In der Schlossergasse zu Erfurt stand ein Haus, zum Anker genannt, darin wohnte damals ein Stadtjunker, bei welchem, als einem Liebhaber der Schwarzkunst, sich Doktor Faustus oftmals aufhielt, welchen auch dieser Junker stets hochachtete. Es begab sich aber auf einen Tag, daß Doktor Faust, der auch auf der hohen Schule zu Erfurt in großem Ansehen stand, einem andern zu Gefallen nach Prag verreist war; der Junker aber beging eben seinen Namenstag, wozu er denn etliche gute Freunde, allesamt Gönner Doktor Fausts, berufen: diese nun waren bis in die späte Nacht recht lustig und wünschten sämtlich nichts mehr, als daß nun ihr guter Freund Faustus dabei und gegenwärtig wäre, sie wollten noch viel fröhlicher sein.

Einer aber unter ihnen, der bereits einen guten Rausch hatte, nahm ein Glas mit Wein, streckte das in die Höhe und sprach: »O, guter Gesell Fauste, wo steckest du jetzund, daß wir deiner also entbehren müssen? Wärest du allhier, wir würden ohne Zweifel etwas von dir sehen, das unsere Fröhlichkeit vermehren sollte; weil es aber für diesmal nicht sein kann, so will ich dir dies zur Gesundheit gebracht haben; kann es aber sein, so komm zu uns und säume dich nicht!« Darauf tat er einen Jauchzer und trank das Glas aus.

Nach etwa einer Viertelstunde aber pocht jemand an die Haustüre gar stark; ein Diener lauft an das Fenster, zu schauen, wer da wäre; da stieg eben Doktor Faustus von seinem Pferd ab, führte solches bei dem Zügel und gab sich dem Diener, der die Türe öffnen wollte, zu erkennen, mit der Bitte, dem Junker und gesamten Gästen zu sagen, wie der zur Stelle und gegenwärtig wäre, nach dem sie allesamt so sehr verlanget hätten. Der Diener voll Erstaunens lauft eilends und zeiget solches dem Junker und gesamter Gesellschaft an; diese lachen und sagen, ob er ein Tor oder voll Weins wäre? Doktor Faust sei ja verreist und könne nicht über die Mauern herfliegen, nicht er werde es, sondern ein anderer sein. Indessen klopfte Faustus noch einmal stark an, daß also der Junker genötigt ward, von der Tafel aufzustehen; er sah aber kaum zum Fenster hinaus, da nahm er des Doktor Faust beim Mondschein gewahr und schenkte also des Dieners Anbringen Glauben: alsbald ward die Tür geöffnet, Doktor Faustus aber von allen freundlich empfangen und sein Pferd durch den Knecht in den Stall geführt und gefüttert. Die erste Frage war, daß die gesamten Gäste zu wissen verlangten, wie er doch so bald, und ehe sie sich dessen versehen täten, von Prag wiederkäme? Er antwortete kurz darauf: »Da ist mein Pferd gut dazu. Weil mich die sämtlichen Herren so sehr herbeigewünscht, mich auch zum öftern mit Namen gerufen, hab' ich ihnen willfahren und bei ihnen allhier erscheinen wollen, wiewohl ich nicht lang verbleiben kann, sondern bei anbrechendem Tag, der angefangenen Geschäfte wegen, wiederum zu Prag sein muß!« Darüber wunderten sich alle nicht wenig, fingen inzwischen das Spiel wieder an, wo sie es gelassen, waren fröhlich und guten Mutes, dabei nun auch Doktor Faustus das seinige tun wollte, deswegen spricht er zu den Gästen: ob sie nicht auch einmal von fremden und ausländischen Weinen einen Trunk versuchen möchten: es wäre gleich, Rheinwein, Malvasier, Spanischer oder Franz-Wein; worauf sie bald mit lachendem Munde sprachen: »Ja, ja, sie sind alle gut.« Zur Stund' fordert Doktor Faustus von dem Diener einen Bohrer, fängt an, auf die Seiten des Tischblatts vier Löcher nacheinander zu bohren, verstopft solche mit vier Zäpflein und hieß alsdann ein paar Gläser schwenken und herbringen; da diese gebracht waren, ziehet er ein Zäpflein nach dem andern aus: da sprangen die genannten Weine heraus in die Gläser, dessen sich die Gäste höchlich verwunderten, lachten und waren recht guter Dinge, versuchten auch die Weine und genossen derer auf Zusprechen und Versichern Fausts, daß es natürliche Weine wären, mit großer Begierde.

