Am Abend eines heißen Tages, den er wieder einmal auf der Suche nach seinen verstreuten Landsleuten in jener Gegend zugebracht hatte, entdeckte er in der Vorstadt La Villette einen kleinen grünen Hügel, etwa sechzig Schritt lang und vierzig Schritt breit, völlig unbebaut, nur mit einigen schattigen Bäumen bestanden. Müde wie er war, und in dem Verlangen, ein wenig auszuruhen, ehe er den weiten Heimweg bis zum Montmartre anträte, stieg er die wenigen Meter hinauf.
„Es wehte da oben”, so heißt es in seinem Bericht aus dem Jahre 1861, „eine kühle, gesunde Luft, die mich erquickte. Einige arme Kinder spielten friedlich miteinander. Es wurde mir ganz besonders wohl und heimatlich zumute auf der stillen Anhöhe. Und indem ich an den Rand des Hügels trat und dicht zu meinen Füßen die armen Hütten von La Villette erblickte, in denen mir bereits so viel leibliches Elend und sittliches Verderben zu Augen gekommen war, ohne daß ich bisher eine Abhilfe aus solcher Not gefunden hätte, war es mir plötzlich, als hörte ich eine Stimme, die sagte: ‚Dieser Hügel gehört dem Herrn!’”
Diese Stimme ließ ihn nicht wieder los. Er forschte nach dem Besitzer des Hügels und trat mit ihm in Verhandlung. Verkaufen wollte er den Hügel nicht, wohl aber bei halbjähriger Kündigung gegen einen geringen Preis vermieten. Auf einem gemieteten Grundstück war natürlich an einen festen Bau nicht zu denken. So gab Bodelschwingh einem Zimmermeister ein einfaches Blockhaus in Auftrag, das noch heute steht. Ehe er aber seine Arbeit vom Montmartre dauernd auf den Hügel verlegte, galt es für ihn, den für den Fortgang seiner Arbeit und namentlich für den Unterricht der Kinder so nötigen Mitarbeiter zu finden.
Nachdem er am 29. August, vier Monate nach seinem ersten Examen, durch Pastor Meyer ordiniert worden war — der preußische Oberkirchenrat hatte ihm mit Rücksicht auf die dringenden Aufgaben in Paris das zweite Examen erlassen —, brach er nach Deutschland auf. Auf dem Kirchentage in Hamburg berichtete er in der Michaeliskirche von seiner Arbeit in Paris.
„Am Schluß meines Berichtes”, so erzählt er, „bat ich nicht ohne Zagen um einen Lehrer für meine Pariser Gassenkinder, dem ich zwar bitter wenig Geld geben könne und dem es allein genug sein müsse, Kinderaugen glänzen zu sehen, wenn ihnen von der Liebe Jesu ans Herz geredet würde.”
Nach der Versammlung erschien ein junger Lehrer auf meiner Stube und sagte: „Selber kann ich nicht kommen, aber eine Gabe sollen sie doch haben.” Damit zog er einen Taler aus der Tasche. Ich sagte: „Wo der Taler herkommt, kommt vielleicht auch der Geber her.” Er erklärte mir aber, er könne seine Arbeit in Glückstadt nicht verlassen. Doch der Blick, mit dem er mich dabei ansah, nahm mir nicht jede Hoffnung. Ich fragte ihn über einige Umstände seines Lebens und erfuhr, daß er bei dem bekannten Archidiakonus Versmann in Itzehoe konfirmiert worden sei. Am andern Morgen fuhr ich nach Itzehoe und fragte Pastor Versmann nach dem Geber der drei Mark. „Den nehmen Sie mit,” war seine Antwort, „dann haben Sie das Rechte getroffen.” Kurz darauf stand ich in Glückstadt in der Schule des jungen Lehrers und hörte seiner biblischen Geschichtsstunde zu. Darauf war ich fertig, und ich ließ ihn nicht los, bis ich sein Jawort hatte.
Wenige Wochen später trat Heinrich Witt[1] — denn so hieß der junge Lehrer — in Paris in mein Stübchen. Damit war mir eine schwere Last vom Herzen gefallen. Inzwischen war unsere Schule nebst unserer Wohnung bereits in Angriff genommen worden. Sie kostete alles in allem fix und fertig aufgerichtet 800 Taler und war etwa 15 Meter lang und 6 Meter breit. Der erste Teil war die Pfarrerwohnung, in der Mitte lag die Lehrerwohnung, und das längste Stück bildete die Schule, die durch Zurückziehen der hölzernen Scheidewände, durch die Lehrer- und Pfarrerwohnung von ihr getrennt waren, am Sonntag auf das Doppelte vergrößert und in einen Predigtraum verwandelt werden konnte.
[1] Siehe „Lebensbild des Lehrers Heinrich Witt” von Lehrer Witt, G. Ihloff, Neumünster i. H., 127 Seiten.
Am 11. Dezember 1858 zogen wir in unsere bescheidene Hütte ein und begannen unser fröhliches gemeinsames Leben. Mein lieber Witt machte jeden Morgen Feuer, worauf er sich vortrefflich verstand, während ich den Morgenkaffee und das zweite Frühstück herrichtete, das wir nach Pariser Sitte um 12 Uhr einnahmen. Das Abendbrot, das nach unserer damaligen Gewöhnung unsere Hauptmahlzeit bildete, bereitete uns eine in der Nähe wohnende Witwe, Mutter Schnepp.
Von nun an hatte ich es unbeschreiblich gut. Ein ganz neues Leben begann für mich, nicht nur durch die Gemeinschaft, die uns beide bei unseren täglichen Andachten und Mahlzeiten erquickte, sondern besonders dadurch, daß meine armen verwilderten Kinder nun einen überaus sorgsamen Unterricht, namentlich auch einen gründlichen Religionsunterricht empfingen, sodaß mir die Konfirmandenstunden dadurch überaus erleichtert wurden. Aber nicht nur in der Schule, sondern auch in der Gemeinde war mir mein Freund Witt ein sehr treuer Gehilfe, teils durch die Bibelstunden, die er hielt, — ich hatte außer in der Villette noch an drei andern Orten Gottesdienste und Bibelstunden zu halten — teils dadurch, daß er mit größter Hirtentreue den armen verirrten Kindern nachging, deren es nur zu viele gab.