Als nun der angesetzte Tag erschien, an welchem ein weiser Rat zusammentrat, um zur Wahl eines Schultheißen zu schreiten, da hätte man Wunder hören können, welch zierliche, wohlgeschlossene Reime von ihnen vorgebracht wurden. Freilich war es schade, daß die edlen Ratsherren samt und sonders, in langer Ausübung ihrer verstellten Narrheit, zu einem so schwachen Gedächtnisse gekommen waren, daß ihnen allemal das rechte Schlagwort des Reimes beim Hersagen ausging, so daß zum Beispiel der fünfte (denn der ersten vier vortreffliche Reime sind verlorengegangen) seinen Reim also vorbrachte:
Ich heiße Meister Hildebrand
Und lehne mein'n Spieß an die – Mau'r.
worüber denn jedesmal die andern alle lachten, jeder, bis das Reimen an ihn selber kam. Der Schweinehirt stand weit hinten, und wegen seines niedrigen Standes kam die Reihe unter den letzten an ihn. Er war in tausend Ängsten, denn er fürchtete immer, es möchte ein anderer seinen Reim vorbringen und dadurch Schultheiß werden. Und so oft ein anderer nur ein einziges Wörtchen sagte, das auch in seinem Reime vorkam, so erschrak er, daß ihm das Herz hätte mögen entfallen. Da nun die Ordnung endlich auch an ihn kam, stand er auf und sprach mit kühner Stimme:
Ihr lieben Herrn, ich tret' – hieher,
Mein feines Weib, das heißt Kathrein,
Ist schöner als mein schönstes – Ferk'l,
Und trinkt gern guten, kühlen – Most!
»Das ist einmal ein Reim!« riefen die Ratsherren von Schilda einmütig und verwundert; »das lautet wie etwas! Das möcht's heben und ausrichten!« Und bei der Umfrage fiel die Wahl einhellig auf den Schweinehirten, denn sie waren fest überzeugt, er würde dem Kaiser wohl reimweise antworten können und ihm würdige Gesellschaft leisten. So war der Schweinehirt von Schilda über Nacht Schultheiß geworden.
Diese Ehre und Würde tat dem Hüter der Schweine so wohl, daß er alsbald beschloß, seinen Hirtenschweiß und Staub abzuwaschen und in die Nachbarschaft ins Bad zu gehen, denn zu Schilda war kein Bad. Unterwegs begegnete ihm ein anderer, der vor Jahren mit ihm Schweine gehütet, und begrüßte ihn als alten Mithirten und Gesellen mit einem freundlichen Du. Jener aber verbat sich dieses feierlich und fügte hinzu: »Wisse, daß wir nicht mehr sind, der wir zuvor waren; wir sind jetzt unser Herr, der Schultheiß zu Schilda!« Da wünschte ihm der andere Glück zu seinem neuen Amte bei dem ungezogenen Volk der Schildbürger und ließ ihn ziehen.
Also zog unser Herr, der Schultheiß, fort und kam in das Bad. Hier stellte er sich gar weise, saß in schweren, tiefen Gedanken, zählte von Zeit zu Zeit seine Finger ab, so daß alle, die ihn zuvor kannten, sich über diese Veränderung verwunderten und ihn für melancholisch hielten. Indessen fragte er einen, der neben ihm saß, ob dies die Bank sei, auf welcher die Herren zu sitzen pflegen? »Ja!« ward ihm geantwortet. »Ei, wie fein habe ich es getroffen,« dachte da der Schultheiß, »ist es doch, als habe mir's die Bank angerochen, daß ich Schultheiß zu Schilda sei!« Wie er nun lange so sitzt und vor lauter Nachdenken tüchtig schwitzt, kommt der Bader, sieht, daß sein Kopf naß ist, und meint, er habe schon gebadet. »Guter Freund,« sprach er, »Ihr habt den Kopf gewaschen, aber Ihr habt Euch noch nicht reiben und kratzen lassen! Ist dies nicht geschehen, so will ich Lauge herlangen und Euch ausreiben!« Der Schultheiß, der in tiefen Gedanken geschwitzt, antwortete: »Lieber Bader! Ich weiß wahrlich eigentlich nicht, ob ich gebadet habe, aber gerieben bin ich noch nicht! Unsereiner hat gar viel zu sinnen und zu denken, sonderlich ich, der ich trachten soll, wie ich dem Kaiser reimweise antworte. Denn versteht mich recht: ich bin der Schultheiß von Schilda!« Über diese Rede des Schweinehirten, die doch sein bitterer Ernst war, fingen alle, die im Bade waren, zu lachen an, ließen ihn jedoch bei seinen Ehren bleiben und noch eins darauf schwitzen.