Während solcher Kurzweil, nach Verfluß von drei Stunden, kommt des Junkers Sohn, der spricht zum Doktor Faust: »Herr Doktor, wie muß man das verstehen? Euer Pferd frißt so unersättlich, daß der Stallknecht beteuert, er wollte wohl zwanzig Pferde mit dem, was es bereits gefressen hat, füttern; gleichwohl will dieses alles nicht flecken, ich glaube, der Teufel frißt aus ihm, es stehet noch immer und siehet sich um, wo mehr sei.« Über diese recht ernstlichen Worte, wie sie der junge Mensch vorbrachte, lachten sie alle, Faust aber am meisten, der darauf antwortete: er sollte es nur dabei verbleiben lassen, das Pferd hätte diese Art; es hätte für diesmal genug gefressen, denn sonst würde es wohl allen Hafer von dem Boden hinwegfressen, wenn man seinen unersättlichen Magen füllen wollte. Es war aber dieses unersättliche Pferd sein Geist Mephistopheles. Mit solchen und dergleichen andern Kurzweilen brachten sie die Nacht hin, daß der frühe Morgen bald begann anzubrechen, da tat Fausts Pferd einen hellen, lauten Schrei, daß man es in dem ganzen Hause hören mochte. »Nun,« sagte alsbald Doktor Faustus, »bin ich zitiert; ich muß fort!« und wollte also Abschied nehmen: aber die Gäste hielten ihn auf; da machte er an seinen Gürtel einen Knoten, den Aufbruch nicht zu vergessen, und sagte ihnen noch ein Stündlein zu, nach Verfluß dessen aber fing das Pferd an zu wiehern, da wollte er wieder kurzweg fort, doch ließ er sich erbitten, weil er von einem magischen Stück zu erzählen angefangen, noch ein halbes Stündlein zu verbleiben. Jetzt tat das Pferd aber den dritten Schrei, da wollte sich Faust nicht länger aufhalten lassen und nahm seinen Abschied von ihnen allen; diese bedankten sich bei ihm der unverhofften Einsprache wegen, und gaben ihm das Geleite bis zur Haustüre, da er sich denn auf sein Pferd setzte und immer die Schlossergasse hinaufritt, bis zum Stadttor, das noch nicht geöffnet war; dessenungeachtet schwang sich sein Pferd mit ihm in die Luft, daß, die ihm nachsahen, ihn bald aus dem Gesichte verloren: Faust aber kam noch bei frühem Tage in sein voriges Haus in der Stadt Prag.


Einst reisten einige Kaufleute mit Doktor Faust hinab gen Frankfurt auf die Messe und kamen im Odenwald abends in ein Städtlein, Boxberg; nun lag auf einem Berge daselbst ein Schloß, auf welchem ein Vogt hauste, der der Verwandte eines Kaufmanns unter der Gesellschaft war; dieser, da er gerne seinem Vetter eine Ehre erweisen wollte, berief die ganze Gesellschaft folgenden Tags zu sich auf das Schloß, das hoch lag, und traktierte sie nach bestem Vermögen. Da sie nun einander mit dem Trunk ziemlich zugesetzt und allbereits Abschied nehmen wollten, weil es aussah, als ob ein ander Wetter kommen wollte, spricht einer unter der Gesellschaft, der indessen zum Fenster hinausgesehen: »Nein, nein, es hat keine Not des Regenwetters halber, es stehet ein schöner Regenbogen am Himmel!« Da Doktor Faustus das vernahm, stand er vom Tisch auf, ging zum Fenster, sah hinaus und sagte: »Was soll es gelten, ich will mit meiner Hand diesen Regenbogen ergreifen!« Die andern, denen die Kunst Doktor Fausts nicht so gar bekannt war, liefen sämtlich vom Tisch, diesem unmöglichen Ding zuzusehen; denn der Regenbogen stand noch weit von da, um die Gegend Boxbergs herum. Bald aber strecket Doktor Faustus seine Hand aus, und siehe, da ging der Regenbogen über dem Städtlein her, gegen das Schloß zu, bis an das Fenster; so daß er den Regenbogen mit der Hand augenscheinlich faßte und gleichsam hielt. Er sagte auch darauf, so die Herren möchten zusehen, so wollte er auf diesen Regenbogen sitzen und davonfahren: aber sie wollten nicht und verbaten sich's. Zur Stunde zog Faust die Hand ab, da schnellte der Regenbogen hinweg und stand wiederum wie zuvor an seinem Ort.


