Im Zusammenhang mit der Entwicklung der bayrischen Brauereien zum Grossbetrieb steht nun als ein Glied in der Kette der auf die Erhöhung des Absatzes gerichteten Anstrengungen die Uebernahme des Flaschenbiervertriebes[14] durch die untergährigen Brauereien. Es wird vielfach behauptet, diese Uebernahme sei geschehen auf Anregung des Generaldirektors der Schultheissbrauerei, Roesicke, und zwar zum Schutze des biertrinkenden Publikums. Die Bierverleger, habe Herr Roesicke ausgeführt, »panschten« zu viel und deshalb müssten die Brauereien den Flaschenbiervertrieb in eigene Regie übernehmen, damit das Publikum unverfälschte Ware erhielte und die Brauereien nicht länger der Gefahr ausgesetzt seien, dass das von ihnen den Bierverlegern im reinen Zustande gelieferte Bier von diesen verfälscht und dadurch ohne Schuld der betreffenden Brauerei diese selbst in einen schlechten Ruf gebracht würde. Nun mag ohne weiteres zugegeben werden, dass in dieser und anderer Beziehung Missstände im Bierverlage vorhanden gewesen sein mögen, obwohl eine Verfälschung des bayrischen Bieres wohl seltener vorgekommen sein mag, als der Wasserzusatz zum Weissbier. Jedoch muss gegen die Auffassung Einspruch erhoben werden, als wenn die Brauereien lediglich aus dieser Fürsorge für das Publikum und aus Furcht vor Schädigung ihres Rufes zu der Einführung des Flaschenbiervertriebs gewissermassen gedrängt worden wären. Es mögen Erwägungen der vorher dargelegten Art mit obgewaltet haben, aber sie haben sicherlich nur eine nebensächliche Rolle gespielt gegenüber solchen von weit schwererwiegender Natur. Vor allem kam es darauf an, den Absatz und zugleich den Gewinn zu erhöhen, den man unzweifelhaft und wahrscheinlich in übertriebenem Maasse von der Einführung dieses Vertriebes erhoffte. Durch den direkten Verkehr mit den Konsumenten auf dem Wege der Flaschenbiersendung erwartete man weiter, das Bier der betreffenden Brauerei leichter einzuführen bezw. weiter zu verbreiten. Man rechnete darauf, dass diejenigen Familien, welche Bier von einer bestimmten Brauerei als Hausgetränk gewöhnt wären, auch in den Restaurants und Ausschankstätten dieses bevorzugen würden. Schliesslich aber und zwar wohl als ausschlaggebender Faktor sind Erwägungen volkswirtschaftlicher Natur massgebend gewesen. Schon 1879 war in dem Berichte der Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin darüber geklagt worden, dass die Unsitte des Uebermaasses unglaubliche Dimensionen angenommen hätte, »es ist dies nach jeder Hinsicht bedauerlich, denn einerseits werden dadurch nur die sogenannten Bierverleger, deren Existenz mit wenigen Ausnahmen weder für Fabrikanten noch für Konsumenten von Nutzen ist, begünstigt, andererseits wird die Solidität und Rentabilität der Brauereien selbst dadurch untergraben«. Ebenso wie der Verfasser dieser Auslassungen in dem citierten Bericht sind wahrscheinlich auch manche der Brauereidirektoren der Meinung gewesen, dass die Existenz des Bier-Verlages als eines Zwischengliedes zwischen Produzenten und Konsumenten als volkswirtschaftliche Notwendigkeit nicht anzuerkennen sei. Sie glaubten, das Publikum mit Leichtigkeit davon überzeugen zu können, dass es sich bei dem direkten Bierbezug aus der Brauerei weit besser stände, als wenn es sich an die Bierhändler wendete. Es musste ja einleuchten: besser konnte der Bierverleger das Bier seinen Kunden auf keinen Fall liefern, als die Brauerei, von der er es selbst bezog, wohl aber bestand die Gefahr der Verfälschung. Billiger liefern konnte der Bierverleger auch nicht, denn er konkurrierte ja mit seinen eigenen Lieferanten. So schien bei dem geplanten Versuch jeder Vorteil auf Seiten der Brauereien, aller Nachteil auf Seiten der Bierverleger zu sein.
