Die in den Menschen eingewachsenen fremden Geister sind ebensowohl, obschon in anderer Weise, dem Einflusse des menschlichen Willens unterworfen, als der Mensch von fremden Geistern abhängig ist; er kann ebensowohl aus der Mitte seines geistigen Seins Neues in die in ihm verknüpften Geister hineingebären, als diese auf sein Innerstes bestimmend einwirken können; aber in dem harmonisch entwickelten Geistesleben hat kein Wille die Obermacht über den andern. Da jeder fremde Geist nur einen Teil seines Selbst mit dem einzelnen Menschen in Gemeinschaft hat, so kann der Wille des einzelnen Menschen nur einen anregenden Einfluß auf ihn haben, der mit seinem ganzen übrigen Teile außer dem Menschen liegt; und da jeder menschliche Geist eine Gemeinschaft sehr verschiedener fremder Geister in sich schließt, so kann der Wille eines einzelnen darunter auch nur einen anregenden Einfluß auf den ganzen Menschen haben, und nur, wenn der Mensch mit freier Willkür sich ganz seines Selbst an einzelne Geister entäußert, wird er der Fähigkeit verlustig, sie zu bemeistern.

Nicht alle Geister können unterschiedslos in derselben Seele zur Einheit sich verknüpfen; darum streiten sich die guten und die bösen, die wahren und die Lügengeister um den Besitz derselben, und wer im Streite siegt, behält das Feld. Der innere Zwiespalt, der so oft im Menschen Platz hat, ist nichts als dieser Kampf fremder Geister, die seinen Willen, seine Vernunft, kurz sein innerstes Wesen für sich gewinnen wollen. Wie der Mensch die Einigung der in ihm wohnenden Geister empfindet als Ruhe, Klarheit, Harmonie und Sicherheit seiner selbst, empfindet er ihren Kampf in sich als Unruhe, Zweifel, Schwanken, Verwirrung und Entzweiung seines Innern. Aber nicht als müheloser Preis oder träge Beute fällt er den stärkeren Geistern in diesem Streite anheim, sondern mit dem Quell selbsttätiger Kraft im Mittelpunkte seines Wesens steht er zwischen den entgegenstrebenden Kräften inne, die ihn an sich ziehen wollen, und streitet mit für welchen Teil er will, und vermag so den Sieg auch für den schwächern Antrieb zu entscheiden, indem er ihm seine Kraft gegen den stärkeren beigesellt. So bleibt das Selbst des Menschen inmitten des Geisterstreites ungefährdet, solange er sich die angeborene Freiheit seiner Kraft bewahrt und nicht müde wird, sie zu gebrauchen. Fällt er dennoch so oft den bösen Geistern anheim, so ist es darum, weil die Kraftentwickelung aus seinem Innern mit Mühseligkeit verbunden ist; und so reicht, um böse zu werden, oft hin, nur faul und lässig zu sein.

Je besser der Mensch schon ist, um so leichter wird es ihm, noch besser zu werden, und je schlechter er ist, um so leichter verdirbt er ganz und gar. Denn der gute Mensch hat schon viel gute Geister in sich aufgenommen, die sich nun mit ihm verbünden gegen die zurückgebliebenen und die neu andrängenden bösen Geister, und ihm die Kraftentwickelung aus seinem Innern ersparen. Der Gute tut das Gute ohne Mühe; seine Geister tun es für ihn; der Schlechte muß aber erst aus innerer Kraft alle bösen Geister dämpfen und überwinden, die ihm dabei entgegenstreben.

