Aus dem verkauften Schmuck der Pastorin und andern Gaben erhielt die Kirche eine Orgel, auf der die Pastorin statt des bisherigen eintönigen Gesanges die rhythmischen Lieder mit der Gemeinde einübte. Ein neues Gesangbuch und eine neue Gottesdienstordnung wurden eingeführt, und die Haupt- und Nebengottesdienste wurden liturgisch ausgestaltet. Da die Massenbegräbnisse auf den Pariser Friedhöfen, wo Sarg auf Sarg in unaufhörlicher Reihenfolge versenkt wurde, keine Stille aufkommen ließen, so wurde jeder Sarg der Hügelgemeinde zunächst vom Trauerhause in die Kirche getragen und hier in aller Sammlung die Trauerfeier gehalten, ehe der gemeinsame Weg zum Friedhof angetreten wurde. Nicht nur den Erwachsenen, sondern auch den Kindern der Gemeinde wurde diese letzte Ehre erwiesen.

Das alte kleine Blockhaus wurde Kleinkinderschule, und zwei Nonnenweierer Schwestern übernahmen die Arbeit darin. Zur festeren Verbindung der Gemeindeglieder untereinander, namentlich auch derer, die Sonntags nicht kommen konnten, schrieb Bodelschwingh „Das Schifflein Christi”, ein kleines Monatsblatt, das zugleich die Freunde in Frankreich und in der deutschen Heimat wach und warm erhielt für die Aufgaben an den Deutschen in Paris.

Die Feder seiner Frau kam Bodelschwingh bei allen seinen schriftlichen Arbeiten sehr zu Hilfe. Wenn es auch innerhalb des Kollegiums der deutschen und französischen Pastoren Augsburgischer Konfession Brauch war, alles Schreibwesen möglichst zu unterlassen und statt dessen in den vierwöchentlichen Zusammenkünften die schwebenden Fragen mündlich zu erledigen, so blieb doch für den Schreibtisch immer noch eine Fülle von Arbeit übrig. Namentlich besorgte Eltern und Verwandte, die ihre Angehörigen in Paris hatten oder nach Paris reisen lassen mußten, baten um Rat, Auskunft und Hilfe.

Aber viel mehr Zeit und Kraft nahmen die Besucher selbst in Anspruch. Das Gastzimmer oben im Giebel wurde zu einer Herberge zur Heimat, in der es von seltsamsten Gästen aus- und einging. Schon vor seiner Verheiratung hatte Bodelschwingh einmal eine ganze Karawane von 23 Missionsfrauen und -kindern, die aus Indien kamen und in die Schweiz weiterreisten, in geborgten Betten quartiert. Jetzt wurden er und seine Frau vollends zu Herbergsleuten für allerlei Volk. Mehrmals waren es Angehörige vornehmer deutscher Familien, die sich nach Paris geflüchtet hatten, um dort sich selbst und ihre Vergangenheit zu vergessen, die aber doch schließlich durch die Not gezwungen wurden, nachdem sie alle andere Hilfe durchprobiert hatten, an die kleine Tür des Hügelpastors zu klopfen.

Mancher von ihnen hat ihn belogen, betrogen oder auch bestohlen, und oft war es für die Pastorin nicht leicht, wenn ihr Mann bis spät in die Nacht hinein auf den Außenstationen der Gemeinde war, mit irgend einem ungewissen Herbergsgast allein gelassen zu sein. Aber daß beide sich belügen, betrügen und bestehlen ließen, ohne verbittert zu werden; daß sie wohl vorsichtiger wurden, aber doch ihre Herberge nicht schlossen, sondern fortfuhren, den Verlorenen und Versinkenden zu dienen, segnete Gott. Bisweilen gelang es, verlorene Söhne, die aus der Heimat nach Paris geflüchtet waren, zu bewegen, sich den deutschen Gerichten zu stellen, die erwirkte Strafe willig zu ertragen und so den ersten Schritt zu einem neuen Anfang in der Heimat zu machen. Und einige Male kamen aus deutschen Gefängnissen rührende Beweise des Vertrauens und des Dankes von solchen, die nicht umsonst in dem Hügelpfarrhaus eingekehrt waren. Aber es waren nicht nur solche gefährdete Existenzen, die die Herberge benutzten. Angehende Mitarbeiter in dem deutschen Missionswerk in Paris, alte und neue Freunde, Bekannte und Verwandte stellten sich ein, und manche dauernde Freundschaft wurde geschlossen, die zugleich unmittelbar dem weiteren Ausbau der Hügelgemeinde diente.

