Es währte nicht lange, so fing der Acker an aufs allerschönste zu grünen und die frechsten Kräuter heraufzuschicken. Die Schildbürger hatten eine unsägliche Freude darüber und meinten, diesmal wäre ihnen die Sache wohl geraten. Sie gingen alle Tage hinaus, zu sehen, wie das Salz wüchse: ja, sie beredeten sich selbst, sie hörten das Salz wachsen, wie jener das Gras. Und je mehr es wuchs, desto mehr wuchs in ihnen die Hoffnung, und da war keiner unter ihnen, der nicht im Geiste schon ein ganzes Simri Salz gegessen hätte. Deswegen befahlen sie den Bannwarten, wenn etwa eine Kuh, ein Pferd, ein Schaf oder eine Geiß auf den Salzacker sich verirrte, so sollten sie diese Tiere auf alle Weise und ohne Schonung fortjagen. Dessenungeachtet kam das unvernünftige Vieh auf den wohlbebauten und besäeten Salzacker und fraß nicht nur die herrliche Aussaat von Salz, sondern auch das, was noch hätte wachsen sollen. Der Hüter, der dieses sah, wußte wohl, was ihm auferlegt sei. Aber er verlor den Kopf, denn er war ein Schildbürger, und anstatt das Vieh hinauszutreiben, lief er in die Stadt und meldete das Unheil dem Schultheißen und Rat. Dieser sah auch bald ein, daß dem Bannwart sein Vogelrohr gegen die vierfüßigen Tiere nichts helfen konnte; sie faßten daher, nachdem sie sich lang die Köpfe zerbrochen hatten, den weisen Beschluß: ihrer viere des edeln Rates, vor denen die Tiere sich vielleicht mehr als vor schlechten Leuten scheuen würden, sollten den Bannwart auf eine geflochtene Truhe setzen, ihm eine lange Rute in die Hand geben und ihn so auf dem Salzacker herumtragen, bis er das lose Vieh herausgetrieben hätte. Dies geschah, der Bannwart hielt seinen Umzug, als wäre er der Papst zu Rom, und die vier Ratsherren wußten mit ihren breiten Füßen so subtil einherzugehen, daß durch sie dem kostbaren Acker kein allzu großer Schaden widerfuhr.

Wirklich blühte und zeitigte das Salzkraut nicht anders, als ob es Unkraut gewesen wäre, auf das eher ein fruchtbarer Regen fällt, ehe denn es verdirbt. Wie nun ein ehrlicher Schildbürger über den herrlich grünenden Acker ging, konnte er es nicht lassen, ein weniges von dem edeln Salzkraut auszuraufen und es, bescheiden kostend, an den Mund zu führen. Nun ist es wahr, es bissen ihn die Brennesseln auf die Zunge, daß er hätte schreien mögen; aber eben das machte ihn ausnehmend fröhlich, er rannte, als wäre er ein rechter Narr, vor Schmerz und Freuden aus und ab und schrie mit heller Stimme: »Es ist Leckerwerk; Leckerwerk ist es!« Darauf lief er recht eilig, damit ihm niemand das Botenbrot abgewänne, nach dem Flecken Schilda und stürmte mit der großen Glocke, damit alle Schildbürger zusammenkämen und die gute Mär vernähmen. Als sie versammelt waren, zeigte er ihnen vor Freude zitternd an, sie sollten fröhlich und guten Mutes sein; das Kraut sei schon so scharf, daß es ihn auf der Zunge gebissen habe; es sei hieraus abzunehmen, daß ein recht gutes Salz daraus werden werde.

