Die folgende ganze lange Nacht lag die neue Frau Schultheißin in tiefsinnigen Gedanken, auf welche Weise sie doch den neuen Pelz anlegen und in demselben ihrem Mann und seinem Amte zu Ehren vor den Schildbürgern prangen möchte. Deswegen stand sie früh auf, und weil es eben Sonntag war, fing sie mit allem Eifer an, sich zu putzen, um sich von allen Nachbarn beschauen zu lassen. In diese Gedanken war sie so verirrt, daß sie sogar das Läuten in die Predigt überhörte. Ihr Herr, der Schultheiß, stand vor ihr und mußte ihr den Spiegel halten, und wohl hundertmal fragte sie ihn, ob sie auch von vorn und von der Seite recht wie eine Frau Schultheißin aussehe; und als er dies bejaht, ging sie endlich aus dem Hause der Kirche zu. War sie nun aber zu lang vor dem Spiegel gestanden, oder hatte der Mesner zu frühe geläutet: – siehe, als sie mit ihrem neuen Pelz zur Kirche hineinrauschte, war eben die Predigt aus, so daß jedermann aufstand. Die gute Frau aber legte dieses ganz anders aus: sie beredete sich selbst, weil ihr Mann Schultheiß und sie Frau Schultheißin sei, zudem weil sie einen nagelneuen Pelz anhabe, so stehen die Nachbarn ihr und ihrem Kleide zu Ehren auf. Sie sprach deswegen so sittig und tugendlich, als sie es in der kurzen Zeit gelernt haben konnte, indem sie sich gar gnädig nach beiden Seiten mit Verneigung kehrte: »Liebe Nachbarn, ich bitte euch, wollet doch stille sitzen: denn ich denke wohl noch an den Tag, wo ich ebenso arm und zerlumpt zur Kirche hineingegangen bin wie ihr; darum so setzet euch doch wieder!« Bald darauf kam auch der Herr Schultheiß, welcher bis auf diesen Augenblick an seinem Barette gestriegelt hatte, in die Kirche hineingetreten; als er aber die andern Schildbürger alle die Kirche verlassen sah, und nur seine Frau, die Schultheißin, noch in Erwartung der Predigt in ihrem Stuhle sitzen, nahm er sie an dem Arm und führte sie heim.
Endlich war der Kaiser auf dem Wege nach Schilda. Das wußten die Schildbürger und berieten sich aufs eifrigste, wie sie ihn würdig empfangen sollten. Am Ende beschlossen sie, dem Kaiser zuvorzukommen und das erste Wort an ihn zu richten. Deswegen sollte der Schultheiß ihn zuerst anreden und mit den Worten: »Seid uns willkommen!« empfangen. Dann mußte der Kaiser notwendig antworten: »Und du auch!« Und darauf hatte der Schultheiß schon einen Reim bereit: »Der witzigste unter uns ist ein Gauch!« Mit dieser Erfindung hielten sie ihre Freiheiten und Privilegien für gesichert. Über die Frage aber, wie man dem Kaiser entgegenziehen solle, waren die Meinungen geteilt: Einige wollten zwei Haufen haben, der eine sollte reiten, der andere zu Fuße gehen, je ein Reiter und ein Fußgänger in einem Glied. Andere vermeinten, es sollte ein jeder den einen Fuß im Stegreif haben und reiten und mit dem andern auf dem Boden gehen; das wäre ja auch halb gegangen und halb geritten. Wieder andere meinten, man sollte dem Kaiser auf hölzernen Pferden entgegengehen, denn man pflege auch im Sprichwort zu sagen: Steckenreiten sei halb gegangen; zudem seien solche Pferde fertiger, hurtiger, geduldiger und bald gezäumt und gestriegelt. Dieser letzten Meinung fielen alle bei, und es wurde beschlossen, daß jeder mit seinem Rosse gefaßt sein sollte. Dies geschah von seiten aller mit großer Bereitwilligkeit; denn da war keiner so arm, der sich nicht beim Tischler um ein weißes, schwarzes, graues, braunes, rotes, auch gesprenkeltes Pferd umgesehen hätte; dieselben tummelten sie und richteten sie meisterlich ab.