Die weitere Entwickelung hat gezeigt, dass diese Kalkulationen richtige waren. Das Publikum kam den Brauereien mit grossem Vertrauen entgegen und begann, sich von den Bierverlegern abzuwenden. Eine intensive Reklame seitens der Bierbrauereien unterstützte diese in ihren Bemühungen. Annoncen in den Zeitungen, an den Scheiben der damaligen Pferdebahn und in den Stadtbahnwagen, Zustellung frankierter Bestellkarten, Neujahrsgeschenke auch an Nichtkunden (Abreisskalender, Tintenwischer, auch Aschenbecher in Tonnenform mit Firma etc.), schliesslich das Aeussere der Wagen, das höflichere Benehmen der Kutscher, alles wirkte zusammen, um den Kundenkreis der Brauerei fortgesetzt zu vermehren. Einen besonderen Vorteil sah das Publikum auch darin, dass auf den hübsch etiquettierten Flaschen durch eine besondere Etiquette auch der Tag des Abzuges vermerkt war, sodass sich das Publikum jederzeit davon überzeugen konnte, ob es frisches Bier vor sich hatte oder nicht. Sobald erst ein geregelter Absatz nach den verschiedenen Stadtteilen sich entwickelt hatte, waren zudem die Brauereien in der Lage, das Bier in regelmässig guter Qualität, d. h. nicht zu »alt« und nicht zu »jung« zu liefern — im Gegensatz zu vielen Bierverlegern, welche bei ihrem kleinen Absatz oft in die Lage kamen, zu frisches oder zu lange gelagertes Bier abgeben zu müssen. Vielfach wird von den Bierverlegern auch behauptet, die Brauereien hätten in der ersten Zeit das Bier, welches sie selbst auf Flaschen zogen, stärker eingebraut, als dasjenige, welches sie den Bierverlegern lieferten und diese so ausser Stand gesetzt, hinsichtlich der Qualität überhaupt zu konkurrieren. Der vom Standpunkt der Bierverleger an sich schon sehr anfechtbare Kampf — insofern er nämlich von den Lieferanten gegen ihre eigenen Kunden geführt wurde — bekäme dadurch einen allerdings sehr hässlichen Anstrich. Ob diese Behauptung richtig ist, lässt sich natürlich nicht entscheiden. Jedenfalls ist es falsch, sie wie es seitens der Bierverleger häufig geschieht, als alleinigen Grund für die Ueberlegenheit der Brauereien anzusehen; diese Ueberlegenheit war schon durch die angeführten Gründe hinlänglich gegeben. Thatsache ist denn auch, dass die ersten Versuche einzelner Brauereien zu einem äusserst günstigen Ergebnis führten, und nachdem diese ersten Versuche geglückt waren, folgten schnell die anderen nach. Einige Brauereien wurden zur Einführung des Flaschenbiervertriebes direkt gezwungen, indem fortgesetzt Bestellungen auf Flaschenbier bei ihnen einliefen, welche sie auf die Dauer nicht zurückweisen konnten und wollten. Von den jetzt in Berlin bestehenden 29 bayrischen Brauereien sind es nur noch 6 (und zwar die kleineren), welche auf den Vertrieb von Flaschenbier verzichten, die übrigen haben ihn in immer weiter steigendem Maasse eingeführt und man kann behaupten, dass die Versorgung Berlins mit Flaschenbier, soweit das bayrische Bier in Betracht kommt, fast ganz in ihren Händen ruht. In erster Linie haben sie die Privatkundschaft erobert. Es muss betont werden, dass sie diesen Teil ihrer Kundschaft den Bierverlegern nicht dadurch abnahmen, dass sie jene unterboten, denn sie lieferten ebenso wie die Bierverleger nur 32 Flaschen für 3 Mark. Es war bei diesen Kunden hauptsächlich das grössere Vertrauen zur Qualität des in der Brauerei abgezogenen Bieres, welches sie diesen zuführte. Die Kantinen der Fabriken dagegen, ebenso wie andere Geschäftskunden wurden durch Gewährung eines Rabattes gewonnen, welchen der Gastwirt oder Bierverleger nicht bewilligen konnte, ohne zu Grunde zu gehen. Auch heute, nachdem den Brauereien dieser Kundenkreis längst gesichert ist, dauert das Unterbieten im gegenseitigen Konkurrenzkampfe der Brauereien unter sich noch fort. So bedauert eine der bedeutendsten Berliner Brauereien in einem an den Verfasser dieser Schrift gerichteten Schreiben, dass bei dem Verkauf von Lagerbier an Wiederverkäufer und Kantinen seitens mehrerer Brauereien eine Preisschleuderei eingetreten sei und verschiedene Brauereien 42–50 Flaschen für 3 Mark lieferten.
Die Entstehung des Flaschenbiervertriebes seitens der Brauereien fällt in den Anfang der achtziger Jahre, in der Gegenwart hat die dadurch herbeigeführte Entwicklung gewissermassen ihren Abschluss gefunden. Ueber die Entwicklung des Absatzes bei einzelnen Brauereien selbst geben die nachfolgenden Zahlen Aufschluss, welche dem Verfasser von den betreffenden Brauereien freundlichst zur Verfügung gestellt wurden.
Absatz von Flaschenbier.
1. Aktienbrauerei Königstadt.
| 1881/82: | 2802 | hl |
| 1898/99: | 16157 | „ |
2. Schlossbrauerei Schöneberg, A.-G.
| 1886/87 | ? | hl[15] |
| 1887/88 | 15875 | „ |
| 1888/89 | 25303 | „ |
| 1889/90 | 30147 | „ |
| 1890/91 | 33048 | „ |
| 1891/92 | 43170 | „ |
| 1892/93 | 52437 | „ |
| 1893/94 | 58706 | „ |
| 1894/95 | 68854 | „ |
| 1895/96 | 86551 | „ |
| 1896/97 | 95158 | „ |
| 1897/98 | 96200 | „ |
| 1898/99 | 94222 | „ |
3. Aktien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe
vorm. Patzenhofer.