Es studierten zu der Zeit, nämlich Anno 1525, drei junge Freiherren zu Wittenberg samt ihrem Hofmeister. Diese, als sie erfahren, daß das kurfürstlich bayerische Beilager mit nächstem sollte zu München vollzogen werden, wie denn bereits dazu allerhand erdenkliche kostbare Zubereitung mit großer Pracht wäre gemacht worden, ging ihnen dieses alles mächtig zu Herzen, und sie waren sehr begierig, etwas von solchem zu sehen, weil allda auf einmal viel zu schauen wäre. Redeten demnach miteinander und wußten doch nicht, wie sie die Sache angreifen sollten; der ein wollte, sie sollten mit ihm ziehen, weil übermorgen der Hofmeister auf eines Freundes Hochzeit, wiewohl nicht weit von der Stadt, verreisen würde; er wollte schon Rosse zu reiten bekommen, bei dem Hofmeister wollten sie sich wohl entschuldigen usf. Der andere war mit diesem wohl zufrieden und verlangte nur Zeit der Abreise, wiewohl ihm des Hofmeisters Abwesenheit im Wege stand. Der dritte aber sprach: »Ihr lieben Herren Vettern, wenn ihr mir folgen wollet, so wüßte ich wohl zu diesem Handel einen guten Rat, wobei wir weder Sattel noch Pferde dazu bedürften, könnten nichtsdestoweniger bald, ehe man es auch allhier unter andern wahrnähme, wiederum zu Hause sein. Euch ist allesamt wohl bewußt, wie Doktor Faustus allhier als ein sonderlicher Freund und guter Gönner der Studenten uns, die wir viel Kurzweil und Ergötzlichkeit zu verschiedenen Malen in seiner Behausung genossen haben, geneigt und gewogen sei, auch was er zuwege bringen und vermittelst seiner, wiewohl in stiller Heimlichkeit gehaltenen, Schwarzkunst verrichten möge. Dieses nun unser Verlangen, das fürstliche Beilager zu sehen, wollen wir ihm vortragen, ihn deswegen beschicken und freundlich darum ansprechen, unter dem Versprechen einer stattlichen Verehrung, so er uns in diesem Stücke zu Willen sein würde.« Dieser Rat mißfiel den zweien andern nicht; es wurde beschlossen, eine stattliche Zusammenkunft zu veranstalten, zu der sie auch den Doktor Faustus beriefen. Nach einem kleinen Umtrunke gaben sie ihm ihr Verlangen und die Ursache seines Beschickens zu verstehen; darein er denn alsobald einwilligte und ihnen aufs möglichste zu dienen zusagte, nur daß sie solches in der Stille halten möchten.
Den Abend nun zuvor, als morgenden Tags darauf das fürstliche Beilager seinen Anfang nehmen sollte, beruft Faustus die drei Freiherren in seine Behausung, befiehlt ihnen, sie sollen sich aufs schönste ankleiden, das denn zur Stunde geschah; bedeutet ihnen zugleich: Er wolle wohl ihres Willens sein und sie in gar kurzer Zeit nach München bringen, aber sie sollten ihm treulich verheißen und zusagen, daß keiner unter ihnen während dieser Fahrt ein Wort reden, auch, ob sie schon in den fürstlichen Palast kämen und man mit ihnen reden würde, daß sie ja keine Antwort geben sollten; wenn sie solches leisten würden, so wolle er sie sicher und ohne Gefahr dahin führen und von da wiederum nach Hause bringen; wo sie aber dem nicht würden nachkommen, sondern während der Zeit etwas reden und sich versehen, so wollte er außer der Schuld sein, und solle alle Gefahr alsdann auf ihrem Halse liegen. Darauf sie denn solches ihm zu tun zusagten und mit aller Pünktlichkeit einhalten zu wollen versprachen.
