Besser als alle Lügen der Gegner hat der Kanonendonner an der chilenischen Küste die Möglichkeit dieses Sieges gezeigt. Dem endgültigen Sieg in großer, entscheidungsvoller Stunde sehen die deutschen Herzen sehnsuchtsvoll erwartend entgegen.

Aber der Kampf zwischen England und Deutschland wird auch auf anderem Gebiet entschieden, auf dem Gebiete des Wirtschaftskampfes beider Völker, und von diesem Wirtschaftskampf, von seinen Ursachen, seinen Mitteln und seinem voraussichtlichen Ausgange soll die Rede sein in diesen Blättern.


Die Entwicklung des Wirtschaftskampfes zwischen England und Deutschland fällt erst in die Zeit nach Errichtung des Deutschen Reiches und nach seinem gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung, der zusammenfassend niedergelegt worden ist einmal in der seinerzeitigen Denkschrift über die Entwicklung der deutschen Seeinteressen, die das Reichsmarineamt um die Wende des 20. Jahrhunderts herausgab, und erneut zutage trat in den Veröffentlichungen, die anläßlich des Regierungsjubiläums erschienen sind. Ich denke an die Schrift von Helfferich über den Volkswohlstand Deutschlands, ferner an die hervorragende Zusammenstellung, welche Dr. Hjalmar Schacht, der Direktor der Dresdener Bank, über die wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands verfaßt hat, an Steinmann-Buchers verdienstvolle, aufklärende Schriften und die wertvollen Arbeiten in den vielen politischen und wirtschaftlichen Rückblicken jener Tage. Die Ziffern, die in genannten volkswirtschaftlichen Schriften niedergelegt sind, stellen das Endergebnis einer Entwicklung von Jahrzehnten dar, einer Entwicklung, die unmöglich gewesen wäre ohne die politische Einheit, zu welcher das Deutsche Reich sich 1870 emporgerungen hatte, als der deutsche Idealismus der Frankfurter Paulskirche sich mit der Realpolitik Bismarcks vermählte.

Es ist ein weiter Weg, der von den Tagen, in denen in der schwarzrotgoldenen Begeisterung der deutschen Jugend zum erstenmal der Gedanke der deutschen Freiheit und Einheit aufflammte, bis zum 18. Januar 1871, wo durch eine Politik von Blut und Eisen das junge Reich geschmiedet wurde, auf deren Notwendigkeit vor dem Realpolitiker Bismarck bereits selbst einer der achtundvierziger Sturmgesellen, Gottfried Kinkel, in seiner Verteidigungsrede vor den Geschworenen hingewiesen hatte. Wir haben in den letzten Jahren die Gedenkfeiern begangen an die deutschen Freiheitskämpfe. Wir haben das gigantische Denkmal auf Leipzigs Fluren, das in markiger Weise zum Ausdruck bringt, was damals namentlich das preußische Volk geleistet hat, errichtet. Es ist selbstverständlich, daß preußisch-deutsche Auffassung diese Zeiten und Kämpfe ansieht als die Erlösungskämpfe vom Joche Napoleons I., daß sie deshalb in dem Zusammenbruch der militärischen Macht des großen Eroberers auch den Sieg begrüßte, durch den die französische Herrschaft auf deutschem Boden zerstört wurde. Die deutsche Schulerziehung stellt Napoleon I. als einen gewalttätigen Eroberer hin, der sich nur wohlfühlte in einem Meer von Blut, der von Krieg zu Krieg schritt, bis seine Kräfte im russischen Eise erstarrten, bis das niedergedrückte preußische Volk sich mit Einsetzung aller Kräfte gegen den Eroberer erhob. Wir wissen heute aus den Schriften von Lenz und von anderen, daß dieses Bild, wenn es so gezeichnet ist, gewaltige Verzerrungen aufweist. Wir wissen, daß der Mann, der den Code Napoleon schrieb, der ein gewaltiger Verwaltungskünstler war, der Mann, in dessen Kopf zuerst der Gedanke der Wertzuwachssteuer entstand, der auch den König von Preußen 1806 noch warnte, den Kampf gegen ihn aufzunehmen, trotzdem er seines Sieges gewiß war, nicht den Krieg um des Krieges willen führte, und wir wissen auch, daß das ihm vorschwebende gewaltige Ziel nicht die dauernde Unterdrückung Deutschlands-Preußens, sondern die Aufrichtung der Hegemonie Frankreichs über England war.

