Und fragst du endlich etwa noch, was unsern weitern Leib, den wir so nennen, erst jenseits erwachen läßt, nachdem wir ihn doch schon diesseits ins irdische Reich hinausgetrieben, und er schon jetzt die Fortsetzung unsers engern Leibes ist?

Das selbst, daß dieser engere einschläft, ja vergeht. Nichts als ein Fall derselben allgemeinen Regel, die durchs ganze Diesseits reicht, Beweis, daß sie auch noch darüber hinaus reicht. Du Zweifler willst ja immer nur vom Diesseits schließen, also schließe.

Die lebendige Kraft des Bewußtseins entsteht nie wahrhaft neu, geht niemals unter, sondern kann wie die des Körpers, worauf sie ruht, nur ihre Stelle, Form, Verbreitungsweise zeitlich und räumlich wechseln, heut oder hier nur sinken, um morgen oder anderwärts zu steigen, heut oder hier nur steigen, um morgen oder anderwärts zu sinken.[8] Damit das Auge wache, du mit Bewußtsein sehest, mußt du das Ohr in Schlaf senken, damit die innere Gedankenwelt erwache, die äußern Sinne schlafen lassen; ein Schmerz am kleinsten Punkt kann das Bewußtsein deiner Seele ganz erschöpfen. Je mehr sich das Licht der Aufmerksamkeit zerstreut, so schwächer wird das Einzelne davon erleuchtet, je heller es auf einen Punkt trifft, so mehr ins Dunkel treten alle andern; auf etwas reflektieren, heißt von anderm abstrahieren. Dein Wachsein heut verdankst du deinem Schlaf seit gestern, je tiefer du heut einschläfst, so munterer wirst du morgen erwachen, und je munterer du gewacht hast, so tiefer wirst du schlafen.

Nun aber schläft der Mensch diesseits im Grunde stets nur einen halben Schlaf, der den alten Menschen wieder erwachen läßt, weil noch der alte da ist; erst im Tode den vollen Schlaf, der einen neuen erwachen läßt, weil der alte nicht mehr da ist; doch die alte Regel ist noch da, die einen Ersatz des alten Bewußtseins fordert, und dazu der neue Leib als Fortsetzung des alten; also wird auch ein neues Bewußtsein da sein als Ersatz und Fortsetzung des alten.

Als Fortsetzung des alten! Denn was den Leib des Greisen noch die Fortsetzung desselben Bewußtseins tragen läßt, welches der Leib des Kindes trug, von dem er kein Atom mehr hat, wird auch den Leib des Jenseits noch dasselbe Bewußtsein tragen lassen, was der Leib des Greisen trug, von dem er kein Atom mehr hat. Das ists, daß jeder folgende die Fortwirkung dessen, der das frühere Bewußtsein trug, in sich aufgehoben hält und dadurch gebaut ist. Also ist es ein Prinzip, welches das diesseitige Leben von Heute in Morgen und vom Diesseits ins Jenseits sich fortsetzen läßt. Und kann es ein anderes als ewiges Prinzip der ewigen Forterhaltung des Menschen geben?

Und so frage auch nicht: was machts, daß Wirkungen, die du diesseits in die Außenwelt gezeugt, die über dich hinaus sind, dir mehr als irgendwelche andere, die über dich hinaus sind, noch zugehören sollen. Das machts, daß jene vielmehr als diese von dir ausgegangen. Jede Ursache behält ihre Folgen als ewiges Eigentum. Im Grunde aber waren deine Folgen nie über dich hinausgegangen; sie bildeten schon die diesseits die unbewußte, nur des Erwachens zu neuem Bewußtsein harrende Fortsetzung deines Wesens.

So wenig ein Mensch je sterben kann, der einmal gelebt, könnte er je zum Leben erwacht sein, hätte er nicht vorher gelebt; nur daß er vorher nicht für sich gelebt. Das Bewußtsein, womit das Kind bei der Geburt erwacht, ist nur ein Teil des ewig dagewesenen allgemeinen göttlichen Bewußtseins, das sich in der neuen Seele für sich zusammengenommen. Wir können freilich die lebendige Bewußtseinskraft so wenig durch alle Wege und Wandlungen verfolgen, als die lebendige Körperkraft.

Sorgst du aber, das menschliche Bewußtsein werde, weil aus dem Allgemeinbewußtsein herausgeboren, auch wieder in ihm verfließen, so sieh den Baum an. Es hat lange Jahre gedauert, ehe die Zweige aus dem Stamme kamen; einmal gekommen, gehen sie nicht wieder in ihm unter. Wie wollte der Baum wachsen und sich entwickeln, wenn es geschähe; auch der Lebensbaum der Welt aber will wachsen und sich entwickeln.

Nach allem ist das die große Kunst des Schlusses vom Diesseits auf das Jenseits, nicht von Gründen, die wir nicht kennen, noch von Voraussetzungen, die wir machen, sondern von Tatsachen, die wir kennen, auf die größern und höhern Tatsachen des Jenseits zu schließen, und dadurch den praktisch geforderten, an höheren Gesichtspunkten hängenden Glauben von untenher zu festigen, zu stützen und mit dem Leben in lebendigen Bezug zu setzen. Ja, brauchten wir den Glauben nicht, wozu ihn stützen; doch wie ihn brauchen, hätte er keine Stütze.