Vor Tages nun richtete Doktor Faustus seine Fahrt also zu: er legte seinen Nachtmantel ausgebreitet auf ein Beet im Garten seines Hauses, setzte die drei jungen Baronen darauf, sprach noch einmal ihnen tröstlich zu, sie sollten unerschrocken sein und sich nicht fürchten, und nur ihres Versprechens eingedenk sein, nicht zu reden, sie würden bald an dem verlangten Ort sein; und siehe, da erhob sich bald ein Wind, der schlug den Mantel zu, daß sie zusamt dem Faustus darin wohl geborgen lagen, und so hob der Wind den Mantel empor, und fuhren sie miteinander in des ††† Namen, den Doktor Faustus beschworen, fort, erschienen auch nach Verfluß etlicher Stunden, bei schon hellem Tage, in dem Vorhofe des fürstlichen Palasts zu München, ohne daß jemand ihrer gewahr geworden, wie und welcher Gestalt sie dahingekommen. Nachdem sie sich aber dem Palaste genähert und der Hofmarschall ihrer ansichtig geworden, empfing dieser sie gar höflich und ließ sie, als Fremde, durch andere, weil er selbst sehr beschäftiget war, in den obern Saal begleiten. Es kam aber zuerst dem Hofmarschall und nachmals dem Hofjunker, der sie begleitete, wunderseltsam vor, daß sie sogar auf keine Frage, woher und von wannen sie wären und kämen, etwas antworteten, sondern, gleich als ob sie stumm wären, mit tiefster Reverenz ihre Gegenehrerbietung zu verstehen gaben. Und weil mehr zu tun und nicht Zeit war, der Sache ferner nachzudenken, wurden die Freiherrn dagelassen, bis die Trauung geschehen und es nun an dem war, daß man bei herannahendem Abend zur Tafel sitzen wollte. Nachdem nun die fürstlichen Personen ihre Stelle an der Tafel genommen, und man auch mit dem Handwasser auf Befehl des Kurfürsten (dem indessen der Hofmarschall von diesen drei stummen Herren einige Meldung getan, daß sie sich nicht zu erkennen geben wollten) bis zu ihnen gelangt war, spricht der eine von ihnen, seines Versprechens vergessend, er bedanke sich wegen solcher hohen Ehren zum allerhöchsten! Nun muß man wissen, daß Doktor Faustus, wie oben gedacht, ihnen ausdrücklich befohlen, sie sollten nicht ein Wort reden, und wenn er würde zweimal sprechen: wohlauf, wohlauf, so sollten sie alsobald nach seinem Mantel greifen, sodann würden sie alsbald wieder den Weg unsichtbar fahren, den sie hergekommen; diesem zufolge hatten nun sofort die beiden, auf das an sie ergangene Wort des Faustus, den Mantel ergriffen und fuhren miteinander unsichtbar dahin; der dritte aber, der sich wegen des gereichten Handwassers und der Berufung zur Tafel bedankt, ist ganz erschrocken dahinten gelassen worden.
Es ist leicht zu ermessen, wie diesem Hinterlassenen müsse zumut gewesen sein, zumal es ja nicht lang verschwiegen bleiben mochte, und je einer dem andern von dem Handel etwas in die Ohren lispelte, bis es endlich vor die Ohren des Kurfürsten selbst gelangte, der denn bald Nachfrage halten ließ, wie es mit solchem allen eigentlich beschaffen wäre. Wie sollte aber dieser Halbgefangene auf ein und anderes Ausfragen besser antworten, als mit Verschwiegenheit, weil er leichtlich erachten konnte, wenn er seine Herren Vetter verraten und den ganzen Verlauf entdecken würde, dieses gar bald ihren Eltern und ihnen selbst zu großer Beschimpfung kundgetan werden dürfte? Er getröstete sich dabei, als er auf Befehl des Kurfürsten sofort an einen wohlverwahrten Ort, gleich als in Gefangenschaft geführt wurde, daß seine Vettern ihn nicht lassen würden, sondern den Doktor Faust vermögen, daß er aus seiner Gefangenschaft wieder befreiet werden möchte. Welches denn auch nicht lange nachher geschehen; denn ehe der folgende Tag recht angebrochen, machte sich Doktor Faustus auf, kam an den Ort, wo der junge Freiherr gefangen lag, und als er sah, daß das Gemach mit etlichen von der Leibwache des Fürsten verwahrt war, bezauberte er sie als mit einem süßen Schlaf, eröffnete mit seiner Kunst Schloß und Türe, schlug seinen Mantel um den Freiherrn, der noch gar sanft schlief, und brachte ihn also unvermerkt zu seinen beiden Vettern nach Wittenberg. Darüber waren sie denn sehr erfreuet, bedankten sich aufs höchste und beschenkten den Doktor mit einer ansehnlichen Verehrung.
Wahr ist es, daß der Geist Mephistopheles eben genug zu tun hatte, Geld und Mittel zu verschaffen, daß sein wollüstiger und verschwenderischer Herr genug zu bankettieren und zu verschlemmen hatte; er wollte daher dieses so sehr nicht mehr tun, sondern warf ihm einst mit allem Ernst vor: er wäre nun schon eine lange Zeit her mit aller Kunst und Geschicklichkeit versehen und begabt worden, daß er sich deren wohl bedienen und sich wohl selbst ernähren könnte, ohne daß er, der Geist, hinfort etwas mehr dabei täte; dawider denn Doktor Faustus sich nicht wohl setzen durfte, weil er bei sich bedachte: Es ist wahr, was soll mir meine Kunst und Geschicklichkeit, wenn ich deren nicht gebrauche? wie will denn mein Name ausgebreitet werden? Er ließ es demnach dabei beruhen. Damit er nun beizeiten Geld überkommen möchte, auch solches mit guten Gesellen zu verspielen hätte, wollte er ein Stücklein seiner Kunst seine guten Freunde sehen lassen; er verfügte sich daher mit ihnen zu einem sehr reichen Juden, um bei ihm Geld aufzubringen, obwohl er nicht im Sinn hatte, dasselbe wiederzugeben: er begehrte deswegen von dem Juden sechzig Taler auf einen Monat lang, die wolle er ihm alsdann mit Dank wiederum bezahlen, oder aber sollte er ihm ein Bein statt des Unterpfands abnehmen (welches er selbst nur scherzweise redete, der Jud aber für Ernst aufnahm); und so leihet ihm denn der Jud – nachdem er die andern Anwesenden zu Zeugen angerufen – die Summe.
