Wieder und wieder hatte sich sein Auge auf den Superintendenten Holzhausen in Freiburg an der Unstrut gelenkt, den er im Jahre 1903 kennen gelernt hatte, als ihn eine Feier zum Gedächtnis der bei Freiburg im Oktober 1813 gefallenen und verwundeten Yorckschen Jäger, unter denen sich auch sein Vater befunden hatte, ins Unstruttal führte. Die urwüchsige Herzlichkeit, der kindliche tiefe Glaube, die große Arbeitsfreudigkeit und der väterliche und kameradschaftliche Sinn, die in Holzhausen vereinigt waren, hatten Vater ungemein angezogen. In ihm glaubte er wirklich einen Vater seiner Gemeinde gefunden zu haben. Mehrmals reiste er zu ihm und legte ihm in vertraulichstem Gespräch die ganze Aufgabe ans Herz. Aber Holzhausen konnte sich nicht entschließen. Eine andere Persönlichkeit zeigte sich nicht.
So gab Vater allmählich den Gedanken auf, von auswärts eine neue Kraft zu berufen. Mehr und mehr glaubte er in den Persönlichkeiten, wie sie allmählich in die Arbeit hineingewachsen waren, diejenigen sehen zu sollen, die zur Fortführung des Werkes berufen waren. So stärkte er unserm Bruder Friedrich den Mut, die Verantwortung für die Gesamtleitung, die er bis dahin schon als Vertreter des Vaters getragen hatte, auch nach seinem Abscheiden auf sich zu nehmen, während alle andern als seine Mitarbeiter auf ihrem Posten bleiben sollten.
Waren diese Gedanken auch noch nicht öffentlich ausgesprochen und im einzelnen festgelegt, so waren sie doch mehr und mehr das selbstverständliche Eigentum der ganzen Gemeinde geworden, sodaß sowohl Vater wie die Gemeinde ohne quälende Unruhe in die Zukunft blickten. Mit zitterndem Herzen freilich beobachteten wir, wie in den ersten Monaten des Jahres 1909 sich die frischen Farben auf dem Angesicht des geliebten Vaters verloren und sein sonst so munterer Schritt mühsam und schleppend wurde. Aber als dann am 19. April die Nachricht die Anstalt durcheilte, daß Vater, der am Tage vorher noch mit letzter Kraft 47 Schwestern eingesegnet hatte, von einem Schlaganfall getroffen sei, da gab es wohl überall eine schmerzliche Bewegung, doch kein ungläubiges Erschrecken. Die Gemeinde war bereit, das Opfer zu bringen, wenn es gefordert wurde, und war ohne Erschrecken, weil sie wußte, daß Vater bei Zeiten das Haus seiner ganzen Anstaltsfamilie bestellt hatte.
Doch noch ging es nicht zum Sterben. Vielmehr gab es noch ein ganzes Jahr stillen Abendfriedens, dessen Glanz vielen zur tiefsten Erquickung wurde. Die Zunge war durch den Schlaganfall gelähmt. Aber sofort setzte Vater seine ganze Energie daran, über die Sprache wieder Herr zu werden. Er übte so lange, bis ein Laut nach dem andern wieder deutlich wurde, sodaß seine Stimme allmählich die volle Verständlichkeit wiedergewann.
Ende Mai konnten wir ihn noch einmal nach Wildungen bringen, wo er sich unter der mütterlichen Pflege der Witwe Dr. Thilenius und seines ärztlichen Freundes Geheimrat Marc in den letzten Jahren immer wieder so wohl gefühlt hatte. Die kleinen Wege zum Brunnen konnte er zu Fuß machen, und im Rollstuhl fuhren wir ihn weit hinaus in die stillen Wald- und Wiesentäler.
