Ende August waren wir aus Eckardtsheim nach Bethel zurückgekehrt. Der letzte Herbst und Winter brach an. Eine wunderbare Stille lag über diesen letzten Monaten. Aber es war keine Stille, die nur Ruhe bedeutet hätte, kein bloßes Warten auf die letzte Stunde. Wie in gesunden Tagen blieb der Tag eingeteilt. Nur daß der Morgen eine Stunde später begonnen und der Abend eine Stunde früher beschlossen wurde. „Ich darf dem alten Kerl nichts durchgehen lassen,” sagte Vater zu sich selbst. Und pünktlich um acht Uhr morgens saß er an seinem Schreibtisch. Oft freilich übermannte ihn die Müdigkeit über dem Diktieren und Unterschreiben. „Es will nicht mehr,” sagte er dann und ließ der Müdigkeit freien Lauf. Aber nach kurzem Schlummer raffte er sich wieder auf, nahm von dem Schrank die beiden afrikanischen Stöcke und wanderte diktierend oder überlegend im Zimmer auf und ab.

Nachmittags wurden dann zu Fuß oder im Rollstuhl, einerlei, ob es stürmte, regnete oder schneite, die einzelnen Häuser besucht. Die Geisteskranken hatten Vater von Jahr zu Jahr immer mehr am Herzen gelegen. Ihnen galten auch jetzt vor allem seine Wege. Aber gleichzeitig kam ein Haus nach dem andern an die Reihe. Wo er Schwerleidende wußte, Verstimmte, Verbitterte, Vereinsamte, da nahm er sich besondere Zeit und Stille.

Im Spätherbst kam ein holländischer Bildhauer, Müller-Kühlenthal, mit der Bitte, Vater zu modellieren. Wir neckten zunächst unsere alte Tante Frieda damit, sie möchte doch dem Bildhauer sitzen. Aber in ihrer spröden Art lehnte sie mit wachsender Energie ab. „Ich will nicht mal einen Kranz auf mein Grab haben.” „Schwesterchen,” sagte Vater, „die Blümchen hat Gott auch gemacht, und die Gärtner wollen auch leben. Und wenn du dem Bildhauer eine Liebe erweisen kannst, warum solltest du es nicht tun?” Damit hatte er sich selbst gefangen. Als Tante Frieda, wie zu erwarten war, bei der Ablehnung blieb, willigte er statt ihrer ein, und am andern Morgen konnte der Bildhauer seine Arbeit beginnen.

Aber noch ehe sie vollendet war, überfiel Vater eine Lungenentzündung, die ihn für Wochen ans Zimmer fesselte. Der Arzt wünschte nicht, daß er zu Bett bliebe; und mit größter Energie nahm Vater den Kampf mit der Krankheit auf. An seinen geliebten Stöcken wanderte er, um den Atem kämpfend, im Zimmer auf und ab, lehnte sich zwischendurch eine Weile in seinen Sessel, schlief einen Augenblick und nahm dann aufs neue seine Wanderung auf.

Es war die Zeit, in der die Greuel am afrikanischen Kongo bekannt geworden waren. Über den furchtbaren Leiden der Kongoneger wurde Vater die eigene Krankheit gering. Abschnitt für Abschnitt mußte ich ihm aus den Broschüren vorlesen. „Junge,” sagte er immer wieder, „halt ein! Ich kann es nicht anhören; es ist nicht wahr, es kann nicht sein.” Aber dann wieder: „Lies weiter! Wir müssen die Sache zu Ende hören.” Darüber erwachte noch einmal seine ganze Glut für das arme Afrika. Der Gedanke wurde ihm schwer, daß Bethel so wenig weibliche Kräfte hinübergesandt hatte zur notwendigen Ergänzung der männlichen Arbeit in dem unermeßlichen Meer des afrikanischen Elends. „Nur nicht zu langsam!” rief er dem Missionsinspektor Trittelvitz zu. „Nur nicht zu langsam; sie sterben drüber.” Und wieder und wieder beschäftigte ihn der Gedanke, daß nach seinem Abscheiden ich mit den Meinen mich bald aufmachen möchte in das geliebte notleidende Afrika.

Die Lungenentzündung, als sie schließlich überwunden war, hatte ein gewisses Aufleben der Kräfte im Gefolge, sodaß Vater in der Zeit nach Weihnachten mit größerer Frische als vorher seine Besuche in den Häusern wieder aufnehmen und auch im Arbeitszimmer sich noch einigen Aufgaben widmen konnte, die ihm neben den täglichen kurzen Dankschreiben an die Geber und Freunde besonders am Herzen lagen. Durch den Amerikaner Buchmann, der einige Tage in Bethel zugebracht hatte, hatte der bekannte Multimillionär Carnegie Verbindungen mit Vater angeknüpft in der Hoffnung, durch ihn mit dem Kaiser bekannt zu werden.