Als nun der festgesetzte Tag herbeigekommen und der Kaiser mit seinem Gefolge heranrückte, sprengten die Schildbürger hinaus mit ihren Steckenpferden, ihm entgegen. Wie der Schultheiß den Kaiser gewahr wurde, sprang er im Eifer von seinem Gaul auf einen Misthaufen und band sein hölzernes Roß vorsichtig an einen danebenstehenden Baum. Und weil er dazu beide Hände brauchte, nahm er den Hut zwischen die Zähne, behielt ihn auch darin, nachdem das Steckenpferd angebunden war, und murmelte zwischen den Zähnen: »Nun seid uns willkommen auf unserm Grund und Boden, fester Junker Kaiser!« Der Kaiser erkannte zwar auf den ersten Blick und auf das erste Wort, wie es mit den Schildbürgern beschaffen sei, und hatte Mühe, den Gruß zu verstehen, doch merkte er, was der Schultheiß sagen wollte, und erwiderte: »Hab Dank, mein lieber Schultheiß! und du auch!« Aber der Schultheiß hatte seinen Hut, den er halb losgelassen, wieder fest mit den Zähnen gefaßt und konnte nicht antworten. Schnell besann sich sein Nebenmann, warf den verabredeten Reim in seinem Kopf herum, konnte aber über das Endwort nicht bei sich einig werden, ob es hieße Narr oder Gauch oder etwas anderes, und platzte endlich heraus mit den Worten: »Der Schultheiß ist ein Narr!«
Auf diese Weise wurde der Kaiser empfangen, und als er noch zu guter Letzt den Schultheiß lächelnd befragte: »Warum stehst du denn auf dem Mist?« so erwiderte dieser mit einem Funken seiner alten Weisheit: »Ach, Herr, ich armer Tropf bin nicht wert, daß mich der Erdboden vor Euch trage!« Hierauf geleiteten sie den Kaiser in die Wohnung, die für ihn zugerichtet war, aufs Rathaus. Und weil der Tag noch lang war, so baten sie ihn um die Erlaubnis, ihn auf ihren Salzacker führen zu dürfen, und zeigten ihm hier ihr vortreffliches Gewächs; auch brachten sie die untertänigste Bitte vor, wenn ihnen diese Kunst geraten sollte, sie mit gnädigem Privilegium dafür auszustatten. Welches alles ihnen der Kaiser mit lachendem Munde gewährte.
Am andern Tage luden die Schildbürger den Kaiser zu Gaste, und dieser, dem ihre Schwänke und Possen wohl gefielen, erzeigte sich, um der Kurzweil willen, die ihn erwartete, willig dazu. Nachdem sie ihn daher in dem Dorfe herumgeführt und ihm ihre Misthaufen gezeigt, geleiteten sie ihn in ihr merkwürdiges Rathaus und hießen ihn an dem frischgedeckten Tische Platz nehmen. Das vornehmste Gericht, das aufgetischt wurde, war eine frische, kalte, saure Buttermilch: auf diese Seltenheit taten sich die Schildbürger am meisten zugute. Der Schultheiß setzte sich mit dem Kaiser zu Tische; die übrigen Bürger standen aus Ehrfurcht vor beiden um sie herum und langten von oben herab in die Schüssel. Sie hatten aber weislich zweierlei Brot in die Milch gebrockt. Vor des Kaisers Platz schwammen weiße Semmelwecken in der Sahne, vor den Bauern lagen die schwarzen Brocken in der Grundsuppe. Während sie nun aßen, der Kaiser das weiße, die Schildbürger das Haberbrot, erwischt von ungefähr ein grober Bauer einen Brocken von dem weißen Brote. Kaum hatte der Schultheiß diesen groben Verstoß gegen den Kaiser wahrgenommen, als er den Bengel auf die Hände schlug und ihn zornig anfuhr: »Flegel! willst du des Kaisers Brot essen?« Der Schildbürger erschrak, zog den Löffel schleunig zurück und legte den gekosteten Bissen fein bescheidentlich wieder in die Schüssel. Der Kaiser, der dieses wahrgenommen, hatte des Mahles genug und schenkte den Schildbürgern die saure Milch mitsamt dem weißen Brot.