„Zwo gewaltige Nationen ringen
um der Welt alleinigen Besitz,
aller Länder Freiheit zu verschlingen,
schwingen sie den Dreizack und den Blitz.
Seine Handelsflotten streckt der Brite
gierig wie Polypenarme aus,
und das Reich der freien Amphitrite
will er schließen wie sein eignes Haus.”

Mit diesen Worten hat Schiller das anbrechende 19. Jahrhundert geschildert. Gerade in der Gegenwart hat die Erinnerung an diesen Weltkampf erneuten Reiz gewonnen. Welche Bilder steigen vor unserem Geiste auf! Das Bild Napoleons, der in Ägypten angesichts der tausendjährigen Pyramiden Englands Weltherrschaft hier an ihrer empfindlichsten Stelle treffen wollte, und der Napoleon, der im Lager von Boulogne sur Mer seine Transportschiffe liegen hat, um sein Heer nach England überzusetzen, und der seitdem von England in einen Krieg um den anderen gehetzt wird: „Soldaten,” so ruft er aus in den Tagen von Boulogne sur Mer, „wir können nicht nach England gehen, denn das Gold der Engländer hat den Kaiser von Österreich bewogen, uns den Krieg zu erklären.” Und wiederum der Napoleon, der auf St. Helena zu dem getreuen Las Cases sagte, daß England ihm niemals den Besitz von Belgien verziehen habe, der Antwerpen — allerdings das Antwerpen mit der freien Scheldemündung — die auf die Brust Englands gesetzte Pistole nennt, und der Napoleon der Kontinentalsperre, der England da treffen will, wo es am empfindlichsten ist, in seiner wirtschaftlichen Existenz. England führte damals genau so wie heute den Kampf mit seinen Söldnertruppen, vor allem aber mit den Truppen anderer Nationen, überall waren seine Subsidien zu haben, wo es gegen Frankreich galt. Es bekämpfte in Frankreich die damals zweitstärkste Kontinentalmacht, es hatte, wie Bülow in seinen Ausführungen über die auswärtige Politik sagt, schon dem Gesandten Ludwigs XIV. gegenüber ein Bündnis mit Frankreich verweigert, weil diesem Bündnis eine bedenkliche Tatsache gegenüberstände, nämlich die Tatsache, daß Frankreich sich eine eigene Flotte bauen wolle. Die Subventionen an Friedrich den Großen im Siebenjährigen Kriege galten nicht dem emporstrebenden Preußen, sondern dem gegen Frankreich kämpfenden König, den es übrigens, sobald es seine Interessen erforderten, in der rücksichtslosesten und brutalsten Weise im Stiche ließ. Als Napoleons Macht zusammengebrochen war, als er selbst in seinem Brief an den König von England Themistokles gleich den Küsten seines mächtigsten Gegners sich nähert, da war zwar die englische Staatsschuld auf 16 Milliarden Mark gewachsen, aber Englands Weg zur unbedingten Weltherrschaft im 19. Jahrhundert gesichert.

