[Das letzte Lebensjahr.]

Es war einsamer und einsamer um Vater geworden, Stöcker, Siebold, Kuhlo, Schmalenbach, die ihm durch Freundschaft und Verwandtschaft des Geistes besonders nahe gestanden hatten, waren vor ihm abgerufen. Nur der alte Generalsuperintendent Braun blieb als der letzte übrig. Schwer leidend, mit zerriebenen Nerven, hatte er sich schließlich, Vaters unaufhörlichem Locken folgend, von Berlin nach Bethel zurückgezogen, wo ihm Vater am Waldrande ein Häuschen bauen ließ, so wie vorher schon Siebold, Kuhlo und die Familie Schmalenbach ein solches Häuschen bezogen hatten.

1907 war Stöcker noch einmal zu uns gekommen, und die beiden Kämpfer, die mit zunehmendem Alter einander immer näher gerückt waren, hatten sich für die letzte noch vor ihnen liegende Lebensarbeit miteinander im Glauben gestärkt — „Stöcker,” wie einer, der beiden nahe stand, schrieb, „der Mann Gottes, der mehr gearbeitet hat als sie alle und über solcher Arbeit fast müde geworden ist, Vater, das Kind Gottes, dem Barmherzigkeit widerfahren ist (2. Kor. 4, 1) und das darum nicht müde werden kann.” Vergeblich hatte sich Stöcker von Vater bitten lassen, er möchte doch seinem treuesten Freunde aus der Berliner Zeit, Pastor Kuhlo vom Elisabethkrankenhaus, folgen und den Rest seiner Fahrt in Bethel endigen; er konnte sich nicht entschließen, Berlin zu verlassen.

Der alte Pastor Siebold hatte schon im Jahre 1894 Schildesche mit Bethel vertauscht und war, achtzig Jahre alt, noch Vaters Hilfsprediger geworden, indem er ihm in unablässiger Bereitwilligkeit Stunden und Krankenbesuche abnahm. Als es dann zum Sterben ging, hatten die beiden in fast kindlicher Heiterkeit sich der Ewigkeit gefreut. Vater konnte sich kaum trennen von dem Bett des Sterbenden. „Bruder,” sagte er, „was stirbst du fein!”

Schmalenbach hatte bis zur letzten Faser seiner Kraft in seinem geliebten Mennighüffen ausgehalten. Er war nach Volkenings Tode die überragende Gestalt des Ravensberger Landes geworden und hatte mit Wort und Feder am tiefsten auf die Gemüter gewirkt. Fast ängstlich hatte er manchmal nach dem „Berge Zion”, wie er der auf dem Berge gelegenen Zionskirche wegen die Bethelgemeinde nannte, hinübergeblickt, ob nicht durch die dort sich dehnende Arbeit die Schultern des Minden-Ravensberger Volkes überlastet würden. Besonders seit dem Beginn unserer ostafrikanischen Arbeit war er, der das Ravensberger Land in wachsendem Maße dem Dienst der Barmer Mission zugeführt hatte, noch zurückhaltender geworden als vorher. Aber namentlich Budde hatte immer wieder dafür gesorgt, daß die Fäden hinüber und herüber nicht zerrissen. Als dann die Kräfte Schmalenbachs zusammenbrachen, holte unser ältester Bruder ihn nach Bethel herüber. Seine Familie folgte ihm, und Vater konnte noch an dem Lager des Sterbenden knien, der ihm wie ein ernster, stiller älterer Bruder gewesen war.

Die Übersiedelung des alten Pastors Kuhlo von seinem langjährigen Berliner Arbeitsfelde nach Bethel warf noch einen besonderen Sonnenstrahl auf Vaters Lebensweg. Zu ihm hatte er sich, sooft er in die Unruhe Berlins untertauchen mußte, mehr als zu irgend sonst jemand hingezogen gefühlt, und der tiefe Gottesfriede, der von der geheiligten Natürlichkeit Kuhlos ausging, war namentlich in den Zeiten, wo Vater als Abgeordneter je und je in seinem Stübchen im Berliner Hospiz krank gelegen hatte, seine große Erquickung gewesen. Ganz in der Stille hatte sich Vater dort auch einmal vom alten Kuhlo das heilige Abendmahl reichen lassen. Ein Jahr noch genoß Kuhlo mit seinen beiden Töchtern sein kleines mit ganz besonderer Liebe gebautes Waldhaus. Dann mußte Vater auch ihm das letzte irdische Geleite geben.

Aber es lag nichts Wehleidiges in der Trauer, mit der er seinen voraneilenden Freunden und Mitarbeitern nachsah. Die Einsamkeit, in der ihn seine Freunde zurückließen, sah er immer wieder voll Dankbarkeit sich füllen mit neu nachdrängenden Gestalten, die bereit waren, in die Lücken zu treten. Sein kindlicher Glaube hatte ihn jung erhalten, sodaß er sich auch unter den jüngeren Kräften und Mitarbeitern wohl fühlte, ja wie der jüngste, heiterste und arbeitseifrigste unter ihnen war.

Aber das auch für ihn näher rückende Ende hatte er dabei nicht aus dem Auge verloren, zumal sein Blasenleiden, das ihn seit dem Jahre 1899 nicht verlassen und ihm keine einzige ungestörte Nachtruhe mehr erlaubt hatte, ein unablässiger Mahner geworden war. Wem sollte er die Arbeit übergeben?

Seine drei Söhne hatten alle den Wunsch gehabt, außerhalb der Anstalt, sei es im Dienst der heimatlichen Kirche, sei es im Dienst der Mission, ihre Arbeit zu tun, und alle hatten auch zeitweilig einen solchen Dienst versehen. Aber schließlich hatte der Gehorsam gegen die Bitten des Vaters und das Verlangen, seine Kraft zu stützen und zu erhalten, sie einen nach dem andern in die Arbeit von Bethel zurückgeführt. Schon im Jahre 1896 war unser ältester Bruder in die Arbeit des Diakonissenhauses eingetreten und hatte schließlich dessen Leitung übernommen. 1904 war unser jüngster Bruder gefolgt, war auf allen Gebieten der vielgestaltigen Arbeit Vaters Gehilfe und von der Zeit ab, wo Vater in das Abgeordnetenhaus eintrat, sein verantwortlicher Vertreter geworden. Schließlich als Vater den Abschluß seiner Laufbahn herannahen fühlte, hatte er den Vorstand gebeten: „Gebt einem alten sterbenden Mann seinen Jungen wieder!” So war auch ich schnell, meine Gemeindearbeit in andere Hände legend, mit Frau und Kindern solcher Bitte gefolgt, um mit unserer Schwester zugleich den Vater während seines letzten Lebensjahres zu umgeben.

Immer wieder hatten wir Kinder Vater gebeten, sich nach einem Mann umzusehen, dem er noch bei seinen Lebzeiten die Leitung der Gesamtarbeit übergeben könnte. Und er hatte auch unablässig seinen Blick durch das gesamte Vaterland schweifen lassen, ob sich ihm solch eine Persönlichkeit zeigte oder zur Verfügung stellte.