Dazu wurden bald wieder die gewohnten Arbeitsstunden aufgenommen. Sie galten namentlich den Brüdern von der Landstraße, deren Sache in einem ausführlichen Aufsatz, der zugleich den Stoff zu einem Volksfamilienabend bieten sollte, noch einmal verfochten wurde. In jene Tage fiel auch der Besuch der englischen Kirchenmänner in Bethel, die Vater in einem längeren Schreiben begrüßte. Ende Juni siedelten wir dann nach Eckardtsheim über, wo die Hauseltern Biermann im stillen Eichhof das Quartier bereitet hatten. Sinnend saß Vater am Fenster, als wir von Paderborn her in die Senne hineinfuhren. „Was ist aus der Wüste geworden!” sagte er still vor sich hin im Gedanken an die ersten Anfänge in der wilden Heide von Wilhelmsdorf. Bald der eine, bald der andere kam von Bethel heraufgewandert, um hier in der wohltuenden Einsamkeit mit Vater zusammen zu sein. Und nachmittags wurden im Rollstuhl die Fahrten in die Niederlassungen von Eckardtsheim unternommen. Die einzelnen Häuser der Epileptischen, der Trinker, der Kolonisten, der Lungenkranken, der Geisteskranken, auch der Familien der Pfleger und Handwerker wurden nacheinander aufgesucht, vor allem und immer wieder der nahegelegene Fichtenhof mit seinen Fürsorgezöglingen, an deren frischem Gesang sich Vater nicht satt hören konnte.
Einmal stand er unter den jungen Burschen, fragte sie der Reihe nach nach Namen und Heimat und legte dabei einem, wie es gelegentlich seine Art war, wie zum Segen die Hand auf den Kopf. Es war einer der wildesten Jungen. Nach einigen Tagen war er verschwunden. Alles Nachforschen war vergeblich, bis nach längerer Zeit aus Böhmen ein Brief kam: „Sucht nicht mehr nach mir, ich komme nicht wieder. Aber seid ohne Sorge um mich, der alte Bodelschwingh hat mich gesegnet.” Wieder und wieder kamen Lebenszeichen von dem jungen Burschen, aus denen hervorging, daß er sich in der Tat in der Fremde aufrechthielt. Schließlich meldete er, daß er in das österreichische Heer eingetreten sei. Noch bis zum Jahre 1916 drang hier und da von dem östlichen Kriegsschauplatz ein kurzes Wort durch, bis auch über diesen Lebenslauf sich die Stille deckte, durch die der Krieg so manches junge Leben geendet hat.
Der Führer des Rollstuhls bei diesen Fahrten in die Sennehäuser war der treue Bruder Liebusch. Er hatte ursprünglich Theologie studiert, aber wegen nervöser Schwäche das Studium aufgeben müssen und war schließlich in die Krankenpflege von Bethel eingetreten, in der sich seine Kräfte allmählich hoben, sodaß er einige Jahre in der afrikanischen Heilstätte für Geisteskranke in Lutindi mithelfen konnte. Doch hatten die Kräfte dort aufs neue versagt, sodaß er Afrika verlassen mußte und jahraus, jahrein in hingebendster Weise bald da, bald dort in Bethel Aushilfsdienste tat. Aber seine Seele hing an der afrikanischen Arbeit. Sooft Vater während der Rollstuhlfahrten dieses Thema anschnitt, quoll das ganze Herz des treuen Liebusch über. Er vergaß darüber Weg und Steg, und einige Male war es drauf und dran, daß er Vater in den Graben gefahren hätte. Aber gerade das machte Vater Freude, weil es ihm das sicherste Zeichen der inneren Glut des Mannes war.
Schon lange hatte er sich nach einer neuen Hilfe für den einsamen Bokermann und seine schwarzen Geisteskranken umgesehen. Jetzt reifte in ihm der Entschluß, Liebusch noch einmal hinauszusenden. Fortan ging Liebusch in Sprüngen. Seine tiefste Herzenssehnsucht, die er bis dahin nicht auszusprechen gewagt hatte, sollte sich noch einmal erfüllen.
Segnend legte ihm Vater zum Abschied vor versammelter Gemeinde die Hände auf: „Zieh in Frieden deine Pfade!” Nie ist irgend einer von uns Missionsarbeitern in Afrika mit solchem Jubel empfangen worden wie Bruder Liebusch. Freilich nur für ein kurzes Arbeitsjahr. Dann überfiel ihn ein heftiges Fieber. Bewußtlos trugen ihn seine treuen Schwarzen an die Bahn hinunter; während der Fahrt nach Tanga starb er. Unter den rauschenden Palmen haben wir an seinem Grabe gestanden. Ist er zu früh, ist er umsonst gestorben? Vater rechnete nicht so.