Nun mag man immer fragen: wie ist es möglich, daß, die sich so durchdringen, sich doch so gegenständlich und begrenzt erscheinen. Aber frage erst, wie ist es möglich, daß, was als Erscheinung eines Lebenden in dich eingeht und in der Erinnerung an einen Toten dein Gehirn durchdringt — und anders nichts liegt deiner Seele vor, darauf zu fußen —, dir als Anschauung doch objektiv, als Erinnerung noch begrenzt erscheint. Die selbst nicht mehr begrenzte Wirkung, die der Erinnerung unterliegt, spiegelt dir doch noch die Begrenzung der Gestalt, wovon sie anfangs ausgegangen, vor. Du weißt vom Diesseits nicht, warum; wie kannst du es vom Jenseits wissen wollen.
Und so sage ich wieder: schließe nicht von Gründen des Diesseits, die du nicht kennst, noch von Voraussetzungen, die du machst, sondern von Tatsachen des Diesseits, die du kennst, auf die größeren und höheren Tatsachen des Jenseits. Der einzelne Schluß kann irren; auch der, den wir nur eben machten; also hefte dich an keine Einzelheit der Zusammenschluß der Schlüsse in Richtung dessen, was wir vor allem Schluß und über allem Schluß zu fordern haben, wird unsers Glaubens beste Stütze von unten und Führung nach oben sein.
Faßtest du aber den Glauben gleich recht von oben, leicht fiele dir der ganze Glaubensweg herunter, den wir herauf genommen.
[Elftes Kapitel]
Ja wie leicht wäre alles für den Glauben, könnte der Mensch sich nur gewöhnen, in dem Wort, womit er seit mehr als tausend Jahren spielt, daß er in Gott lebt und webt und ist, mehr als ein Wort zu sehen. Dann ist der Glaube an Gottes und sein eigenes ewiges Leben nur einer er sieht sein eigenes ewiges Leben zum ewigen Leben Gottes selbst gehörig, und in der Höhe seines künftigen über seinen jetzigen Leben nur einen höhern Aufbau über einem niedern in Gott, wie er selbst schon solchen in sich hat; er faßt am kleinen Beispiel das Höhere und im Zusammenhange beider das Ganze, wovon er nur der Teil.
Die Anschauung in dir zerrinnt, und die Erinnerung steigt daraus in dir auf; dein ganzes diesseitiges Anschauungsleben in Gott zerrinnt, und ein höheres Erinnerungsleben steigt daraus in Gott auf; und wie die Erinnerungen in deinem Haupte, verkehren die Geister des Jenseits im göttlichen Haupte. Nur eine Stufe über der Stufe derselben Treppe, die nicht zu Gott, sondern in Gott aufwärts führt, der in sich zugleich den Grund und Gipfel hat. Wie leer war Gott mit jenem leer gedachten Worte, wie reich ist Gott mit seinem vollen Sinne.
Weißt du denn, wie das Jenseits der Anschauungen in deinem Geiste möglich ist? Du weißt nur, daß es wirklich ist; doch nur in einem Geiste ist es möglich. Also kannst du auch leicht, unwissend wie es möglich ist, an die Wirklichkeit eines Jenseits deines ganzen Geistes in einem höhern Geiste glauben; du mußt nur glauben, daß ein höherer Geist ist und daß du in ihm bist.
Und wieder: wie leicht wäre alles für den Glauben, wenn der Mensch sich gewöhnen könnte, eine Wahrheit in dem zweiten Worte zu sehen, daß Gott in allem lebt und webt und ist. Dann ist es nicht eine tote, sondern eine durch Gott lebendige Welt, aus welcher der Mensch sich seinen künftigen Leib erbaut und damit ein neues Haus in Gottes Haus hineinbaut.
Wenn aber wird dieser lebendig machende Glaube lebendig werden?