Aber der helle Sonnenschein, der über dem Hügel lag, wurde von ernsten Schatten abgelöst. Acht Tage nach der Geburt des ersten Söhnchens erkrankte Ida von Bodelschwingh. Die Freude nach der überstandenen Angst war zu groß für ihr zartes Gemüt und schlug bald in desto schwereren Gemütsdruck um. Der treue Arzt, der Bruder Adolf Monods, riet zur Reise in die Heimat. Der Pariser Rothschild stellte seinen Salonwagen zur Verfügung. Für drei Monate wurde die kleine Familie auseinandergerissen. Das Kind kam zur alten Großmutter, die Mutter in die Pflege eines treuen befreundeten Arztes, und Bodelschwingh kehrte allein in sein verödetes Heim zurück.

Aber die Arbeit litt unter seinem Schmerz nicht, und seine eigene Seele versenkte er desto tiefer in die kräftigen Tröstungen Gottes. Wenn er abends von seinen fernen Außenstationen nach dem Hügel zurückkehrte, oft so spät, daß er keinen Omnibus mehr benutzen konnte, dann lernte er, von Laternenpfahl zu Laternenpfahl wandernd und im Schein des Laternenlichtes sich den Inhalt des Verses einprägend, ein Kirchenlied nach dem andern auswendig. Seine Predigten, die er für gewöhnlich frei gehalten hatte, schrieb er eine Zeitlang wieder auf, um sie seiner Frau zu schicken, sobald es ihr Zustand erlaubte.

Aber ehe er im Mai Frau und Kind wieder zurückholen konnte, traf ihn und die ganze Familie ein neuer schwerer Schlag. Sein jüngster Bruder Ernst, der Liebling der ganzen Familie, der jetzt als Jägeroffizier in Cleve stand, wurde durch einen Hitzschlag seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnchen entrissen. Bei großer soldatischer Tüchtigkeit hatte er sein bewußtes Christenleben durchgeführt, aber ohne irgendwie sich aufzudrängen, und sein Freund, der spätere General von Oidtmann, rühmte es ihm nach, daß Ernst von Bodelschwingh wohl regelmäßig mit ihm die Bibel läse, aber ohne je auch nur den leisesten Versuch zu machen, ihn aus der katholischen Kirche herauszuziehen. Gerade das bewog dann Oidtmann zum Übertritt. So dunkel das Sterben dieses Bruders war, es kam kein Ton der Klage in der Familie auf, und Bodelschwingh, der seinen Bruder in Velmede beerdigte, schrieb an seine Frau:

Meine teure Ida!

Unser lieber Bruder ist genesen, genesen für die Ewigkeit. Träumend hat ihn der Herr durch des Todes Türen geführt, ohne ihn seine Bitterkeit kosten zu lassen. Die arme Elise ist ganz wunderbar gestärkt, so auch unser Mutterchen. Sie hat noch am Abend vor seinem Tode sagen können: „Halleluja! Willst du ihn erlösen, so will ich dir danken.” — Sie ist nicht hier, aber wir drei Geschwister sind beisammen, Franz, Friedchen und ich. Morgen, nachdem ich auf der Geschwister Bitte dem geliebten Bruder einige Worte des ewigen Lebens habe nachrufen dürfen, eile ich mit den Geschwistern zur lieben Mutter. Die Leiche nehmen wir mit, sie nach dem Wunsche des Seligen an des Vaters Seite zu bestatten.