnen dieselben von den Feinden weggeführt werden; besonders angst war ihnen für eine Glocke, die auf dem Rathause hing. Auf diese, dachten sie, könnte das Kriegsvolk ein besonderes Auge haben und Büchsen daraus gießen wollen. So wurden sie denn nach langem Ratschlagen eins, dieselbe bis zu Ende des Krieges in den See zu versenken, und sie, wenn der Feind abgezogen wäre, wieder herauszuziehen und aufzuhängen. Sie bestiegen also ein Schiff und fuhren mit der Glocke auf den See. Als sie aber die Glocke hineinwerfen wollten, da fiel es einem unter ihnen ein: wie sie den Ort denn auch wiederfinden könnten, wo sie die Glocke ausgeworfen hätten? »Da laß dir keine grauen Haare darüber wachsen,« sagte der Schultheiß und schnitt mit dem Messer einen Kerf in das Schiff, an dem Ort, wo sie die Glocke in den See versenkten; »hier bei dem Schnitt«, sprach er, »wollen wir sie wiedererkennen«. So ward die Glocke hinausgeworfen und versenkt. Lange nachher, als der Krieg vorüber war, fuhren sie wieder auf den See, ihre Glocke zu holen. Den Kerfschnitt an dem Schiffe fanden sie richtig wieder, aber den Ort, wo die Glocke war, zeigte er ihnen nicht an. So mangelten sie forthin ihrer guten Glocke.
In dieser gefährlichen Zeit hatte sich ein unschuldiger, armer Krebs verirrt, und als er vermeinte, in ein Loch zu kriechen, kam er zu allem Unglück gen Schilda ins Dorf. Als ihn hier einige Bürger gesehen hatten, daß er so viele Füße habe, daß er hinter und für sich gehen könne, und was ein ehrlicher Krebs dergleichen Tugenden mehr an sich hat, gerieten sie in großen Schrecken, denn sie hatten noch nie zuvor einen Krebs gesehen. Sie schlugen deswegen Sturm, kamen alle über das ungeheure Tier zusammen und zerquälten sich mit Nachsinnen, was es denn wohl sein möge. Niemand konnte es wissen, bis zuletzt der gelahrte Schultheiß sagte: es müsse wohl ein Schneider sein, dieweil er zwei Scheren bei sich habe. Um dies herauszubringen, legten die Schildbürger den Krebs auf ein Stück niederländisch Tuch, und wo der Krebs hin und her kroch, da schnitt ihm einer mit der Schere hintennach, denn sie dachten nicht anders, denn der Krebs, als ein rechtschaffener Meisterschneider, entwerfe das Muster eines neuen Kleides, welches sie dann sofort nachäffen wollten. So zerschnitten sie am Ende das Tuch ganz, daß es zu nichts mehr nütze war, und merkten endlich den Betrug. Da trat einer unter ihnen auf und sagte, daß er einen erfahrenen Sohn habe, der sei drei Tage lang auf der Wanderschaft gewesen und auf zwei Meilen Wegs weit und breit gereiset, habe viel gesehen und erfahren; er zweifle nicht daran, dieser werde dergleichen Tiere mehr gesehen haben und wissen, was es sei. So wurde der Sohn in den Rat berufen. Dieser besah das Tier lang von hinten und von vorn: er wußte gar nicht, wo er es anfassen sollte, und wo es den Kopf hätte; denn weil der Krebs hinter sich kroch, so meinte er, der Kopf wäre, wo der Schwanz ist. Endlich sprach er: »Nun habe ich doch meine Tage viel Wunders hin und her gesehen, so etwas ist mir aber noch nicht vorgekommen! Wenn ich aber sagen soll, was es für ein Tier sei, so spreche ich nach meiner Einsicht: wenn es nicht eine Taube ist oder ein Storch, so ist es gewiß ein Hirsch, denn er scheint ein Geweih zu haben. Aber unter diesen dreien muß es eines sein.« Jetzt wußten die Schildbürger soviel wie zuvor, und als ihn einer anfassen wollte, erwischte ihn der Krebs mit der Schere dermaßen, daß dieser um Hilfe zu rufen und zu schreien anfing: »Ein Mörder ist's, ein Mörder!« Als die anderen Schildbürger dies sahen, hatten sie daran genug, setzten sich eilig auf der Stätte selbst, wo der Bauer gebissen worden, zu Gerichte und ließen folgendes Urteil über den Krebs ergehen: »Sintemal niemand wisse, was es für ein Geschöpf sei, es aber sich befinde, daß dasselbe sie betrogen und sich für einen Schneider ausgegeben, während es doch offenbar nur ein Leute betrügendes und schädliches Tier sei, ja ein Mörder: so erkennen sie, daß es solle gerichtet werden als ein Betrüger und Mörder, und zwar, zu mehrerer Schmach, im Wasser ersäuft werden.«
