Allmählich hieß es bei den Schildbürgern: die Gewohnheit ist eine zweite Natur. Sie trieben ihre Narrheit nicht mehr aus purer Weisheit, sondern aus rechter, erblicher, angeborener Torheit. Sie konnten nichts mehr tun, was nicht närrisch gewesen wäre; alles, was sie dachten, geschweige erst, was sie anfingen, war lauter Torheit und Narreteidung.

So waren zwei unter ihnen, die hatten einmal gehört, daß die Leute zuzeiten durch Tauschhandel viel gewonnen hätten, und dies bewog sie, auch gegeneinander ihr Heil zu versuchen. Sie wurden deswegen einig, ihre Häuser miteinander zu tauschen. Und dieses geschah beim Wein, als sie des Kaisers Letze verzechten. Denn solche Sachen pflegen gerne zu geschehen, wenn der Wein eingeschlichen und der Witz ausgewichen ist.

Als nun jeder dem andern sein Haus einräumen sollte, ließ der eine, der zu oberst im Dorfe wohnte, sein Haus abbrechen und führte dasselbe stückweise in das Dorf hinab; der andere aber, der bisher zu unterst im Dorfe gewohnt hatte, tat dasselbe und führte das seinige dagegen hinauf. Auf diese Weise hatten sie redlich gegeneinander getauscht.

Ein andermal gingen die Schildbürger, die gar ernstlich auf den allgemeinen Nutzen bedacht waren, hinaus, eine Mauer zu besehen, die noch von einem alten Bau übriggeblieben war, ob sie nicht die Steine mit Vorteil anwenden könnten. Nun war auf der Mauer schönes, langes Gras gewachsen, das dauerte die Bauern, wenn es verloren sein sollte, deswegen hielten sie Rat, wie man es etwa benutzen könnte. Die einen waren der Meinung, man sollte es abmähen; aber niemand wollte sich dem unterziehen und auf die hohe Mauer wagen; andere meinten, wenn Schützen unter ihnen wären, so dürfte es das beste sein, wenn man es mit einem Pfeile abschösse. Endlich trat der Schultheiß hervor und riet, man sollte das Vieh auf der Mauer weiden lassen, das würde mit dem Gras wohl fertig werden; so dürfe man es weder abmähen noch abschießen. Diesem Rate neigte sich die ganze Gemeinde zu, und zur Danksagung wurde erkannt, daß des Schultheißen Kuh die erste sein sollte, die den guten Rat zu genießen hätte. Darein willigte der Schultheiß mit Freuden. So schlangen sie denn der Kuh ein starkes Seil um den Hals, warfen dasselbe über die Mauer und fingen auf der andern Seite an zu ziehen. Als nun aber der Strick zuging, wurde, wie vorauszusehen, die Kuh erwürgt und reckte die Zunge aus dem Schlunde. Als ein langer Schildbürger dies gewahr wurde, rief er ganz erfreut: »Ziehet, ziehet nur noch ein wenig!« und der Schultheiß selbst schrie: »Ziehet, sie hat das Gras schon gerochen! Seht, wie sie die Zunge danach ausstreckt! Sie ist nur zu tölpisch und ungeschickt, daß sie sich nicht selbst hinaufhelfen kann! Es sollte sie einer hinaufstoßen.« Aber es war vergebens; die Schildbürger konnten die Kuh nicht hinaufbringen und ließen sie daher wieder herab. Und jetzo wurden sie erst inne, daß die Kuh schon lange tot war.


Den Schildbürgerinnen ging es nicht anders als den Schildbürgern. Sie gebärdeten sich so närrisch, als wenn sie es von jeher gewesen wären. Eine Witwe, die nur eine einzige Henne hatte, welche ihr alle Tag ein Ei legte, hatte einst so viele Eier gesammelt, daß sie hoffen durfte, drei Groschen dafür zu lösen. Sie nahm deswegen ihr Körbchen und zog damit zu Markte. Unterwegs, da sie keine Gefährten hatte, fielen ihr allerlei Gedanken ein; und so dachte sie unter anderem an den Kram, den sie zu Markte trug; den ganzen Weg über redete sie mit sich selbst und machte sich folgende Rechnung: »Siehe,« sagte sie zu sich, »du lösest auf dem Markte drei Groschen. Was willst du damit tun? Du willst damit zwei Bruthennen kaufen, die zwei, samt denen, die du hast, legen dir in soundso viel Tagen soundso viel Eier. Wenn du diese verkaufest, kannst du noch drei Hennen kaufen; dann hast du sechs Hennen. Diese legen dir in einem Monat soundso viel Eier; die verkaufst du und legst das Geld zusammen. Die alten Hennen, welche nicht mehr legen, verkaufst du auch; die jungen fahren fort, dir Eier zu legen, und brüten dir Junge aus; diese kannst du zum Teil ziehen und deine Hühnerzucht dadurch mehren, zum Teil Geld daraus lösen, endlich auch rupfen, wie man die Gänse rupft. Aus dem zusammengelegten Gelde kaufst du dir danach etliche Gänse, die tragen dir auch Nutzen mit Eiern, mit Jungen, mit Federn. So kommst du in acht Tagen so weit, daß du eine Ziege kaufen kannst; die gibt dir Milch und junge Zicklein. Auf diese Weise hast du junge und alte Hühner, junge und alte Gänse, Eier, Federn, Milch, Zicklein, Wolle. Vielleicht läßt sich gar die Ziege auch scheren, du kannst es wenigstens versuchen; darauf kaufst du ein Mutterschwein; da hast du Nutzen über Nutzen, von jungen Spanferkeln, von Speck, Würsten und anderem. Daraus lösest du so viel, daß du eine Kuh kaufen kannst; die gibt dir Milch, Kälblein und Dünger. Was willst du aber mit dem Dünger anfangen? Wahrhaftig, du mußt auch einen Acker kaufen; der gibt dir Korn genug; dann brauchst du keines mehr einzukaufen! Danach schaffest du dir Rosse an, dingst Knechte, die versehen dir das Vieh und bauen dir den Acker. Alsdann vergrößerst du dein Haus, daß du Hausgesinde beherbergen und dein Geld aufheben kannst. Danach kaufst du noch mehr Güter, denn es kann dir nicht fehlen; du hast ja den Nutzen von Hühnern, von Gänsen, von Eiern, von Geißmilch, von Wolle, von Zicklein, von Milchlamm, von Spanferkeln, von Kühen – denen kannst du noch dazu die Hörner absägen und sie an den Messerschmied verkaufen; – du hast ferner den Nutzen von Kälbern, von Äckern, von Wiesen, von Hauszins und anderem. Danach willst du einen jungen Mann nehmen, mit dem kannst du in Freuden leben und eine reiche, stolze Frau sein! O, wie wohl willst du dir es sein lassen und niemand ein gutes Wörtchen geben! Juchhe, Juchheisa, Hopsasa!« So jubelte die junge Witwe, warf dazu einen Arm in die Höhe und tat einen Sprung. Aber als sie sich so aufschwang und dazu jauchzte, da stieß sie von ungefähr mit ihrem Arm an den Eierkorb, daß dieser ganz ungestüm zu Boden fiel und die Eier alle zerbrachen. Da waren alle ihre Wünsche mit zerbrochen, nur der Junggesell nicht, den sie sich zum Manne erkoren hatte. Der konnte ja noch immer kommen. So stand sie nun auf dem Wege zum Markte und wartete sein.