Als er wieder nach Hause kam, vergaß unsere gnädige Frau, die Schultheißin, nicht, den verheißenen Pelz, den sie wohl verdient hatte, recht oft zu fordern, und als der Schultheiß wieder einmal, wichtiger Geschäfte halber, in die Nachbarschaft gehen wollte, unterließ sie nicht, ihn an den Pelz zu mahnen. Ehe noch der Schultheiß die Stadt betrat, fragte er schon den Torwart nach dem Hause des Kürschners; als dieser ihm solches wies, fragte er ferner, ob es auch der sei, bei welchem die Schultheißenfrauen ihre Pelze kaufen. Da merkte der Torwart erst, daß der Mann verrückt sein müsse, deswegen wies er ihn nun zu einem Kübler, einem lustigen Gesellen, bei diesem sollte er nach Schultheißenpelzen fragen. Der gute Schultheiß geht in aller Ehrbarkeit, wohin er gewiesen war, sagt dem Kübler, er sei der Schultheiß von Schilda und wolle Schultheißenpelze kaufen. Der Kübler merkt bald, woran er ist, und erwidert: Es sei ihm sehr leid, seine Wohledeln nicht fördern zu können, wie er wollte; aber gestern sei Markttag gewesen, da habe er alle vorrätigen Pelze abgegeben. Damit ihm aber geholfen würde, so weiset er ihn in eine andere Vorstadt, zu einem Wagner; dort werde er Pelze finden nach seinem Begehren. Nun brachte er sein Anliegen bei dem Wagner vor. Dieser aber, der auch ein Spottvogel war, weist ihn zu einem Schreiner, der Schreiner zu einem Sporer, der Sporer zu einem Sattler, der Sattler zu einem Orgelmacher, der zu einem Studenten, der zu einem Buchbinder, der zu einem Druckergesellen, der zu einem Buchhändler; der Buchhändler endlich zu einem Lebküchner: dort finde er sie, wie er's nur haben wollte, zum fressen schön.
Als nun der Schultheiß auch hier nach Pelzen fragte, da antwortete ihm der Lebküchner: Er habe diesmal keine; wenn er aber eine kleine Zeit Geduld habe wolle, so werde er ihm einen feinen Pelz von Lebkuchen anmessen, anschneiden und backen; den könnte er, wenn er seinem Weibe nicht gefiele, selber essen, alle Morgen einen Mund voll. Der Herr Schultheiß bedankte sich aufs höchste, erklärte aber, daß er nun so lange nach einem Pelz herumgelaufen sei und keine Zeit mehr habe, zu warten; er müsse heim, seinem Amte wieder obzuliegen, denn er sei Schultheiß zu Schilda. Der Lebküchner, der etwas gutmütiger war als die andern, dachte, der Herr Schultheiß sei genug zum Narren gehalten, und wies ihn deswegen recht, zu einem Kürschner, wo er nun Pelze aller Gattung fand, wie er nur begehrte. Und hier kaufte er endlich einen prächtigen Pelz, dessen sich eine Schultheißin auch in der Stadt nicht hätte schämen dürfen. Als er heimkam, empfing die Frau den Pelz mit Freuden, bekleidete sich mit ihm auf der Stelle, drehte sich nach allen Seiten und ließ sich sagen, wie er ihr stehe. Der Schultheiß aber verlangte, jetzt sollte sie für seinen Dienst ihm auch Küchlein backen; er wollte eine Wurst, die er aus der Stadt mitgebracht, dazu geben und eine Maß Wein dazu bezahlen. Da begann seine Frau, wie vorzeiten, grobe, dicke Schnitten zu backen; er aber stieß die ersten, die aus der Pfanne kamen, voll Unmuts zurück. »Wofür hast du mich angesehen,« sagte er, »meinst du nicht gar, ich sei ein Schweinehirt? Weißest du nicht, daß ich der Herr Schultheiß allhier zu Schilda bin?« Da mußte die Frau ihm Sträublein backen, die zehrten sie miteinander auf und tranken einen guten Schluck Weins dazu.