In allen Spitälern ist die Pflege der Kranken den Händen der katholischen barmherzigen Schwestern anvertraut, und im ganzen muß ich sagen, daß die meisten Schwestern ihren Namen „barmherzige Schwestern” mit Ehren tragen und mit wirklich mütterlichem Herzen für ihre Kranken sorgen, und zwar mit gleicher Treue für die Fremdlinge und für die Kinder der eigenen Kirche.

Im schmerzlichen Gegensatz dazu ist zu sagen, welche Gleichgültigkeit, welche Frivolität oftmals an diesen Stätten des Schmerzes und des Todes anzutreffen ist, und zwar fast noch mehr bei den Frauen als bei den Männern. Unmittelbar neben dem Bett eines Sterbenden, der eben seinen letzten Kampf auskämpft, wird laut gelacht, gespottet und leichtfertig geschwatzt.

Was nun die evangelischen Deutschen betrifft in den beiden Hospitälern La Riboisière und St. Louis, die mir zugewiesen sind, so habe ich darin im vergangenen Jahre 270 Protestanten gefunden, darunter etwa 80 Deutsche. Diese deutschen Kranken sind zum größten Teil einzelstehende junge Leute, vor allem Handwerker oder Dienstmädchen. Dieses Häuflein der Protestanten befindet sich in diesen Spitälern in einer ganz eigentümlichen Lage. Es wird, wie wir hörten, bei der Aufnahme der Kranken ebensowenig Rücksicht genommen auf die Sprache wie auf das Bekenntnis, sondern allein auf die Art der Krankheit. Wo eben ein Bett frei ist, da bekommt der Kranke sein Zimmer angewiesen.

So geschieht es denn, daß unsere deutschen Glaubensgenossen zerstreut zwischen der fünfzigmal größeren Zahl französischer Katholiken liegen. Und da viele von ihnen des Französischen nicht mächtig sind, so befinden sie sich in einer Art Einzelhaft, in einer völligen Abgeschlossenheit und Verlassenheit, bei der sie sich nur durch Zeichen mit ihren Pflegerinnen und dem Arzt verständlich machen können. Und solche Einzelhaft wirkt um so stärker, als diese Kranken in der schmerzlichsten Weise von ihren eigenen Angehörigen im Stich gelassen werden. So hatte eine hier verheiratete Württembergerin ihre Schwester, die sie selbst nach Paris gelockt hatte, sieben Monate unbesucht im Spital liegen lassen. Mehrmals habe ich sie persönlich auf das dringendste ermahnt, sich nicht so schwer zu versündigen. Namentlich in den letzten Tagen vor dem Tode ihrer Schwester habe ich ihr wiederholt teils geschrieben, teils gesagt, es sei der letzte Wunsch der Sterbenden, sie noch einmal zu sehen und sich mit ihr zu versöhnen. Sie kam dennoch nicht; sie habe ihrer Schwester vergeben, aber ihr Geschäft erlaube einen Besuch nicht.

So kommt der Seelsorger in diesen Spitälern oftmals in die Lage, an den Kranken Vater-, Mutter-, Geschwister- und Freundesstelle zu vertreten. Dadurch wird ihm natürlich der Zutritt zu den Herzen sehr erleichtert. Auch der Klang der Muttersprache kommt uns bei diesen Kranken kräftig zu Hilfe. Es ist nicht zu sagen, mit welcher Freudenstimme diese Verlassenen oftmals den ersten deutschen Gruß erwidern, mit dem man an ihr Bett tritt. Da ist vielfach das Herz vom ersten Augenblick an aufgetan, und die Worte der Ermahnung und des Trostes können jetzt tiefer dringen und werden nicht zurückgestoßen, weil sie sozusagen in lieber Begleitung kommen.

Namentlich sind es die Klänge der Kindheit, die in der Jugend gelernten biblischen Sprüche und Liederverse, die hier wieder einmal zu ihrem Rechte kommen. Es ist mir begegnet, daß eine Todkranke, die ich zum erstenmal sah und von der auf die verschiedensten Fragen kein Zeichen des Verständnisses herauszulocken war, sodaß ich nicht einmal wissen konnte, welche Sprache sie eigentlich rede, plötzlich lebendig wurde, als ich das bekannte deutsche Sterbegebetlein „Christi Blut und Gerechtigkeit” anstimmte. Ihr Auge wurde hell; über dem Versuch zu sprechen zitterten ihre Lippen einen Augenblick, dann brach die Stimme durch, und die Kranke sprach laut und freudig die Worte zu Ende.