Mit großem Interesse verfolgte Vater den Entwicklungsgang des aus kleinsten Verhältnissen emporgestiegenen, höchst energischen Mannes und ließ sich seine Aufsätze vorlesen. Aber den Gedanken des ewigen Völkerfriedens, der Carnegie besonders am Herzen lag, lehnte er als eine Utopie ab. In einem ausführlichen Briefe setzte er ihm auseinander, daß die Kriege um der Bosheit der Menschheit willen ganz unvermeidlich seien und daß er für seine Person erfahren habe, wie auch diese furchtbaren Gottesgerichte für Völker und einzelne einen Segen in sich schließen. Carnegie aber wurde durch diesen Brief bitter enttäuscht und sprach das seinem Freunde Buchmann, der inzwischen nach Amerika zurückgekehrt war, aus. Klagend wandte sich Buchmann an Vater: „Wenn dieser Brief doch nie geschrieben wäre! Jetzt sind Sie um die Million Dollar gekommen, die Carnegie drauf und dran war Ihnen zu schenken.” Das kümmerte Vater nicht. Die großen Gaben waren ihm ja immer ein Schrecken gewesen, weil sie, wenn die Kunde davon in die Öffentlichkeit drang, gar zu leicht die kleinen Bäche der Liebe verstopften. Aber im Traum verfolgte ihn der Gedanke, Carnegie hätte doch eine große Gabe geschickt, sodaß er im Schlafe rief: „Nimm mir die Millionen wieder ab! Nimm mir die Millionen wieder ab!”

Aber die Verbindung mit Carnegie sah er damit nicht als abgebrochen an. Für sich und seine Arbeit hoffte er nichts von ihm. Aber es lag ihm daran, Carnegie womöglich für eine tiefere Auffassung der sozialen Aufgaben Nordamerikas zu gewinnen. Mit Bestürzung hatte er in einem Aufsatze Carnegies die Meinung vertreten gefunden, daß man nur die Aufwärtsstrebenden unterstützen, die Versinkenden aber so schnell wie möglich untergehen lassen sollte. Die versinkende Masse Nordamerikas zu retten, darin sah Carnegie lediglich eine Verschwendung der nationalen Kraft. Vater umgekehrt erblickte die Echtheit wahrer Humanität, deren Carnegie sich rühmte, darin, daß sie sich gerade der Versinkenden annahm und an ihnen ihre Wahrheit und Tiefe bewährte.

Auf schriftlichem Wege Carnegie zu überzeugen, hoffte er nicht mehr. Darum knüpfte er mit dem Großkaufmann J. K. Vietor in Bremen an, der Amerika kannte. Vietor kam mit seinem Bruder, dem Pastor, zu einem ersten Besuch nach Bethel, und die herzhafte Energie der beiden Brüder tat Vater ungemein wohl. Namentlich die Lage der amerikanischen Brüder von der Landstraße, die nicht als Wanderer, sondern als blinde Passagiere auf, unter und hinter den Eisenbahnwagen in beständiger Lebensgefahr das Land durchquerten, hatte Vater aufs tiefste bewegt, und hier sollte Vietor in seinen Verhandlungen mit Carnegie einsetzen. Aber noch ehe Vater durch Buchmann eine Besprechung zwischen Carnegie und Vietor herstellen konnte, setzte Vaters Tod diesem Plan ein Ziel.

Wieder und wieder galten Vaters Besuche seinem alten Freunde, dem Generalsuperintendenten Braun, in seinem kleinen Hause am Waldrande. Vater hatte sich nie dareinfinden können, daß Braun seine Arbeit am evangelischen Gymnasium in Gütersloh aufgegeben hatte und Generalsuperintendent in Berlin geworden war. Er blieb der Überzeugung, daß Braun damit seine eigentliche Lebensaufgabe verlassen habe. „Wir haben keinen wichtigeren Posten in der ganzen evangelischen Kirche als den am Gymnasium zu Gütersloh,” sagte Vater gelegentlich. Nach dem Ausscheiden Pastor Möllers, der als Brauns Nachfolger zum Segen für viele bis zum siebzigsten Lebensjahr dem Gymnasium gedient hatte, wurde ein neuer Geistlicher für das Gymnasium gesucht, und Braun bat Vater, unsern Bruder Friedrich dafür freizugeben. Die Sache bewegte Vater aufs tiefste. Er blieb bis zuletzt seinem Grundsatz treu, wenn es nötig und möglich sei, das Liebste sich vom Herzen zu reißen und an die bedrohtesten Posten zu werfen. An einem Februarnachmittag fuhr er nach Gütersloh, um mit dem Fabrikanten Wolf, der seit Jahren sein verständnisvoller Mitarbeiter geworden war und als Nachfolger des Forstrats Deckert den Vorsitz des Anstaltsvorstandes führte, zu überlegen. Vater sah das Gymnasium in Gütersloh, das in seiner Unabhängigkeit einzig in seiner Art dastand, als das eigentliche geistliche Zentrum der heranwachsenden deutschen Jugend an und war bereit, dafür jedes Opfer zu bringen.