Ich entsinne mich nur eines einzigen Falles, daß mich ein Sterbender, der wirklich selbst klar sein Ende kommen sah, bestimmt abgewiesen hat und nichts von der Gnade Gottes in Christo wissen wollte. Ein andermal fertigte mich ein armer, in unsäglichen Schmerzen liegender Mensch ganz in der Weise Hiobs sehr bitter ab: Er habe solches Elend nicht verdient; Gott suche ihn ungerecht heim; ich solle ihn zufrieden lassen mit meinem Trost von der Gnade Gottes, der nur aus Liebe züchtige. Ich ging traurig weg; doch als ich noch einmal auf dem Rückwege durch den Saal an seinem Bett vorüberging, reckte er mühsam seine abgezehrte Hand unter der Decke hervor und reichte sie mir mit einem Blick entgegen, der wohl deutlich sagen wollte: „Vergeben Sie mir!”
Dieser Arbeit in dem Hospital hätte sich Bodelschwingh nicht so hingeben können, wenn ihm nicht auf dem Hügel und in der Gemeinde neue Hilfskräfte zugewachsen wären. Zwei arme Witwen, Frau Rech und Frau Götz, übernahmen den Diakonissendienst. Sie versorgten die Kranken und trugen, was sie von der Sonntagspredigt behalten hatten, zu denen, die nicht zur Kirche kommen konnten.
Ein eingewanderter Schweizer, Abraham Blanck, seines Handwerks ein Schmied, tat von seiner elenden Hütte aus, an die er durch die Wassersucht gefesselt war, Evangelistendienste. Bei dem ersten Weihnachtsfest, das auf dem Hügel gefeiert wurde, hatte Bodelschwingh mit den Schulkindern dem alten einsamen Blanck ein in einen Topf gepflanztes Weihnachtsbäumchen gebracht und ihm Weihnachtslieder gesungen. Das war für den Alten der Anfang zu einem neuen Leben geworden. Der kindliche Glaube und das kindliche Gebet wachten in ihm wieder auf. Und wenn er auch während der letzten drei Jahre seines Lebens seine Hütte nicht mehr verlassen und niemals den Hügel betreten konnte, so ging doch von dem Lager des alten treuen Mannes eine Macht in die ganze Gemeinde aus.
Lehrer Witt verheiratete sich. Seine kluge, hingebende Frau übernahm den Unterricht der Mädchen und machte bald auch der Junggesellenwirtschaft ein Ende. Das junge Paar hatte zunächst die beiden Stübchen, die bisher Pastor und Lehrer innegehabt hatten, bezogen, und Bodelschwingh hatte sich wieder eine Mietswohnung in der Stadt gesucht. Aber auf die Dauer ließ sich die Errichtung einer besonderen Wohnung für Pastor und Lehrer doch nicht hinausschieben. Da der Hügel nach wie vor nur gemietet war und darum auch jetzt noch an die Errichtung eines festen Hauses nicht gedacht werden konnte, so kaufte Bodelschwingh ein Holzhaus, das bereits in London auf einer Ausstellung gewesen war und nun binnen weniger Wochen fix und fertig auf dem Hügel stand. So war für Pastor und Lehrerfamilie eine neue behagliche Unterkunft geschaffen.
Aber die Erweiterung der Arbeit forderte auch größere Mittel. Sie mußten, da es sich um Versorgung von Deutschen handelte, der Hauptsache nach aus der deutschen Heimat kommen. Unermüdlich rührte darum Bodelschwingh die Feder. Seine Mutter, seine Geschwister, die Verwandten und Freunde waren die ersten, an die er sich wandte. Für die Kirchenblätter in Hamburg, im Wuppertal, in Minden-Ravensberg schrieb er an der Hand von Tatsachen hochanschauliche, zu Herzen gehende Aufsätze. Seine alten Gastfreunde Volkening in Jöllenbeck, Klein-Schlatter in Barmen, Sengelmann in Hamburg eröffneten Sammelstellen; auch Louis Harms in Hermannsburg. Die 800 Taler, die die erste Blockhütte gekostet hatte, schickte Volkening als Gabe des Minden-Ravensberger Landes in einer Summe.
Den Dank für solche Mithilfe stattete Bodelschwingh nicht immer nur schriftlich ab. Er kam selbst. Jährlich mindestens einmal reiste er nach Deutschland. Bald hier, bald da sehen wir ihn auftauchen, im Elsaß, in der Rheinprovinz, in Brandenburg, Berlin, Potsdam und besonders im Ravensberger Lande. Wohin der junge hagere Edelmann, dem die Mühsal des Pariser Lebens im Gesicht geschrieben stand, mit seinen Predigten, Ansprachen und seinen kurzen Besuchen kam, gewann er im Fluge die Herzen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”, war der tiefe Eindruck, den man von ihm hatte. Aber mit den Herzen flogen ihm auch die Gaben zu. Es konnte vorkommen, daß am Schluß einer Versammlung sich Broschen, Ringe und andere Schmucksachen auf dem Teller fanden, weil die Leute die Empfindung hatten, daß der Inhalt ihrer Börse einfach nicht ausreichte.
Bei der Werbereise, die er im Herbst 1860 unternahm, reifte plötzlich in ihm der Entschluß, sich zu verheiraten. So gut er es auch bei seinen Freunden, den Witts, hatte, er fühlte sich doch oft abgehetzt und übermüdet. Dazu quälte ihn, wie er später öfter erzählte, der Gedanke an so manche junge deutsche Lehrerin und Erzieherin, die sich in den Gottesdiensten auf dem Hügel einstellten mit leisen Hoffnungen im Herzen. So mußte auch bei der entscheidendsten Wahl seines Lebens die Barmherzigkeit mit andern ihn zur Tat treiben; und im Sturm, sich selbst, seinen Verwandten und vor allem seiner Braut zur Überraschung, eroberte er sich das Herz seiner Lebensgefährtin.
Sie war die zweite Tochter seines Oheims, des damaligen Finanzministers Karl v. Bodelschwingh. Wohl hatte er sie schon mehrere Jahre im Herzen getragen. Aber solange es noch seine Absicht war, nach Afrika oder Indien zu gehen, hatte der Gedanke an ihre zarte Gesundheit keine ernsthaften Pläne aufkommen lassen. Inzwischen aber hatte ihn die Pariser Arbeit mehr und mehr gefesselt. Er sah keine Möglichkeit, sich ihr so schnell wieder zu entziehen, fühlte vielmehr die Verpflichtung, sich ihr mehr wie je und in vollster Ausrüstung zu widmen. Darum zögerte er nicht lange. Unter heißen Tränen gab ihm seine Braut das Ja. Nur zwei Tage blieb er in Haus Heide, dem Gute der Schwiegereltern, dann machte er sich wieder an die Werbearbeit für seine Pariser Gassenkehrer. Aber als er in den Wagen stieg und die Braut noch immer kämpfte zwischen Trauer und Freude, rief er: „Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud’ und Singen, sieht lauter Sonnenschein.”