Einem jungen Mann aus Nürnberg gingen sofort die Augen über, als ich ihn deutsch anredete. Heimweh erfüllte seine Seele, und besonders ward das Verlangen mächtig, seine verwitwete Mutter noch einmal zu sehen, zu der er eine herzliche kindliche Liebe an den Tag legte und an deren Trauer er mit Tränen dachte. Es war aber deutlich, und der Kranke selbst spürte es auch, daß sein Wunsch auf Erden schwerlich könne erfüllt werden. Darum wies ich ihn hin auf die bessere und gewissere Hoffnung des Wiedersehens in der oberen Heimat. Die Sprüche, die ich ihm vorsagte, waren ihm bekannt und ergriffen ihn sichtlich. Namentlich war es der 23. Psalm, der ihm tief zu Herzen ging, weil seine Mutter gerade diesen Psalm ihm in der Kindheit oft vorgesagt hatte. Er gestand, es habe ihm daheim an christlicher Unterweisung nicht gefehlt, aber er habe leider seit Jahren nicht danach gelebt. Jetzt brachen die lange verschlossenen Quellen wieder auf und überströmten sein Herz noch zur rechten Zeit mit der rechten göttlichen Traurigkeit und mit dem rechten Troste. Als ich ihn fragte, ob er von Herzen wünschte, noch einmal kindlich wie einst glauben zu können, da antwortete er mir mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen werde, er wünschte, ich möchte mit ihm beten, und der Druck seiner Hand sagte mir, wie sein ganzes Herz dabei gewesen.

Da es nicht möglich ist, daß ein Kranker öfter als im Durchschnitt einmal wöchentlich von uns besucht wird, so kann man denken, daß besonders die, die noch gar kein Französisch verstehen, auch mit rechter Freude zu den Büchern greifen, die wir ihnen mitbringen. Ich weiß, daß gar manche schmachtende Seele in ihren einsamen Stunden bald einen heilsamen Schrecken, bald Stärkung im Glauben, bald kräftigen Trost in der Anfechtung aus diesen Schriften geschöpft hat.

Hätten wir Zeit, die einzelnen Lebenswege niederzuschreiben, die in den Pariser Spitälern entweder eine Haltestelle oder für diese Erde ihr Ende finden, so würde manches an den Tag kommen, das vielen zur Lehre, zur Warnung und zur Ermunterung dienen könnte. Wie manches mit den goldensten Hoffnungen, mit den hochfliegendsten Plänen hinausgezogene junge deutsche Blut liegt hier an Leib und Seele verderbt, befleckt, bleich und kümmerlich auf seinem Siechbette und merkt nun erst, wie grausam es von der Welt und dem eigenen Herzen betrogen worden ist. Wie manche tränenreiche Bekenntnisse kann man hier vernehmen: „Ich bin meinen Eltern nicht gefolgt, ich habe den Glauben meiner Kindheit vergessen, ich habe den schmalen Weg verlassen, habe meine Zeit in der Fremde durchgebracht mit Prassen!” Wie manchen Vorsatz des verlorenen Sohnes kann man aussprechen hören: „Wenn ich noch einmal aufkomme, will ich umkehren ins Vaterland und Vaterhaus und da sprechen: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir.”

Aber freilich geht es auch hier, wie es mit den meisten durch die Not der Krankheit abgetrotzten Gelübden geht: sie werden nicht gehalten. Weitaus der größte Teil, besonders der jungen Leute, die wir im Spital kennen lernen, verschwindet trotz ihrer freiwilligen, oft sehr aufrichtigen Versprechungen wieder völlig aus unserm Auge, und wir müssen hier meist nur auf Hoffnung den Samen ausstreuen, ohne mit unsern Augen eine Saat hervorsprießen zu sehen. Aber es gibt auch köstliche Ausnahmen. Der auf dem Krankenbett gefaßte Vorsatz zur Rückkehr ins irdische Vaterhaus wird doch von etlichen ausgeführt, indem sie sich unmittelbar aus dem Spital auf den Weg in die Heimat machen. Andere Angesichter bekommen wir in der Kirche oder am Tisch des Herrn wieder zu sehen. Und, was besser ist als dies beides, unter denen, die die Spitäler nicht wieder verlassen, sondern dort ihre irdische Laufbahn beschließen, können wir denn doch an viele mit ganz fröhlicher Zuversicht denken.