Doktor Faustus kam auf eine Zeit, Geschäfte halber, die er für andere dort zu verrichten hatte, in die Stadt Gotha, etwa um die Zeit des Brachmonats, wo man allenthalben mit dem Heumachen und Einführen beschäftiget war. Eines Tags nun war er, seiner Gewohnheit nach, ziemlich bezecht und ging abends mit etlichen seiner Zechbrüder spazieren vor das Tor hinaus; indem begegnet ihm ein Wagen wohlbeladen mit Heu; Doktor Faustus aber ging mitten im Fuhrwege, daß ihn also der Bauer, der das Heu einführte, notwendig ansprechen mußte, er solle ihm aus dem Weg weichen und seinen Weg nebenhin nehmen. Faust aber zögerte mit der Antwort nicht: »Ich will bald sehen,« sprach er, »ob ich dir oder du mir weichen müssest; höre, Bruder, hast du niemals gehört, daß einem vollen Mann ein geladener Wagen ausweichen solle?« Der Bauer war über die Verzögerung recht unwillig, gab dem Faust viel unnütze Worte, und wenn er nicht gehen wolle, werde er ihm den Weg weisen; Faust aber erwiderte ihm auf der Stelle: »Wie, Bauer, wolltest du erst noch pochen? Mache mir nicht viel Umstände, oder ich fresse dir beim Element deinen Wagen samt dem Heu und den Pferden!« Der Bauer sagte darauf: »Ei so friß auch noch etwas anders dazu.« Doktor Faustus, nicht unbehende, rückte mit seiner Kunst hervor, verblendet den Bauern dergestalt, daß er nicht anders meinte, denn jener habe ein Maul groß wie ein Zuber, und daß er bereits seine Pferde samt dem Wagen und Heu verschlungen und gefressen hätte. Der Bauer erschrak heftig hierüber und entlief eilends, denn er meinte, wenn er lang allda verharren würde, möchte es letztlich auch an ihn selber kommen; eilet deswegen der Stadt und dem Bürgermeister zu, klagt ihm seine Not, wie ihm ein ungeheurer und doch dem Ansehen nach nicht großer Mann begegnet sei, der hab' ihm nicht aus dem Fuhrwege wollen weichen, da er ihn doch darum gütlich angesprochen; darauf habe er ihm bald gedroht, er wolle ihm den Wagen mitsamt den Pferden fressen, wenn er ihm, als einem Trunkenen, nicht ausweichen wolle: wie denn alsdann auch geschehen; er bitte um Rat und um Hilfe.

Der Bürgermeister, als er das vernahm, lachte und spottete noch des Bauern dazu, sagte, das wäre ja nicht möglich! er sei entweder trunken oder nicht bei sich selbst. Der Bauer beteuerte hoch, daß dem also sei, wie er erzähle, berief sich auf seine Nachbarn und andere, die hinter ihm hergefahren wären. Wollte anders der Bürgermeister Ruhe haben, mußte er sich mit dem Bauern dahin verfügen und dieses Wunder anschauen: als sie beide aber etwa einen Bogenschuß fern von da ankamen, siehe, da standen wie zuvor Rosse, Heu und Wagen, unverletzt und unverrückt allda; Faust aber hatte indessen einen andern Weg genommen.


Als aber Doktor Faustus einst wieder auf Wittenberg zu reiste, kam er auf den Abend unterwegs in ein Wirtshaus, darinnen traf er Kaufleute und andere Reisende an; da sie nun zu Nacht miteinander gespeiset hatten und mit dem Trunk einer dem andern ziemlich zugesprochen, da stand der Wirtsjunge jederzeit hinter Doktor Faust, und weil er ihn für einen Abenteurer (das er auch war) ansah, schenkte der Junge ihm allemal das Glas ganz voll ein, womit denn Doktor Faustus nicht zufrieden war; drohete ihm auch, wenn er's noch einmal tun würde, so wollte er ihn mit Haut und Haar fressen. Da nun der Junge seiner spottete und sagte: »Jawohl, fressen!« und ihm darauf abermal zu voll einschenkte, sperrte Doktor Faustus sein Maul auf und schluckte ihn, zum Erstaunen aller, die an dem Tisch waren, hinunter, erwischte darauf den Schwenkkessel mit dem Kühlwasser und sagte: »Auf einen guten Bissen gehöret ein guter Trunk«, und soff den rein aus. Der Wirt, der indessen abwesend gewesen und nichts von allem, was geschehen war, wußte, aber mit Schrecken solches vernahm, redete deswegen dem Doktor Faust ernstlich zu, er solle ihm seinen Jungen wieder herschaffen, oder er wolle etwas anderes mit ihm anfangen. Da sagte Faustus ganz ruhig: »Herr Wirt, gebt Euch zufrieden und sehet hinter den Ofen!« Da fand man dort in dem Schwenknapf den Jungen tropfnaß, voller Schrecken und Zittern, worüber denn die ganze Gesellschaft herzlich lachen mußte.


