Vielleicht schon manchmal hast du aus einem fernen Weltteil einen Brief empfangen, gekreuzt beschrieben nach Länge und nach Quere. Was läßt dich beide Schriften unterscheiden? Nur der Zusammenhang, den jede in sich selber hat. So kreuzen sich die geistigen Schriften, womit das Blatt der Welt beschrieben ist; und jede liest sich selbst, als hätte sie den Platz allein, und liest zugleich die andern als solche, die sie kreuzen. Nicht bloß zwei Schriften freilich, unzählige kreuzen sich in der Welt; der Brief ist aber auch nur ein schwaches Bild der Welt.
Wie aber kann das Bewußtsein seine Einheit in so großer Verbreitung seiner Unterlage noch bewahren, wie vor dem Gesetz der Schwelle des Bewußtseins noch bestehn?[5]
Frag erst, wie es seine Einheit in der kleineren Ausbreitung des Leibes bewahren kann, deren Fortsetzung die große doch nur ist. Ist denn dein Leib, ist dein Gehirn ein Punkt? Oder gibt es einen Mittelpunkt darin als Sitz der Seele? Nein.[6] Wie's jetzt der Seele Wesen ist, den kleinen Zusammenhang deines Leibes zu knüpfen, wirds künftig ihr Wesen sein, den größeren des größeren Leibes zu knüpfen. Gottes Geist knüpft sogar den ganzen Zusammenhang der Welt; — oder wolltest du auch Gott in einem Punkte suchen? — Du wirst im Jenseits an seiner Allgegenwart nur größern Teil gewinnen.
Sorgst du aber, daß die Welle deines künftigen Lebens in ihrer Ausbreitung nicht mehr an die Schwelle reiche, die sie diesseits übersteigt, so denke auch daran, daß sie sich nicht in eine leere Welt hinein verbreitet, da sänke sie wohl rettungslos in den Abgrund, sondern in eine Welt, welche als ewiger Unterbau Gottes zugleich dem Deinigen sich unterbaut; denn nur auf Grund des göttlichen Lebens vermag die Kreatur überhaupt zu leben.[7]
So kann der Zaunkönig auf dem Rücken des Adlers leicht einen Berggipfel überfliegen, wozu er für sich zu schwach wäre, und endlich von dem Rücken des Adlers aus den allgemeinen Flug desselben noch ein Stücklein überfliegen. Gottes aber ist der große Adler wie das kleine Vöglein.
Wie aber kann der Mensch nach dem Tode des Leibes, des Gehirnes missen, des so kunstvoll gebauten, das jede Regung seines Geistes trug, das von den Regungen des Geistes noch weiter ausgebaut solche in immer größerer Kraft und Fülle trug. War es umsonst gebaut?
Frage die Pflanze, wie sie des Samenkornes missen kann, wenn sie dasselbe sprengt, ins Licht zu wachsen, des so kunstvoll gebauten, was durch Treiben des innern Keimes sich noch weiter in sich selber ausgebaut. War es umsonst gebaut?
Doch wo ist draußen ein gleich kunstvoller Bau, wie dein Gehirn, der es im Jenseits ersetzte, und wo gar einer, der es überböte; doch soll das Jenseits ja das Diesseits überbieten.
Aber ist nicht schon dein ganzer Leib ein größerer und höherer Bau, als Auge, Ohr, Gehirn, nicht über jedem Teil? — So und unsagbar mehr überbietet die Welt, wovon die Menschheit mit Staat, mit Wissenschaft, mit Kunst und mit Verkehr nur ein Teil ist, dein kleines Hirn, den Teil von diesem Teil. Sieh nur, willst du zu einer höhern Ansicht dich erheben, in der Erde nicht bloß noch einen Ball aus trocknem Erdreich, Wasser, Luft; sie ist ein größeres und höheres einheitliches Geschöpf als du, ein himmlisches Geschöpf, mit wunderbarerm Leben und Weben in ihrem Oberraum, als du in deinem kleinen Gehirn trägst, womit du nur ein Winziges zu ihrem Leben beiträgst. Umsonst wirst du von einem Leben nach dir träumen, wenn du das Leben um dich nicht zu erkennen weißt.
Was sieht der Anatom, wenn er in das Gehirn des Menschen blickt? ein Gewirr von weißen Fasern, dessen Sinn er nicht enträtseln kann. Und was siehts in sich selbst? eine Welt von Licht, Tönen, Gedanken, Erinnerungen, Phantasien, Empfindungen von Liebe und von Haß. So denke dir das Verhältnis dessen, was du, äußerlich der Welt gegenüberstehend, in ihr siehst, und was sie in sich selbst sieht, und verlange nicht, daß beides, das Äußere und Innere, sich im ganzen der Welt mehr ähnlich sehe, als in dir, der nur ihr Teil. Und nur daß du ein Teil von dieser Welt bist, läßt dich auch einen Teil von dem, was sie in sich sieht, in dir sehen.