Was haben die Gegner Napoleons nach den Siegen von 1813/15 erreicht? Preußen erhielt wohl seinen alten Gebietsumfang, aber nicht seine alten wirtschaftlichen Kräfte. Die Phrase, daß man den Kampf gegen Napoleon und nicht gegen das französische Volk führte, hat sogar im ersten Pariser Frieden noch dazu geführt, daß man eine Kriegsentschädigung von Frankreich nicht gefordert hat. Erst als der Gefürchtete von Elba zurückkam, als sein „Adlerflug” ihn von der französischen Küste bis nach Paris trug, als die Monarchen sich erneut an ihr Volk wenden mußten und als daraufhin der alte Blücher und der große Staatsmann, der Freiherr vom Stein, Bewegungsfreiheit erhielten, da wurde nach langem Feilschen auch eine Kriegsentschädigung erreicht, die aber bei weitem nicht Preußen für das zu entschädigen vermochte, was es in der Zeit von 1806 bis 1813 hatte leiden müssen. Hat doch Napoleon I. nach seinen eigenen Mitteilungen fast 1 Milliarde Mark aus Preußen herausgepreßt; noch beinahe bis in die Gegenwart haben preußische Städte abzahlen müssen von den Anleihen, die sie gemacht hatten, um die Forderungen Napoleons erfüllen zu können. Preußen war nach den Freiheitskriegen ein armes Land. Als das Rheinland wieder zu Preußen kam, da sagte der alte Schaaffhausen in Köln: „O je, da heiraten wir in eine arme Familie hinein.” Elsaß-Lothringen blieb französisch, vergeblich hat Freiherr vom Stein versucht, dieses deutsche Land Deutschland wieder zuzuführen, vergeblich war der Versuch, die einstige Westmark des Reiches, das belgische Gebiet, dem Deutschen Reiche wiederzugewinnen. Deutschland, Österreich und Rußland erhielten nichts anderes als ihre alten Grenzen, England aber erhielt durch die Niederlage Napoleons die Schlüssel der Weltherrschaft. Verständlich ist deshalb der Jubel, mit dem Blücher empfangen wurde, verständlich, daß im Londoner Parlament das Bild hängt, das Blücher zeigt, wie er mit seinen Truppen auf dem Schlachtfeld von Belle-Alliance eintrifft, um den Sieg an die Fahnen der schon halb niedergebrochenen englischen Regimenter zu knüpfen.

Denn wer wollte England die Weltherrschaft streitig machen? Frankreich war nach den napoleonischen Kriegen zusammengebrochen und mußte jedem imperialistischen Gedanken entsagen. An eine große französische Flotte war nach der Schlacht von Trafalgar gar nicht zu denken. Rußland besaß keinen Weltbeherrschungsdrang, in Deutschland sorgte der Dualismus zwischen Österreich/Süddeutschland auf der einen und Preußen/Norddeutschland auf der anderen Seite dafür, daß sie sich gegenseitig die Wage hielten, und daß Zersplitterung und Kleinstaaterei jeden Drang nach deutscher Größe und jede Anknüpfung an die alte Hansezeit verhinderte. Dänemark, dessen Flotte England in räuberischer Weise im Jahre 1800 hinweggeschleppt hatte, als es die unbefestigte Stadt Kopenhagen mitten im Frieden beschoß, Holland, Spanien oder Portugal waren Staaten zweiten oder dritten Ranges. Der Weg zur Weltherrschaft stand England frei, und es verstand ihn auszunutzen.

Wie England dies tat, zeigt zunächst die gewaltige Entwicklung, die sein Kolonialbesitz seit seinen Kämpfen mit Frankreich genommen hat. Dr. Hennig hat in seinem Buche „Unser Vetter Tartuffe, oder wie England seine Kolonien erwarb”, diese Entwicklung englischer Kolonialherrschaft geschildert. 1763 war Kanada englisch geworden, im Pariser Frieden fielen ihm außer Kanada noch Grenada, St. Vincent, Dominica, Tobago und das ganze ehemalige französische Senegalgebiet zu. Als die Franzosen unter Napoleon Holland eroberten, rächte sich England dafür, indem es die Kapkolonie, Malakka und das westliche Sumatra den Holländern raubte. 1796 kam Ceylon hinzu. Den Spaniern, als Frankreichs Verbündeten, nahm es Puerto Rico und Trinidad. Wenn auch einige der geraubten Inseln und Besitztümer zurückgegeben werden mußten, so konnte England 1802 doch die für die Beherrschung des Weltmeeres äußerst wichtige Insel Malta behalten. 1809 wurde Martinique, das vorher zurückgegeben worden war, von neuem besetzt, Guadeloupe, Ile de France, die Seychellen folgten. Helgoland, das Kaiser Wilhelms weise Voraussicht uns wieder zuführte, wurde 1808 den Dänen entrissen.