In der Stadt Braunschweig wohnte ein Vornehmer von Adel, der an der Schwindsucht krank lange Zeit danieder gelegen; und ob er wohl alle in und außer der Stadt befindliche Ärzte zu sich gefordert, so wollte doch nichts helfen. Weil denn alle natürlichen Mittel vergebens waren, wollte er sich endlich auch der magischen Kur des damals in der Nähe auf einem Schlosse sich aufhaltenden Doktor Faust, auf den Rat eines guten Freundes, unterwerfen, berief daher diesen schriftlich und unter dem Versprechen einer reichlichen Belohnung, wo er ihm helfen werde, zu sich. Doktor Faustus sandte den Boten gleich wieder nun zurück und versichert den Herrn, daß er bald kommen und nicht säumen wollte: und ob er wohl gute Gelegenheit von dem Herrn des Schlosses sowohl zu reiten als zu fahren hatte, wollte er doch lieber, weil es auch sonst seine Gewohnheit war, zu Fuße gehen. Als er nun von Ferne die Stadt erblickte, ward er gleich hinter sich eines Bauern gewahr, der mit einem leeren Wagen, mit vier Rossen bespannt, gerade der Stadt zufahren wollte; diesen sprach Doktor Faust mit guten Worten an, er sollt ihn auf den Wagen sitzen lassen und ihn, weil er sehr müde wäre, führen bis an das Stadttor. Der Bauer aber schlug es rund ab und meinte, er würde ohne das genug aus der Stadt zu führen haben, könnte nicht erst sich mit ihm verweilen und ihn aufsetzen; wiewohl es dem Doktor Faust nicht ernst war, sondern er machte nur einen Versuch, ob der Bauer so dienstwillig sein würde. Nun tat ihm die grobe Weise und unbillige Antwort des Bauern sehr weh; und er gedachte bei sich selbst: Wart', du grober Esel, du mußt mir herhalten, ich will dich mit gleicher Münze bezahlen; tust du solches einem Fremden, was wirst du sonst tun? Alsobald spricht er etliche Worte, da sprangen die vier Räder zugleich vom Wagen und fuhren zusehend in die Luft hinweg, gleichermaßen fielen auch die Pferde nieder, als wären sie vom Hagel getroffen worden, und regten sich nicht mehr. Als der Bauer dies sah, erschrak er, wie leicht zu glauben, von Herzen, weinte und bat mit aufgehobenen Händen den Doktor Faust, er solle ihm Gnade erweisen, er wisse wohl, daß er sich grob an ihm, als einem Fremden, versündigt hätte, er wolle es gewiß nicht mehr tun! Was sollte nun Doktor Faustus machen? Er sagte: »Ja, du grober Gesell, tue es hinfüro keinem mehr, was du mir getan hast, ich will diesmal deiner verschonen: damit du aber nicht gar leer ausgehest und zugleich ein Andenken haben mögest, andere Fremde nicht solchergestalt zu traktieren: so nimm immerhin das Erdreich unter deinen Rossen und wirf es auf sie!« Der Bauer gehorcht dem Faust und wirft die Erde auf sie, alsobald richteten sie sich wieder auf. »Aber«, fuhr Doktor Faustus fort, »deine Räder wiederum zu bekommen, gehe der Stadt zu; bei den vier Toren wirst du ein jegliches Rad finden und antreffen!« Der Bauer brachte also den halben Tag zu, bis er seine Räder wieder bekam. –

