In alle diese großen geistigen Bewegungen tritt die Masse der Menschen hinein mit blindem Glauben, mit blindem Gehorsam, mit blindem Haß, mit blinder Wut; sie hört nicht und sieht nicht mit den Ohren und Augen des eignen Geistes; sie wird getrieben von fremden Geistern nach Zwecken und Zielen, von denen sie selbst nicht weiß, sie läßt sich führen durch Sklaverei und Tod und greuliche Drangsale, wie eine Herde folgend dem Antriebe der höhern Geister.
Freilich gibt es auch Menschen, die mit klarem Selbstbewußtsein und mit innerer Selbständigkeit handelnd und leitend in diese große Bewegung eingreifen. Aber sie sind nur freiwillige Mittel zu großen vorbestimmten Zwecken; durch ihr freies Handeln zwar vermögend, die Art und Schnelligkeit, aber nicht das Ziel des Fortschritts zu bestimmen. Nur die haben Großes in der Welt gewirkt, welche die geistige Richtung der Gegenwart, in der sie lebten, erkannt und ihr freies Handeln und Denken nach dieser Richtung gelenkt haben; wohl ebenso große Menschengeister, die ihr widerstrebten, sind untergegangen. Jene hat sich der Geist, der die besseren Ziele setzt und bessern Wege dazu kennt, zu neuen Mittelpunkten seiner bewegenden Kraft ausersehen; nicht als blinde Werkzeuge, sondern als solche, welche aus eignem Antriebe und mit eignem Verstande seinen Rechten und seiner Weisheit dienen. Nicht der gezwungene Sklave verrichtet den bessern Dienst. Womit sie aber Gott diesseits zu dienen beginnen, das werden sie jenseits als Teilhaber seiner himmlischen Herrschaft weiter führen.
[Fünftes Kapitel]
Wohl auf manchen Wegen mögen die Geister der Lebenden und Toten sich unbewußt begegnen, auf manchen auch nur bewußt von einer Seite. Wer kann diesen ganzen Verkehr verfolgen und ergründen. Sagen wir nur kurz: sie begegnen sich, wenn sie sich mit Bewußtsein begegnen, und die Verstorbenen sind da, wo sie mit Bewußtsein da sind.
Ein Mittel gibts bewußtester Begegnung zwischen den Lebenden und Verstorbenen; es ist das Andenken der Lebenden an die Verstorbenen. Unsere Aufmerksamkeit auf die Verstorbenen richten, heißt ihre Aufmerksamkeit für uns wecken, wie ein Reiz, der einen Lebendigen trifft, seine Aufmerksamkeit gleichsam dahin lockt, wo er ihn trifft.
Ist doch unser Andenken an die Verstorbenen nur eine in uns bewußt gewordene, sich auf sie zurückwendende Folge ihres diesseitigen bewußten Lebens, das jenseitige aber wird infolge des diesseitigen geführt.
Auch wenn ein Lebender an einen Lebenden denkt, mags einen Zug auf dessen Bewußtsein geben; doch er wirkt nichts, weil dessen Bewußtsein noch ganz in den Banden seines engen Leibes gefesselt liegt. Das durch den Tod entfesselte Bewußtsein aber sucht seine Stätte und folgt dem Zuge, der darauf geäußert wird, so leichter und so stärker, je öfter und je stärker er zuvor darauf geäußert ward.
Wie nun ein und derselbe körperliche Schlag stets zweiseitig vom Schlagenden und vom Geschlagenen zugleich gefühlt wird, ist es nur ein Bewußtseinsschlag, der in der Erinnerung an einen Verstorbenen zweiseitig gefühlt wird. Wir irren, nur die diesseitige Bewußtseinsseite für da haltend, weil wir die jenseitige nicht spüren; und dieser Irrtum hat Folgen des Irrtums und der Versäumnis.
Einer Geliebten ist der Geliebte, einer Gattin der Gatte, einer Mutter das Kind entrissen worden. Umsonst suchen sie in einem fernen Himmel das von ihnen abgerissene Stück Lebens, strecken umsonst Blick und Hand ins Leere nach dem, was gar nicht wahrhaft von ihnen abgerissen worden ist; nur der Faden äußeren Verständnisses ist abgerissen, weil aus dem durch äußere Sinne vermittelten Verkehr, in dem beide sich verstanden, ein innerer unmittelbarer durch den inneren Sinn geworden ist, in dem sie sich noch nicht verstehen gelernt.