Demzufolge ward einem Schildbürger der gefährliche Auftrag gegeben: den Krebs zu fassen und auf ein Brett zu legen, dieser trug ihn dem Wasser zu, und die ganze Gemeinde von Schilda ging mit; da ward er, in Beisein und Zusehen jedermänniglichs, ins Wasser geworfen. Als der Krebs sich wieder in seinem Elemente fühlte, da zappelte er und kroch hinter sich. Die Schildbürger aber sahen es nicht ohne großes Mitleid an. Einige huben an zu weinen und sprachen: »Schauet doch, wie tut der Tod so wehe!«
Das Geschrei von einem Kriege, weswegen die Schildbürger ihre Glocke in den tiefen See versenkt hatten, war nicht so nichtig, daß sie nicht selbst in der Tat etwas davon empfunden hätten. Denn innerhalb weniger Tage kam ihnen der Befehl zu, eine Anzahl Knechte zur Besatzung in die Stadt zu schicken, dem sie auch nachlebten. Einer dieser abgeordneten Schildbürger, nicht der geringste, begegnete, als er in die Stadt einzog, dem Kuhhirten, der eben seine Untertanen, Ochsen, Kühe und Kälber, austreiben wollte; und eine der Kühe berührte den Kriegsmann aus Schilda ein wenig mit ihrem Horn. Erzürnt und mutig zog der Schildbürger den Dolch aus seinem Gürtel, trat gegen die Kuh und sprach: »Bist du eine ehrliche und redliche Kuh, so stoße noch einmal!« Womit er diesen Feind glücklich aus dem Felde schlug.
Einige Zeit darauf taten die Städter einen Ausfall, um auf den Feind zu streifen und den Bauern Hühner und Gänse abzunehmen. Nun hatte jener Schildbürger kurz zuvor ein Panzerstück, eine Hand breit, gefunden, und weil er sich gerade eine neue Kleidung machen ließ, so befahl er dem Schneider, dieses Blech unter das Futter ins Wams zu vernähen und gerade vor das Herz zu setzen, damit er desto sicherer wäre und auch einen tüchtigen Puff aushalten könnte; denn schon früher sei ihm ein solches Glück widerfahren, daß, als er ein halbes Hufeisen gefunden und dasselbe unter den Gürtel gesteckt, er damit einen Schuß aufgefangen, welcher ihm sonst das Leben gekostet hätte. Der Schneider versprach, es ihm nach Willen zu machen; setzte lächelnd hinzu, er wolle den rechten Fleck mit dem Panzerstücke schon treffen. Wie die Kleidung fertig war, lief der Schildbürger getrost unter den andern hinaus, gute Beute zu erjagen; aber ehe er sich's versah, waren die Bauern über ihn hergefallen und jagten ihn. In der Angst wollte er über einen Zaun setzen, blieb aber mit den Hosen, welche hinten einen Zug hatten, an einem Zaunstecken hängen. Da stach einer der Bauern nach ihm mit der Hellebarde, so daß er vollends über den Zaun hinüberflog. So lag er drüben lange in Todesangst und seiner Meinung nach schwer verwundet. Als aber die Feinde vorübergezogen waren und er nichts von einer Wunde spürte, verwunderte er sich sehr und beschaute sich seine Hosen, ob nicht wenigstens diese durch und durch gestoßen seien. Da befand sich's, daß der Schneider den rechten Fleck für das Panzerstück ausersehen und es hinten in die Hosen gesetzt und hier ins Futter vernäht hatte. »Ei nun danke ich Gott«, sprach der Kriegsknecht, »und dem klugen Manne, der mir dieses Kleid gemacht hat. Wie fein hat er gewußt, wo einem braven Schildbürger das Herz sitzen muß!«