Dadurch veranlaßte er die Schildbürger, alle miteinander auf den Acker zu gehen, den Schultheiß an der Spitze. Dieser raufte ein Krautblatt heraus, reckte die Zunge und kostete es; und ihm taten es alle nach, und alle fanden es so, wie der Bote ihnen verkündet hatte. Sie waren sehr froh, und jeder dachte sich in seinem Sinne schon als einen mächtigen Salzherrn. Und als endlich die Zeit der Ernte gekommen war, da kamen sie herbei mit Roß und Wagen, um mit Sicheln das Salz abzuschneiden und heimzuführen. Etliche hatten gar ihre Dreschflegel gerüstet, um es gleich an Ort und Stelle auszudreschen. Als sie aber Hand anlegen und ihr gewachsenes Salz abschneiden wollten, da war es so herb und hitzig, daß es ihnen allen die Hände verbrannte. Dies hatten sie auch, von der großen Kraft des Salzkrautes unterrichtet, wohl überlegt, jedoch es nicht gewagt, sich mit Handschuhen zu versehen, weil der Sommer so gar heiß war, und sie fürchteten, man möchte ihrer spotten. Nun meinten einige, man sollte es abmähen wie das Gras; andere, weil es so gar hitzig wäre, so sollte man es mit der Armbrust niederschießen wie einen tollen Hund. Das letzte gefiel ihnen am allerbesten. Weil sie aber keinen Schützen unter sich hatten und befürchteten, wenn sie nach einem fremden schickten, so möchte ihre Kunst verraten werden, so ließen sie es bleiben. Kurzum, die Schildbürger mußten das edle Salzkraut auf dem Felde stehen lassen, bis sie einen besseren Rat fänden. Und hatten sie zuvor wenig Salz gehabt, so hatten sie jetzt noch weniger, denn was sie nicht verbraucht hatten, das hatten sie ausgesäet. Deswegen litten sie großen Mangel an Salz, zumal am Salze der Weisheit, das bei ihnen ganz dünn geworden war. Daher zerbrachen sie sich auch den Kopf darüber und sannen nach, ob etwa der Acker nicht recht gebaut worden, und hielten viele Ratssitzungen darüber, wie man es ein andermal besser machen könnte.


Nun weiß jedermann, daß vorzeiten die Weisheit der Schildbürger weit und breit durch alle Lande gerühmt war, so daß jedermann etwas davon zu sagen wußte. Doch war dies schon gar lange her. Aber das Gerücht von ihrer Torheit verbreitete sich in kurzer Zeit noch viel weiter, so daß bald niemand auf der ganzen Welt war, der nicht alles gewußt hätte, was sich bei ihnen zugetragen hatte.

So geschah es, daß dem Kaiser des großen Reiches Utopia, als er wegen Reichsgeschäften in diejenige Gegend seines Landes kam, in welcher der Flecken Schilda lag, vieles von den abenteuerlichen Schildbürgern erzählt wurde. Darüber wunderte sich der Kaiser um so mehr, weil er sich früher auch in wichtigen Sachen ihrer Weisheit bedient und sich Rates bei ihnen erholt hatte. Weil er nun doch in jener Gegend verziehen mußte, bis sich die Stände des Reiches, die er dorthin beschieden, versammelt hätten, so verlangte ihn, einen persönlichen Besuch in Schilda zu machen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie es sich mit der Torheit seiner dortigen Untertanen verhielte. Er fertigte daher einen Gesandten ab, um ihnen seine Ankunft zu verkündigen, damit sie ihre Zurüstungen treffen könnten. Dabei ließ er ihnen anzeigen, daß er sie bei allen ihren althergebrachten Privilegien und Freiheiten schirmen, auch mit weiteren begnaden wolle, unter der Bedingung, daß sie ihm auf die erste Rede, die er an sie richten werde, so antworten könnten, daß sein Gruß und ihre Antwort sich reime.