Im übrigen blieb der Kaiser länger bei den Schildbürgern, als er sonst willens gewesen war, denn ihre Narrheit gefiel ihm über die Maßen. Als aber die Reichsgeschäfte ihn nötigten, heimzukehren, erbot er sich zur Abhilfe aller Beschwerden, die sie etwa vorzubringen hätten, und wollte sich ihnen als einen recht gnädigen Herrn erweisen. Da war ihre einzige Bitte, daß es ihnen vergönnt sein möge, ihrer schädlichen Weisheit fernerhin überhoben bleiben zu dürfen, dagegen in ihrer heilsamen Narrheit durch ein kaiserliches Privilegium für ewige Zeiten gesichert zu werden, so daß niemand sie hinfort darin hindern oder darüber anfechten dürfte. Diese Bitte gewährte ihnen der Kaiser willig und unter vielem Lachen, und es wurde ihnen ein förmlicher Freiheitsbrief für ihre Narrheit mit des Kaisers Unterschrift und Siegel ausgestellt und eingehändigt. Und so zog der Kaiser von dannen, nachdem er den Schildbürgern eine gute Mahlzeit, sich zu letzen, hinterlassen.
Diesen war es jetzt erst, nachdem der Kaiser fort war und sie im sichern Besitz ihrer Narrheit belassen hatte, recht wohl in ihrer Haut. Sie sprengten mit ihren Steckenpferden in das nächste Dorf, wo ihnen das kaiserliche Mahl angerichtet war. Als sie satt und trunken waren, kam sie das Verlangen an, auf eine grüne, schöne Aue hinauszuspazieren wie andere Junker, hier sich zu erlustigen und der Verdauung zu pflegen; doch vergaßen sie einige gute Flaschen Weines nicht und fuhren fort, im grünen Grase gelagert, bis in den Abend hinein zu zechen. Nun hatten sie aber alle Beinkleider von einerlei Farbe an, und im Zechen die Beine durcheinander geschränkt. Wie es nun an dem war, daß sie heimgehen sollten, siehe, da war eine große Not: keiner konnte mehr seine Füße oder Beine erkennen, weil sie alle gleichgefärbt waren; saßen da, guckte einer den andern an, und fürchtete jeder, ein anderer möchte ihm seine Füße nehmen, oder er einem andern seine Beine; sie waren deswegen in großer Angst. Während sie einander so angafften, ritt von ungefähr ein Fremder vorüber; den riefen sie und klagten ihm ihren Jammer, mit der flehentlichen Bitte, wenn er ein Mittel wüßte, einem jeden wieder zu seinen eigenen Beinen zu verhelfen, möchte er es um des Himmels willen anwenden, sie wollten sich gewiß mit guter Bezahlung dankbar erweisen. Der Fremde sprach, das könne wohl sein, stieg ab, und nachdem er sich vom nächsten Baum einen guten Prügel gehauen, fuhr er unter die Bauern und fing an, die nächsten, die besten auf die Beine zu schlagen; und welchen es traf, der sprang schnell auf, und mit den Streichen hatte ein jeder auch seine Füße wieder, denn der Geselle hatte sie ihm gefunden. Zuletzt blieb einer ganz allein sitzen, der sprach: Lieber Herr, soll ich meine Beine nicht auch haben? Wollt Ihr das Geld nicht auch an mir verdienen? Oder sind vielleicht diese Beine mein?« Der Fremde sprach: »Das wollen wir gleich sehen!« und zog ihm einen Streich darüber, daß es flammte. So sprang auch dieser letzte auf, und alle waren froh, daß sie ihre Beine wieder hatten. Sie schenkten dem Reiter ein gutes Trinkgeld und nahmen sich vor, ein andermal fürsichtiger mit ihren Füßen zu sein.