Napoleon hatte damals durch ganz Paris breite Straßenzüge, die sogenannten Boulevards, brechen lassen. Dadurch hatten viele Deutsche ihre Wohnungen im Süden der Stadt verloren und waren in den Norden gezogen. Diese Leute, die auf ein Revier von drei Stunden Länge und einer halben Stunde Breite zerstreut wohnten, sollte Bodelschwingh sammeln. Einige Wochen blieb er in der gastlichen Familie Pfarrer Meyers, um sich nach allen Seiten in Paris umzusehen, dann nahm er das ihm zugewiesene Arbeitsfeld in Angriff. Auf dem Montmartre mietete er sich in einem großen kasernenartigen Gebäude, dem Château des Brouillards („Nebelschloß”), zwei Zimmer, schaffte das geringe Mobiliar, das einem seiner Vorgänger gedient hatte, hinein und begann von dort seine Streifzüge, um seine Herde zu sammeln.

In einem Bericht an die Freunde der Arbeit in Paris aus dem Jahre 1865 schreibt er: „Es war an einem schönen Frühlingsmorgen des Jahres 1858, wo zwei kleine Mädchen in hessischer Tracht im Alter von etwa sieben und zehn Jahren den steilen Abhang des Montmartre hinaufstiegen und in das Château des Brouillards eintraten. Sie kamen aus einer der Sackgassen, die sich an der Mauer des großen Kirchhofes von Montmartre befanden. Dort hatte ich sie tags zuvor bei meiner ersten Entdeckungsreise auf der Straße an ihrer deutschen Tracht erkannt. Da Vater und Mutter, zu denen sie mich führten, bitterlich klagten, daß ihre Kinder ohne Unterricht aufwüchsen — denn zur nächsten deutschen Missionsschule war es quer durch die Stadt fast anderthalb Stunden Weges —, so hatte ich sie zu mir eingeladen und ihnen für das erste Mal den Weg zu meinem Nebelschloß gezeigt.

Inzwischen hatte ich das größere meiner beiden Zimmer zum Schulzimmer und zugleich zur Hauskapelle eingerichtet. In einer Nische der Wand hatte ich ein kleines Harmonium aufgestellt und darüber den bekannten schönen Holzschnitt von Gaber, Christus am Kreuz, gehängt. So ausgerüstet erwartete ich meine ersten geladenen Gäste. Und richtig, zur bezeichneten Stunde klopfte es an die Tür, und die beiden kleinen Hessinnen traten herein.

Es wird mir für mein ganzes Leben ein unvergeßlicher Augenblick sein, als ich nun zum erstenmal die zwei kleinen Mädchen die Hände falten ließ und Gott um seinen Segen bat. Es war mir vollauf so feierlich zumute, als sollte ich in einer großen Pfarrkirche vor Tausenden von Zuhörern meine Antrittspredigt halten, da ich nun anhob, den beiden Kindern, unter Hinweisung auf das Bild, von dem Mann mit der Dornenkrone zu erzählen, der um unserer Sünde willen an das Kreuz erhöht ward. Der Eindruck meiner höchst ungeschickten kurzen Erzählung — denn ich hatte gar keine Übung, mit Kindern von den Geheimnissen des Kreuzes zu reden — war namentlich bei dem kleineren der beiden Mädchen so mächtig, daß ich selbst dadurch innerlich ganz ergriffen wurde. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck innigsten Mitleides schaute die Kleine aus ihren dunklen Augen bald auf das Bild, bald auf mich, und hin und wieder lief eine große Träne über ihre braunen Wangen.

Es kann lächerlich oder anmaßend vorkommen, daß ich den Leser mit dieser unbedeutenden Geschichte hinhalte. Aber mir war wirklich nicht lächerlich zumute. Es ist ja doch etwas überaus Ernstes und Großes um die Predigt vom Kreuz des Herrn. Und es ist doppelt und dreifach groß und ernst für einen jungen Menschen, der zum erstenmal, und das in Paris, mit dieser Predigt auftreten soll. Wie war mir doch so bange zumute gewesen, als einige Wochen vorher der Zug spät abends auf dem Nordbahnhofe hielt und der Schaffner sein für den neuen Ankömmling wirklich unheimliches „Paris” in den Wagen hineinrief! Während der Fiaker mit mir die lange Reise quer durch die Stadt bis zum Hause meines väterlichen Freundes, Pfarrer Meyer, machte, mußte ich schließlich die Augen fest zudrücken, so sehr ängsteten mich die breiten Lichtstreifen der verschiedenen Boulevards mit ihrer bunten, wogenden, in die tiefe Nacht hineintaumelnden Volksmenge. „Hier sollst du armen Menschen von dem Kreuze Christi predigen!” so dachte ich; „wie wird’s dir gehen?”

Die Universitätszeit und die Examina sind an und für sich selten dazu angetan, einem jungen Menschen zum fröhlichen Auftun des Mundes zu verhelfen. Wie ich schon erzählte, war mir die Freudigkeit zur Predigt von Christo in dieser Zeit je länger je mehr geschwunden. Ja, ich war schließlich über allem Studieren so konfus im Kopf und so unklar über die Grundwahrheiten des Christentums geworden, daß ich nicht wußte, was ich mit gutem Gewissen den Leuten predigen könnte.

Lediglich die Bemerkung in dem an mich ergangenen Rufe, daß ich in Paris besonders ganz armen Kindern zu dienen habe, hatte mir Freudigkeit gegeben, diesem Rufe zu folgen. Denn ich dachte bei mir selbst: „Du willst einmal sehen, was du, ohne daß sonst ein Mensch es hört und weiß, solch einem armen Kinde von dem Evangelium sagen kannst. Was du dem sagen kannst und was es begreift und faßt, das wirst du dann ja auch getrost weitersagen können.”

Es ist ja ohne allen Zweifel die allergrößte Not, in die ein Menschenkind auf Erden geraten kann, wenn es in seinem Glauben wankend wird, und ganz bejammernswert ist in diesem Fall ein armer Prediger, wenn er noch halbwegs ehrlich ist. Die Hoffnung, aus solcher Not herauszukommen, hatte mich, wie gesagt, nach Paris getrieben.