2

Doktor Faustus war jetzt nicht allein in der Stadt Wittenberg, sondern auch auf dem Land wegen Schwarzkunst und Zauberei verrufen. Deswegen ließen ihn gottesfürchtige und gelehrte Leute durch andere zu unterschiedenen Malen erinnern und warnen, von solchem teuflischen Leben und Wandel abzustehen; unter andern ließ sich eines Tags ein Nachbar desselben, ein frommer alter Mann, die Mühe nicht dauern, sein Heil zu versuchen, ob er diesen elenden Menschen bekehren möchte, zumal er fast täglich wahrnehmen mußte, wie die jungen Bursche und fürwitzigen Studenten in seiner Behausung aus und ein gingen, da sie ja nichts Gutes sehen und lernen würden. Er verfügte sich deswegen an einem Nachmittag zu Doktor Faust, und als er ihm mit freundlichen Worten die Ursache seines Einkehrens zu erkennen gegeben, wurde er auch von diesem freundlich empfangen; und es gehet die Sage, als sei dieser alte Warner der getreue Eckhard gewesen, der schon seit viel hundert Jahren zum Wächter am Venusberge bestellt ist und die unwissenden Menschen warnt und abmahnt, daß sie nicht zu den teuflischen Unholdinnen in den Berg hineingehen: wie denn ein Sprichwort ist, daß man zu einem, der andere getreulich warnet und hütet, gemeiniglich spricht: Du bist der getreue Eckhard, du warnest jedermann.

Leicht ist zu glauben, daß jener dem Doktor Faust allerhand Lehren und Ermahnungen aus Gottes Wort werde vorgebracht und recht unter die Augen gestellt haben, welche auf Abmahnung von seinem bisher so ärgerlich geführten Leben und auf Anweisung zu einem bessern Wandel werden gerichtet gewesen sein; wie denn dieser fromme Alte dem Ansehen nach auch wirklich so viel ausrichtete, daß ihm bei seinem Abschied Doktor Faustus gelobte, er wolle seiner heilsamen Lehre und Ermahnung nachkommen. Auch ist es ihm denn, da er jetzt allein war, solchergestalt zu Herzen gegangen, daß, indem er bei sich selbst erwog, was er doch gedacht habe, daß er sich um nichtiger Wollust willen dem leidigen Teufel ergeben habe, er sich entschloß, Buße zu tun, weil noch Zeit vorhanden, und sein Versprechen dem Teufel wieder zurückzuziehen. Unter solchem Vorhaben erscheint ihm der Teufel, tappt nach ihm, stellt sich nicht anders, als ob er ihm den Kopf umdrehen wollte, warf ihm bald vor, was ihn so ernstlich dazu bewogen hätte, daß er sich dem Teufel ergeben, nämlich sein frecher, stolzer und sicherer Mutwille. Er, Faustus, sei ihm, dem Teufel, nachgegangen, und nicht er, der Teufel, ihm; er habe ihn zu vielen und unterschiedlichen Malen mit Charakteren, Beschwörungen und andern Sachen angerufen und seiner eifrigst begehrt. Zudem so hab' er ja ungezwungen und freiwillig die fünf Artikel angenommen, sich auch hernach mit seinem eigenen Blut verschrieben und verpflichtet, daß er Gott und Menschen feind sein wolle. Diesem Versprechen nun komme er nicht nach, wolle eigenmächtig umkehren, da es doch schon allzu spät und er nunmehr des Teufels eigen sei, der ihn zu holen und anzugreifen gute Macht habe. So wolle denn der Satan Hand an ihn legen, oder aber er soll sich wieder von neuem verschreiben und solches mit seinem Blute bekräftigen, daß er sich hinfüro von keinem Menschen mehr wolle abmahnen und verführen lassen: wo nicht, so wolle er ihn in Stücke zerreißen. Doktor Faustus, ganz voll Erstaunen bei Anhörung dieser schrecklichen Drohworte, bewilligte alles mit bebenden Lippen von neuem, setzte sich nieder, schrieb mit seinem Blut die zweite Teufelsverschreibung, welche nach seinem Tode in seiner Behausung gefunden wurde.