Man begreift nun, daß mir jene erste Stunde mit den beiden Gassenkehrerkindern eine wichtige Stunde war und daß mir, als die beiden Kleinen wieder ihres Weges gezogen waren, das Herz in Sprüngen ging. Ich wußte nun wieder, was ich vom Kreuze Christi zu halten hatte, ich konnte mit Freudigkeit davon predigen; und von dieser Stunde an ist mir auch nie wieder ein Zweifel gekommen.
Aber ich sollte durch Gottes Barmherzigkeit von meinen kleinen Lehrmeistern noch mehr lernen. Ich hatte ihnen beim Abschied die Weisung gegeben, sie sollten nicht allein wiederkommen, sondern auch andere ihrer Gespielen von der Gasse mitbringen. Und richtig, sie hielten Wort. Keuchend und schwitzend, aber mit triumphierenden Gesichtern standen am andern Morgen meine beiden wackeren Erstlinge wieder vor meiner Tür und hielten in ihrer Mitte mit ihren derben Fäusten einen kleinen Burschen von etwa sechs Jahren. Er hatte ihnen Last genug gemacht, bis sie ihn oben hatten. Mehrmals war ihm die Sache leid geworden. Er war ihnen davongelaufen, und sie hatten ihn wieder einfangen müssen. So war bei ihm fürs erste bitter wenig Interesse für das Kreuz Christi zu spüren, die Gassen von Paris zogen ihn weit stärker an.
Auch bei einer Anzahl der sich nun einfindenden andern Kinder, Knaben wie Mädchen, behielt die Liebhaberei für das Herumtreiben auf der Straße die Oberhand. Keineswegs bei allen kam ich mit der Kreuzespredigt aus, sondern mußte zu andern Mitteln greifen, um ihren alten Adam in den gehörigen Schranken zu halten. Aber bei alledem ging es doch weit über all mein Bitten und Verstehn. Ohne daß ich mich weiter ans Suchen gab, mehrten sich von Tag zu Tag meine kleinen Gäste. Eins brachte das andere mit. Immer neue Kinder klopften an meine Tür. Ich behielt dabei meine erste Lehrmethode bei. Erst wurde ein kleines Lied gesungen und dann das Bild des Gekreuzigten erklärt; seine Nägelmale, seine Dornenkrone, seine Todesschmerzen gaben täglich für einzelne der Neuangekommenen Ursache zu der innigsten Teilnahme und Herzensbewegung ab, und diejenigen, die die Geschichte bereits gehört, hörten sie zum Teil mit steigendem Interesse immer aufs neue.
Nicht allein aus dem nahen Batignolles und vom Montmartre selbst, auch von Courcelles, aus dem Faubourg Saint-Honoré, aus den Ortschaften draußen vor den Befestigungswerken, ja ganz besonders von der fernen Villette und selbst aus Pré-Saint-Gervais, von wo die Kleinen fast zwei Stunden zu marschieren hatten, stellten sich meine Schüler ein, ungezwungen, eins von dem andern geladen. Es vergingen wenige Wochen, da war mein Wohnzimmer und auch mein Schlafzimmer zu eng, die immer neu Ankommenden aufzunehmen, und ich erschrak fast, wenn es immer aufs neue klopfte, da ich die kleinen Gäste nicht mehr zu beherbergen wußte.
Dieses unerwartete Sichsammeln der sehr zerstreuten Schar war mir ein Wunder vor meinen Augen. Es wurde mir zur lebendigen Auslegung und zur sichtbaren Erfüllung der Verheißung des Herrn: „Wenn ich erhöht sein werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen.” Die wunderbare Anziehungskraft des Kreuzes Christi wurde mir offenbar, und ich sah in dieser schönen Frühlingszeit meines evangelischen Predigtamtes nach jener ersten seligen Erfahrung noch manches liebe Kinderauge glänzen oder feucht werden bei den allereinfachsten Erzählungen von der Liebe Christi, der uns geliebt hat bis zum Tode am Kreuz.
Freilich weiß ich seitdem besser, als ich es damals wußte, wie wenig in den meisten Fällen auf eine Träne zu geben ist; und ich weiß leider auch, daß viele jener Kinder, die mir so sehr zur Stärkung meines Glaubens dienten, die Welt längst wieder liebgewonnen und die Kreuzesfahne Jesu verlassen haben. Aber dennoch ist eine Träne, eines armen Kindes Träne, über das bittere Leiden Christi geweint, etwas sehr Großes und Herrliches inmitten jener Taumelwelt, und sie wiegt gewiß schwerer, als man denken mag, in der Wagschale unseres Gottes.
Darum hat mich auch meine erste fröhliche Hoffnung beim Anblicke dieser ersten Tränen nicht enttäuscht. Denn aus den zwei armen Kindern, die sich zuerst bei mir einfanden, sind durch Gottes Wunderwege in den sechs Jahren, die zwischen jener ersten und der Stunde liegen, wo ich dies schreibe, zwei Gemeinden geworden: die Gemeinden zu La Villette und Batignolles.”
Wer nun den Weg verfolgt, auf dem es zur Aufrichtung dieser beiden blühenden deutschen Gemeinden kam, der beobachtet, daß der junge Missionsprediger Bodelschwingh keinen weitangelegten Plan in sich trug, sondern daß er lediglich die nächstliegenden Aufgaben in einfältigem Glauben und mit tatkräftiger Liebe in Angriff nahm und sich Schritt für Schritt vorwärts drängen ließ.
Die beiden Zimmer auf dem Montmartre boten schon nach kurzer Zeit nicht mehr genügend Raum. Und das Ungeziefer, das die Kinder zurückließen, machte den Aufenthalt darin qualvoll. Nun hatten die Besuche, die Bodelschwingh bei den Eltern seiner Schulkinder machte, ihn immer wieder in die weiter östlich gelegenen Gegenden von Paris geführt, die damals zum Teil noch jenseits der engeren Stadtgrenze lagen. Denn von dort her hatte sich der größte Teil der Kinder im Nebelschlosse eingestellt.