Es ist mir namentlich unvergeßlich geblieben, wie er den Michel Jakob gewann, einen auf den Gassen von Paris ohne jeden Unterricht aufgewachsenen Knaben, der schon das zwölfte Jahr überschritten hatte. Er trieb sich nachts gewöhnlich vor den Theatern umher, um sich dort durch Öffnen und Schließen der Kutschwagen Geld zu verdienen. Das brachte er dann auf unnütze Weise durch, sodaß er schon oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht hatte. Im Sommer durchstreifte er die großen Stachel-, Johannis- und Himbeerbeete, die in unserer Vorstadt damals noch reichlich standen und in denen er schwer zu finden war. Sein armer Vater hatte es an Schlägen nicht fehlen lassen, blaue Flecke gab es an seinem Leibe übergenug, und mit dem Stock sollte er nun auch in unsere Schule gezwungen werden. Da kam er dann wohl einen Tag, aber den andern war er wieder verschwunden; denn Schulzwang gab es damals in keiner Pariser Schule.
Was tat nun mein Freund Witt? Abends spät, wenn er hoffen konnte, daß Jakob von seinen Streifzügen heimgekehrt sei, erschien er in der Wohnung der Eltern. Ohne ein Wort des Tadels setzte er sich neben den armen Jungen: „Jakob, du hast heute nicht in die Schule kommen wollen, so muß ich zu dir kommen”, nahm die Fibel vor und fing mit aller Geduld und Sanftmut an, das ABC mit ihm zu treiben. Das tat er nicht einmal, das tat er wieder und wieder. Diese Liebe hielt Jakob nicht aus; sie war ihm doch zu stark. Nun kam er willig und regelmäßig zur Schule.
Einmal an einem Karfreitagmorgen sah ich ihn, wie er vor Witts Fenster einen langen Zweig einer wilden Rose anstarrte. (Wir hatten uns in den Festungsanlagen wilde Rosen gesucht und vor unser Fenster gepflanzt, um sie später zu veredeln.) Als er mich erblickte, war er einen Augenblick verlegen. Dann fragte er: „Waren das solche Dornen, Herr Pfarrer, die der Heiland am Karfreitag um sein Haupt hatte?” Ich sagte: „Ja, Jakob, die Dornen an seinem Haupte waren noch länger; und sie sind an seinem Kopf hängen geblieben, als er das verlorene Schaf suchte.” Da blickte Jakob mich mit großen Augen an und sagte: „Ich war auch verloren.” Dies war ein Beispiel von vielen verlorenen Kindern unter der versinkenden Jugend der Weltstadt, an denen mein Freund Witt mit unvergleichlicher Treue arbeitete und die er, wie ich hoffe, am großen Tage wiederfinden wird.”
So fing denn der kleine Hügel von La Villette an, eine Oase in der Wüste zu werden. Wer heute den Hügel besucht und die geordneten Straßenzüge sieht, die ihn rings einschließen, wer namentlich den Park durchwandert, der wenige Schritt vom Hügel entfernt seinen Anfang nimmt und der in seiner märchenhaften Schönheit heute eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bildet, der kann sich kaum noch eine Vorstellung davon machen, in welcher Wildnis damals die beiden jungen Männer sich niedergelassen hatten.
An der Stelle des heutigen Parkes befanden sich große Kalksteinbrüche mit tiefen Gruben und Höhlen. Das Gesindel und die Verbrecher von Paris hatten dort ihre Schlupfwinkel. Und rings um die Steinbrüche und den Hügel her standen armselige Buden und Hütten, teils aus Brettern, teils aus gepreßtem Kalksteinstaub hergestellt. Hier wohnten mitten unter der armseligen französischen Bevölkerung die deutschen Einwanderer. Und in diese Wildnis hinein, durch die noch keine geordneten Straßenzüge führten, drangen jetzt Morgen für Morgen vom Hügel herunter die Lieder der Kinder, und am Sonntagnachmittag, wenn die Gassenkehrer von ihrer Arbeit heimkehrten — denn einen Ruhetag gab es ja für sie nicht —, lud die kleine Glocke die Bewohner der grauen, elenden Hütten zu Gottes Wort in das kleine Blockhaus.
Durch die Teilung der Arbeit, die mit dem Eintreten Witts geschaffen wurde, konnte sich Bodelschwingh nun auch in erhöhtem Maße den Kranken widmen, sowohl denen, die in ihren elenden Wohnungen lagen, als auch denen, die in den großen Pariser Spitälern Aufnahme gefunden hatten. Über diese Arbeit in den Spitälern schreibt er 1860:
„Unter den unzähligen Stätten der Erde, an denen Deutschland seine wanderlustigen und die Fremde liebenden Söhne und Töchter zu suchen und wohin namentlich die rettende Liebe ihre oft mutwillig aus Heimat und Vaterhaus gegangenen Kinder zu begleiten hat, um sie nicht ohne eine Freundesstimme zu lassen, — unter diesen Stätten verdienen die Hospitäler der französischen Hauptstadt eine besondere Teilnahme.
Wie Paris reich ist an öffentlichen Anstalten für weltliche Lust und Freude, so ist es auch reich an öffentlichen Häusern des Elends und der Schmerzen. Man zählt heute — 1860 — im ganzen 28 öffentliche Hospitäler und Siechenhäuser, die reichlich 17 000 Kranke, Sieche und Greise beherbergen. Es ist ganz gewiß die unverhältnismäßig große Zahl der öffentlich gepflegten Kranken ein trauriger Beweis von den gelockerten Familienbanden der französischen Hauptstadt.
Ein Kranker paßt nicht wohl in das Pariser Familienleben hinein. Wie man in Paris die Freude und den Segen einer deutschen Kinderstube nicht kennt, sondern mit der größten Leichtigkeit die kleinen Kinder von der Mutterbrust weg zur Amme aufs Land und von da nach kurzem Aufenthalt im Elternhause in die Pensionen schickt, so kennt man auch nicht die Heiligkeit und den Segen der Krankenstube. Man will sich ja nicht gern zum Ernste mahnen lassen, und darum schafft man den Kranken lieber von sich hinaus. Auf der andern Seite hat die Leichtigkeit, mit der jeder Kranke ohne weiteres in ein Hospital aufgenommen wird, und die Freigebigkeit, mit der er ganz umsonst gepflegt wird, etwas Erfreuliches und Erquickendes.
Echt samaritermäßig wird an den Pforten der Pariser Hospitäler niemand gefragt: „Wo kommst du her? Welches Glaubens bist du? Kannst du bezahlen?” usw. Jeder wirklich kranke Mensch, der sich morgens zwischen acht und neun Uhr an der Tür eines Hospitals einfindet, wird aufgenommen. Findet er in dem betreffenden Hospital keinen Platz, so wird er nach dem Zentralbüro der Hospitäler gesandt und bekommt dann sicher sein Bett angewiesen, einerlei ob er Franzose oder Engländer, Deutscher oder Italiener, ob er schwarz oder weiß, katholisch, evangelisch oder mohammedanisch ist.