Die Schildbürger hatten eine Mühle gebaut, zu der sie auf einem hohen Berge in einer Steingrube einen Stein ausgehauen; dieser war von ihnen mit großer Mühe und Arbeit den Berg herabgebracht worden. Als sie ihn drunten hatten, fiel ihnen ein, wie sie vorzeiten die Bauhölzer, welche sie zu ihrem Rathause brauchten, mit so geringer Mühe den Berg hinuntergebracht, indem sie dieselben von selbst hinablaufen ließen. »Sind wir doch große Narren,« riefen sie, »daß wir uns abermals so viele Mühe gegeben haben!« Und nun trugen sie auch den Mühlstein mit größter Anstrengung den Berg wieder hinauf. Wie sie ihn aber eben wieder abstoßen wollten, fiel es einem Schildbürger ein, zu fragen: »Wie wollen wir aber wissen, wo er hingelaufen sei? Wer da drunten kann uns das sagen?« – »Ei,« sagte der Schultheiß, welcher den Rat gegeben hatte, »diesem ist leicht zu helfen; es muß einer von uns sich in das Loch stecken und mit hinablaufen.« Das war gut, und alsobald ward einer ausgewählt, welcher den Kopf in das Loch stoßen und mit dem Stein hinunterrollen mußte. Nun war zu unterst an dem Berge ein Fischweiher; in diesen fiel der Stein mitsamt dem Schildbürger, und beide sanken zu Grunde, so daß die Schildbürger Mann und Stein verloren und nicht wußten, wo beide hingekommen seien. Da fiel ihr Verdacht auf den armen Gesellen, der mit und in dem Stein gelaufen war, als wäre derselbe mit dem Mühlstein davongegangen. Sie ließen daher in allen umliegenden Städten, Dörfern und Flecken offene Briefe anschlagen: »Wo einer kommen würde mit einem Mühlstein am Halse, den sollte man einziehen, und über ihn als einen Gemeindedieb Recht ergehen lassen.« Der arme Narr aber lag tief im Weiher und hatte zuviel Wasser getrunken, daher er sich nicht verteidigen und rechtfertigen konnte.


Nicht ferne von Schilda floß ein Wasser vorüber, an dessen Gestade ein mächtiger Nußbaum haushielt. Von diesem hing ein großer Ast hinab bis über das Wasser, und es fehlte wenig, so hätte er es berührt. Die Schildbürger sahen solches, und weil sie einfältige, fromme Leute waren, wie man heutzutage der Bauern wenige mehr findet, so hatten sie herzliches Erbarmen mit dem guten Baum und gingen darüber zu Rate, was denn dem armen Nußbaum fehlen möge, daß er sich so schwermütig zum Wasser neige. Als darüber mancherlei Meinungen laut wurden, sagte letztlich der Schultheiß: ob sie nicht närrische Leute wären! Sie sähen doch wohl, daß der Baum an einem dürren Orte stände und sich deshalb nach dem Wasser beuge, weil er gerne trinken möchte. Er denke auch gar nicht anders, als daß der niedrigste Ast der Schnabel des Baumes sei, den er nach dem Trunke ausstrecke. Die Schildbürger saßen ganz kurz zu Rate, sie dachten, ein Werk der Barmherzigkeit zu tun, wenn sie ihm zu trinken gäben; deswegen legten sie ein großes Seil oben um den Baum, stellten sich jenseits des Wassers und zogen den Baum mit Gewalt herunter, indem sie glaubten, ihn auf diese Weise tränken zu können. Als sie ihn ganz nahe bei dem Wasser hatten, befahlen sie einem ihrer Mitbürger auf den Baum zu steigen und ihm den Schnabel vollends ins Wasser zu tunken. Indem nun der Mann hinaufsteigt und den Ast hinunterzwängt, so bricht den andern Bauern das Seil; der Baum schnellt wieder über sich, und ein harter Ast schlägt dem Bauern den Kopf ab, daß er ins Wasser fällt, der Körper aber purzelt vom Baume herab und hat keinen Kopf mehr.