So schnell sich der junge Bräutigam auch entschlossen hatte, so sorgsam hatte er doch gewählt. Ida von Bodelschwingh war von klein auf ein zurückhaltendes Kind gewesen. In dem großen Kreise von zehn Geschwistern war sie vielleicht die Stillste. Früh war sie von dem Strom ernsten religiösen Lebens erfaßt worden, der in der Zeit Friedrich Wilhelms IV. auch die vornehmsten Kreise ergriff. Aber die Auswüchse einer gekünstelten, wortreichen Frömmigkeit waren ihr fern geblieben. Sie hörte die treusten, entschiedensten Prediger, aber geschwärmt hat sie nie für einen von ihnen, sondern führte einen selbständigen Christenstand. Es war ihr schwer, die Bälle und Hoffeste mitzumachen, die sich nach der Stellung ihres Vaters als Finanzminister nach der Meinung der Eltern nicht umgehen ließen, und sie bat wohl mit Tränen, sie davon zu befreien, fügte sich aber ohne Auflehnung, als der Vater fest blieb.
Sie hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen. Curtius und Wiese, die auch ihres späteren Verlobten Lehrer aus dem Joachimstalschen Gymnasium gewesen waren, hatten ihr zusammen mit ihrer älteren Schwester Luise und einem kleinen Kreise von Freundinnen Unterricht gegeben. Für die Ausbildung in der Musik stellte der Vater ungewöhnliche Anforderungen. Schon früh um sechs begann für sie das Üben auf dem Klavier, damit die drei bis vier täglichen Übungsstunden durchgehalten werden konnten. Die Mutter, sparsam und einfach, wie die damalige Zeit es war, hielt im Hause auf große Pünktlichkeit und Ordnung und legte gerade so die sichere Grundlage für die Heiterkeit und Sorglosigkeit des Hauses.
„Wer als Gast ins Finanzministerium kam,” so erzählt ihre nächste Freundin, Frau von Zacha geb. von Löwenfeld, „fühlte sich von großer Behaglichkeit und Fröhlichkeit umweht. Und im Grunde war Ida von allen ihren Geschwistern die Heiterste. Gerade weil sie von Jugend auf je und dann im Kampf mit der Schwermut lag, hatte sie, sobald der Angriff wieder überwunden war, etwas Befreites und Befreiendes. Da sie selbst viel gelitten hatte, sah sie schnell, wenn andere litten, und auch die Schwächen anderer entgingen ihr nicht. Aber je schärfer sie sah, je tiefer fühlte sie mit Gesunden und Kranken, und das hingebende, selbstverständliche Mitleid, das sich nicht in Zärtlichkeit, sondern in Fürsorge äußerte, machte sie schon damals zur Wohltäterin für jeden, mit dem sie zusammentraf.
Dabei machte sie niemals irgend einen Unterschied des Standes. Sie war gegen jeden gleichmäßig gütig. Hoheit blendete sie nicht, und Niedrigkeit schreckte sie nicht. Auch verleitete sie ihr scharfes Auge nie dazu, andern weh zu tun. So hat sie mir während unserer fünfzigjährigen Freundschaft immer die Wahrheit ins Gesicht gesagt, oft mit verblüffender Schärfe, aber ohne mich jemals zu verletzen. Das ging auch Fernerstehenden so. Die Ehrlichkeit ihrer Liebe, auch wenn sie scharf war, tat nicht weh, sondern überaus wohl.
Und ehrlich wie im Wesen war sie auch im Wort. Sie beschönigte nichts; sie stellte die Dinge dar, wie sie waren. Nie hörte man von ihr irgend eine Unwahrheit. Darum war auch ihr Urteil klar und schnell gefaßt. Wenn andere sich zergrübelten, sagte sie: „Was quält ihr euch? Die Sache liegt doch so einfach.” So sah sie auch ihren eigenen Weg klar vor sich. Sie zersplitterte und zerstreute sich nicht, sie ließ sich nicht verwirren von dem, was andere taten und trieben, und wenn es ihre Nächsten und Liebsten waren. Sie war nicht für das Weite und Große veranlagt; darum trachtete sie auch nicht danach. Aber in ihrem Kreise war sie von unvergleichlicher Treue und Hingabe.”
Im April 1861 wurde die Hochzeit in Haus Heide gefeiert. Die Hochzeitsreise führte besonders zu den Freunden ins Minden-Ravensberger Land. Volkening in Jöllenbeck segnete sie zu ihrer gemeinsamen Arbeit in Paris. „Sie gehen unter die Löwen und Bären”, sagte er der jungen Frau.
In Paris wartete das Londoner Holzhaus auf sie. Achtmal acht Meter hatte es im Geviert. Unten wohnten Lehrer Witt mit Frau und Kindern und Witwe Schnepp mit ihrem Sohn, die beiden Familien als Magd diente. Darüber war die Pfarrwohnung. In den engen kleinen Stübchen hatten natürlich nur die kleinsten Möbel Platz. Und es war gut, daß die damalige Möbelmode von Paris Gelegenheit gab, solche kleinste Möbel zu erwerben. Das Klavier konnte nur durch das Fenster hinaufgeschafft werden.
Die ungewohnten und unbehaglichen äußeren Verhältnisse, zu denen namentlich auch das harte Regiment von Frau Schnepp gehörte, wurden tapfer ertragen. Pastor und Pastorin, die ja ihrer äußeren Herkunft nach die Vornehmsten innerhalb der Gemeinde und des Mitarbeiterkreises waren, sahen darin desto mehr Verpflichtung, sich selbst und ihr Haus allen zu Dienst zu stellen. So wurde der kleine stille Hügel mit seiner Pfarrwohnung in den Sommermonaten für die Familien der Mitarbeiter in der Stadt und den Vorstädten zu einem Ausflugsort, wo man gern für einige Stunden aufatmete. Im Winter freilich, solange die Eisenbahn noch nicht bis La Villette durchgeführt war, waren die Wege fast unergründlich, und für die Verwandten, die aus Deutschland zu Besuch kamen, blieb als einziger Spazierweg nur der kleine Pfad übrig, der rings um den Hügel durch die Gebüsche geschlagen worden war.
Noch im Laufe des Jahres 1861 konnte der Hügel endgültig käuflich erworben werden. Nun war es auch möglich, Kirche und Schule aus festem Material zu bauen. Beide wurden unter einem Dach errichtet, und auch den französischen Gemeinden, die sich allmählich unter der Arbeit französischer Pastoren in den jungen Stadtteilen gebildet hatten, wurde Gastrecht in der von deutschen Mitteln erstehenden Kirche gewährt. Unten waren die Schulräume, sowohl für die Kinder deutscher wie französischer Zunge, oben die Kirche. Für den französisch sprechenden Teil wurde ein besonderer Pastor angestellt, der am Vormittag den Gottesdienst hielt, während der Nachmittag nach wie vor den Deutschen vorbehalten blieb.