Als nun die Zeit bereits verflossen, und der Jude, der nichts Gutes ahnte, sich in Doktor Fausts Behausung verfügte, allda sein Geld samt den Zinsen zu holen, empfing dieser ihn aufs freundlichste und sprach zu ihm: »Lieber Jud, ich weiß mich gar wohl zu entsinnen, daß ich dir nach Verfluß dieser Zeit dein Geld samt dem Interesse wiederzugeben versprochen, allein wer kann dafür, daß ich anjetzo nicht bei Geld bin? Willst du nicht länger borgen, so magst du laufen, ich gönne dir eher keine Bratwurst!« Leicht ist zu erachten, daß dieses dem Juden die Galle überlaufen machte, und weil noch zwei andere Juden mit ihm erschienen waren, brach er ganz entrüstet in Drohworte gegen Doktor Faustus aus: er sollte ein für allemal anderen Sinnes werden, oder er wollte sich mit Gewalt an sein versprochenes Unterpfand halten, und das sei einer von seinen Füßen! Doktor Faust stellte sich, als wüßte er nichts hievon, und begehrte von ihm solches auf seiner Obligation zu lesen, weil er's nicht glauben könnte; als er's nun gelesen, sagte er: »Mein Mausche, es ist wahr, ich hab' verloren, weiß dich auch sobald nicht zu bezahlen, deswegen magst du dich an dein Unterpfand halten, und hiermit hast du deinen Bescheid.« Der Jude, ganz rasend, dachte: Ich habe wohl schon ein mehrers als sechzig Taler auf einmal verloren! wollte sich auch kurzweg an sein Unterpfand halten und den Fuß haben; er stellte sich aber nur so, um dem Doktor Faust einen nicht geringen Schrecken einzujagen.
Aber was geschieht? Doktor Faustus tut, als sei ihm bei der Sache ganz wohl, nimmt eine Säge, legt sich auf das Faulbett, gab jene dem Juden und sprach: er sollte nun in aller Henker Namen sein Unterpfand hinnehmen, jedoch mit dieser ausdrücklichen Bedingung, daß ihm der Fuß innerhalb solcher Zeit und sobald er die ganze Summe würde entrichten wollen, wiederum alsobald zu Handen möchte gestellt werden: welches nicht allein der Jude ihm zusagte, sondern stracks darauf als ein rechter Christenfeind über den Schenkel herfuhr, den Fuß mit jüdischer Begierde absägte, das Blut mit einer aufgelegten Salbe stopfte, den guten Faustus aber, seiner Meinung nach halbtot, hinter sich ließ. Der Jude zog samt seinen Gesellen mit dem Fuß fort, dachte unterwegs und sagte zu den andern, was ihm jetzt dieser Stümmel frommen möchte? Der Fuß könnte ihm noch teuer genug zu stehen kommen, wenn Doktor Faust deswegen sterben sollte; deswegen warf er ihn, weil die andern gleiches sagten, als er über eine Brücke nach Hause ging, in ein fließendes Wasser und zog seinen Weg, an nichts anders denkend, als daß er nimmermehr bezahlt wäre.
Mittlerweile, als es dem Doktor Faust Zeit dünkte, sein Unterpfand zu lösen, beruft dieser seinen Gläubiger, den Juden, durch etliche Studenten, seine vertrauten Freunde, wie auch zween Gerichtsbediente, in seine Behausung auf einen bestimmten Tag, wo er dem Juden gegen Zurückgabe seines Unterpfands seine Schuld abstatten wollte. Wer erschrak mehr als der Jude, da er diese unverhoffte Post überkam, und noch viel mehr, da er mit Gewalt mitzugehen gezwungen ward! Faustus aber stellte sich auf des Juden Ankunft sehr verdrießlich und dabei recht ungeduldig, daß der Jude mit dem Fuß so lange ausgeblieben wäre, da er doch schon vor etlichen Tagen das Geld beisammen gehabt und nun nichts anders zu erhalten verlange als sein Unterpfand. Der Jude, weil er's nicht mehr bei Handen hatte, konnte dieses (wie dem Faustus keineswegs verborgen war) nicht mehr herbeischaffen; er stand deswegen in nicht geringen Sorgen, und erbot sich, er wolle die Schuldverschreibung wieder einhändigen und hinfüro der Schuldforderung nicht mehr zu gedenken, sondern sie als bezahlt unterschreiben, nur sollten sie ihm das Unterpfand erlassen. Das war eine angenehme Zeitung für unsern Faustus; der Jude aber machte sich hierauf bald zur Türe hinaus und war froh, daß er so gut davongekommen; Faust indessen stand vom Bett auf, machte sich mit den Studenten nach seiner Weise mit des Juden Geld recht lustig, und alle konnten über den Possen, den Doktor Faust dem Juden angetan, nicht genug lachen.