Als nun Doktor Faust mit obgedachten Kaufleuten gen Frankfurt gekommen, wurde er – wie bei solcher Meßzeit allerhand Gaukler und Abenteurer gemeiniglich erscheinen und zusammenkommen – von seinem Geist Mephistopheles berichtet, daß in einem Wirtshaus bei der Judengasse vier verwegene Gaukler und Schwarzkünstler seien, darunter der eine der Meister, die andern seine Knechte. Diese hieben einander die Köpfe ab, ließen den abgeschlagenen Kopf durch einen dazu bestellten Barbier waschen und säubern und setzten den dem Leibe wieder auf, zu jedermanns Verwundern, welches denn auch diesen Schwarzkünstlern ein großes Geld eintrug, weil viel Herren und auch reiche Kaufleute der Stadt sich dahin verfügten und zuschaueten. Solches verdroß den Doktor Faust nicht wenig, denn er meinte, er wäre allein des Teufels Hahn im Korb; deswegen nahm er sich gleich vor, seine Kunst auch hier sehen zu lassen, und ging dahin, nebst andern dem Handel zuzuschauen. Er sah aber daselbst bald eine rote Decke auf der Erde ausgebreitet liegen. Auf der Seite des Zimmers stand ein Tisch und auf demselben ein verglaster Hafen, darin, wie sie vorgaben, ein destilliertes Wasser wäre, in welchem Wasser vier grüne Lilienstengel standen, die nennten sie die Wurzeln des Lebens.

Nun war es mit dem Handel also beschaffen, daß, wenn einer von den Gauklern niederkniete auf die rote Decke, ging bald der andere herbei und hieb mit einem breiten Schwert diesem den Kopf ab und gab ihn dem Barbier, der ihn zwagen und sogar barbieren mußte. Wenn dieses verrichtet war, gab alsdenn der Barbier dem Meister den Kopf, der solchen den Anwesenden zu beschauen darreichte; inzwischen setzte man den Körper auf einen Stuhl, und wenn es Zeit war, so setzte je einer nach dem andern den Kopf, mit vielen seltsamen Worten und Zeremonien, wieder auf: sobald aber dieses geschehen, sprang eine Lilie aus den vieren in dem Hafen auf dem Tisch in die Höhe, und wurde sobald auch der Leib wiederum ganz; und dieses trieben sie immer so fort, bis es auch an den Meister kam. Diesem nun, ob ihn schon vorher Doktor Faustus sein Leben lang nicht gesehen hatte, wollte er eines versetzen und solchem Gaukelwerk ein Ende machen. Daher, als sie zum andernmal das Kopfabhauen anhuben, und die Reihe nun an dem Meister war, beobachtete er genau, welcher Lilienstengel in dem Hafen dem Meister zugehörte, und als dieser eben niederknien wollte, geht Doktor Faustus unsichtbar hin zu dem Tisch, auf welchem der Hafen mit dem Lilienstengel stand, und schlitzte mit einem Messer des Meisters Lilienstengel voneinander, machte sich hierauf wieder unsichtbar von dannen und zur Türe hinaus, welches auch die Anwesenden nicht gewahr wurden. Der Knecht schlägt indessen dem Meister, wie vorhin mehr geschehen, das Haupt ab, läßt es waschen und barbieren, und will es nun wieder auf den Körper setzen; aber siehe, da fiel es wieder herab. Alle Anwesende, besonders aber die Knechte des Schwarzkünstlers, erschraken in ihre Seele hinein, und noch mehr entsetzten sie sich, als sie entdeckten, daß des Menschen Lilie oder Wurzel des Lebens in dem Hafen voneinander geschlitzt war und der Meister tot auf der Erde lag.