Die armen Schildbürger erschraken über dieser Botschaft wie eine Katze, wenn sie sich unversehens vor dem Kürschner, oder eine Ziege, wenn sie sich vor einem Schneider findet. Obwohl sie nur Bauersleute waren, welche, wie man meint, das Recht haben, einfältig zu sein, so fürchteten sie doch, der Kaiser – der mit seinen Augen, obschon sie nicht größer sind als anderer Leute Augen, doch viel weiter sehe und mit seinen Händen länger reiche – möchte merken, daß ihre Narrheit nur eine angelegte sei, und sie selbst möchten nicht nur seine allerhöchste Ungnade erfahren müssen, sondern vielleicht gar gezwungen werden, wieder witzig und verständig zu sein. Denn es ist freilich nicht ein Geringes, sich selbst zum Narren zu machen und seinen Verstand mutwillig dem allgemeinen Nutzen zu entziehen. Man sollte wenigstens warten, bis man entweder von selbst ein Narr oder durch andere zu einem Narren gezimmert wird. Dann kann man sich mit gutem Gewissen einen Narren schelten lassen von jedermann, und wäre dieser auch gleich ein zehnmal größerer Narr. Die Schildbürger nun suchten in solchem Schrecken bei ihrer alten, hinterlegten Weisheit Rat und Hilfe. Sie ordneten alles, was in Stall und Küche notwendig war, aufs fleißigste, um den Kaiser so stattlich als möglich in ihrem Dorfe zu empfangen. Unglücklicherweise aber hatten sie damals gerade keinen Schultheißen, denn der im Anfang ihrer Torheit gewählte war, aus Kummer über seine aufgegebene Kunst und Weisheit, zu einem rechten, völligen Narren und daher zu seinem Amte unbrauchbar geworden. Nachdem sie sich nun lange über eine neue Wahl beraten, kamen sie endlich darin überein, weil sie ja dem Kaiser auf seine ersten Worte in Reimen antworten müßten, so sei es wohl am besten, daß derjenige Schultheiß werde, der auf den folgenden Tag den besten Reim hervorbringen könnte. Darüber wollten sie die Nacht schlafen. Nun zerbrachen sich die weisen Herren die ganze Nacht den Kopf, denn da war keiner von allen, der nicht gedacht hätte, Schultheiß zu werden. Aber am unruhigsten schlief derjenige Schildbürger, der bisher einer andern Gemeinde vorgestanden, das heißt, der die Schweine gehütet hatte. Er warf sich so wild hin und her, daß seine Frau endlich erwachte und ihn fragte, was ihm fehle. Der Schweinehirt aber wollte nicht aus dem Rate schwatzen, und nur mit vieler Mühe konnte ihn sein Weib bewegen, ihr zu sagen, was sich Wichtiges begeben habe. Als er ihr aber endlich anvertraut, womit die Schildbürger umgingen, da wäre des Schweinehirten Frau ebenso gern Schultheißin gewesen als der Schweinehirt Schultheiß. »Kümmere dich über diesen Handel nicht, lieber Mann,« sagte sie. »Was willst du mir geben, wenn ich dich einen Reim lehre, daß du Schultheiß werdest?« – »Wenn du das kannst,« sprach der Schweinehirt vergnügt, »so will ich dir einen schönen neuen Pelz kaufen.« Damit war die Frau sehr zufrieden, besann sich eine kleine Weile und fing an, ihm folgenden Reim vorzusprechen:

Ihr lieben Herrn, ich tret' herein,
Mein feines Weib, die heißt Kathrein,
Ist schöner als mein schönstes Schwein,
Und trinkt gern guten, kühlen Wein.

Diesen Reim sprach die Schildbürgerin, die sich nicht wenig auf ihre Dichtkunst zugute tat, ihrem Hauswirt neunundneunzigmal vor und er ebenso oft ihr nach, bis er ihn ganz gekaut und verschluckt zu haben meinte. Aber auch die andern Schildbürger hatten nicht gerastet, vielmehr hatten alle vom eifrigen Reimen größere Köpfe gekriegt, und da war ihrer keiner, der nicht die ganze Nacht über Schultheiß gewesen wäre.