Zudem sucht und knüpft sich Verwandtes an Verwandtes und flieht sein Gegenteil, wenn es dasselbe nicht zwingt. Die guten Geister in uns locken die guten Geister außer uns, und die bösen Geister in uns das Böse außer uns. Gern kehren die reinen Geister in eine reine Seele ein, und an dem Bösen in uns faßt uns das Böse außer uns. Haben die guten Geister erst in unserer Seele überhand genommen, so flieht bald von selbst auch der letzte Teufel, der noch darin zurückgeblieben ist, es ist ihm in der guten Gesellschaft nicht geheuer; und so wird die Seele guter Menschen eine reine himmlische Wohnung für selige darin beieinander wohnende Geister. Aber auch die guten Geister, wenn sie verzweifeln, den übermächtig gewordenen bösen eine Seele abzustreiten, überlassen sie ihnen allein, und so wird sie zuletzt zu einer Hölle, einem Orte bloß für die Qualen der Verdammten. Denn die Pein des Gewissens und die innere Zerstörung und Ruhelosigkeit in der Seele der Bösen sind Schmerzen, welche nicht diese allein, sondern mit noch bitterem Wehe die verdammten Geister in ihnen fühlen.


[Viertes Kapitel]

Indem die höheren Geister nicht bloß in einzelnen Menschen wohnen, sondern indem jeder sich in mehrere hineinverzweigt, sind sie es, die diese Menschen auf geistige Weise verknüpfen, sei es zu einer Form des Glaubens, oder einer Wahrheit, einer moralischen oder politischen Bestrebung. Alle Menschen, die irgendeine geistige Gemeinschaft miteinander haben, gehören zum Leibe eines und desselben Geistes zusammen und gehorchen der Idee, die von ihm in sie eingegangen ist, wie zusammengehörige Glieder. Oft lebt eine Idee in einem ganzen Volke auf einmal, oft wird eine Masse Menschen zu einer und derselben Tat begeistert: das ist ein mächtiger Geist, der sie alle überkommt, in alle epidemisch hineinstrahlt. Freilich nicht bloß durch die Geister der Toten geschehen diese Verknüpfungen, sondern unzählige neugeborene Ideen wirken von den Lebenden in die Lebenden hinein; aber alle diese Ideen, die vom Lebenden in die Welt gehen, sind ja schon Glieder seines künftigen geistigen Organismus.

Wenn nun zwei verwandte Geister in der Menschheit sich begegnen und durch ihre gemeinschaftlichen Momente verwachsen, indes sie sich zugleich durch ihre verschiedenartigen wechselseitig bestimmen und bereichern, so treten zugleich die Gesellschaften, Geschlechter, Völker, denen sie erst einzeln innewohnten, in geistige Gemeinschaft und bereichern sich durch ihr geistiges Besitztum. So geht die Entwickelung des Geisterlebens dritter Stufe in der Menschheit untrennbar mit der Entwickelung, dem Fortschritte der Menschheit Hand in Hand. Die allmähliche Ausbildung des Staats, der Wissenschaften, der Künste, des menschlichen Verkehrs, die Organisation dieser Lebenssphären zu immer größern harmonisch gegliederten Ganzen ist die Folge dieses Zusammenwachsens von unzähligen geistigen Individualitäten, die in der Menschheit leben und weben, zu größern geistigen Organismen.

Wie möchten auch sonst jene großartigen Sphären sich nach so unwandelbaren Ideen herausgestalten aus dem wirren egoistischen Treiben der einzelnen, die mit ihrem kurzsichtigen Auge in der Mitte nicht den Umfang und im Umfang nicht die Mitte erblicken, wenn nicht die klar durch das Ganze schauenden höhern Geister durchwirkten durch das Getriebe, und indem sie sich alle um das gemeinsame göttliche Zentrum drängen, und dabei zusammenfließen mit ihren göttlichen Teilen, auch die Menschen, in denen sie wirken, dem höhern Ziele vereint zuführten.

Aber neben der Harmonie der Geister, die sich freundlich begegnen und gatten, besteht auch ein Kampf der Geister, deren Wesen im Widerspruch ist, ein Kampf, in dem alles in endlichem Zwist Befangene sich zuletzt aufreiben wird, damit das Ewige in seiner Reinheit allein übrigbleibe. Auch dieses Kampfes Spuren zeigt die Menschheit auf im Streit der Systeme, im Haß der Sekten, in den Kriegen und Empörungen zwischen den Fürsten und Völkern und den Völkern untereinander.