Sei ganz getrost um mich, mein liebes Weib. Solch einen Bruder darf man ja getrosten Mutes in die Ewigkeit ziehen sehen. War doch seines Jesu Kreuz seit langem sein einziger Ruhm.
Der Friede des Herrn sei mit dir!
Dein Friedrich.
Ende Mai zog dann die kleine Familie wieder auf dem Hügel ein. Die Krankheitszeit über war aus der Gemeinde heraus, namentlich auch von den Kindern gebetet worden, daß Mutter und Kind dem Hügelpastor erhalten bleiben möchten. Darum war der Tag der Rückkehr für die ganze Gemeinde ein großer Freuden- und Danktag. Auf ihn folgte noch fast ein Jahr neuer gemeinsamer Arbeit an den Aufgaben im unruhvollen Paris. Nur der Sonnabend bildete einen Ruhepunkt. Wenn irgend möglich, zogen dann die Eltern Bodelschwingh mit ihrem kleinen Ernst zur stillen Vorbereitung auf den Sonntag hinaus in den Bois de Boulogne mit seinen einsamen Inseln und schattigen Plätzen, wo die Nachtigallen sangen und die stillen Schwäne dahinzogen.
Aber die Krankheit seiner Frau hatte Bodelschwingh doch die Frage aufs Gewissen gelegt, ob er ihr auf die Dauer das unruhige Leben in Paris zumuten dürfte. Als sich ihm in dem jungen Württemberger Vikar C. Berg (dem späteren württembergischen Prälaten) ein Nachfolger zeigte, dem er mit größtem Vertrauen das begonnene Werk übergeben konnte, und als sich ihm in der Heimat ein Arbeitsfeld bot, das ihm Raum genug ließ, in Deutschland für das Missionswerk in Paris weiter zu werben, war sein Entschluß gefaßt.
Dellwig. 1864 - 1872.
Wer das Tal der Ruhr hinaufwandert, läßt bei Schwerte die dunklen Schornsteine und rauchgeschwärzten Häuser des westfälischen Industriegebietes hinter sich und sieht, wenn er zwei Stunden durch die lieblichen Weiden mit ihren schwarzbunten Herden flußaufwärts gelangt ist, zu seiner Linken einen spitzen, hohen Kirchturm ragen: das ist Dellwig, eines der ältesten Kirchdörfer der Grafschaft Mark.
Sein Turm hat schon seit 900 Jahren die Ruhr hinauf- und hinuntergesehen, und all’ die Geschlechter dieser 900 Jahre liegen zu seinen Füßen begraben, sodaß der Kirchhof allmählich immer höher wurde und man jetzt auf mehreren Stufen in die Kirche hinabsteigt. Die Familie Neuschmidt aber, die am Rande des Kirchplatzes im Schulhause wohnte, hat der Gemeinde vier Jahrhunderte hindurch die Lehrer gestellt, indem immer der Sohn auf den Vater folgte. Es muß ein zähes Geschlecht sein, das von einer solchen Lehrerfamilie 400 Jahre hintereinander unterrichtet und erzogen wurde; und es ist es auch.
Wer aber den tief ausgewaschenen Talweg hinaufsteigt, bis er die Wasserscheide des Haarstrangs erreicht, hat oben von der Wilhelmshöhe einen weiten Rundblick. Jenseits der Ruhr nach Süden zu liegen die stillen Wälder des Sauerlandes, altes kurkölnisches Gebiet. Nach Norden geht der Blick in die Gegend der Lippe und bis in die fruchtbare Soester Börde hinein. Der Westen ist verschleiert durch den Dunst der Hochöfen von Dortmund. Hart am Fuße des Berges aber, nach Nordosten zu, liegt das alte Städtchen Unna, wo Philipp Nicolai zur Zeit der Pest seinen „Freudenspiegel des ewigen Lebens” schrieb und der Christenheit den König und die Königin ihrer Choräle schenkte: „Wachet auf! ruft uns die Stimme” und „Wie schön leuchtet der Morgenstern”.
Dellwig hatte bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zwei Pfarrer gehabt. Nachdem aber in der napoleonischen Zeit die Seelenzahl auf 1300 heruntergegangen war, beschloß man, die zweite Pfarrstelle eingehen zu lassen. Der übriggebliebene Pfarrer war ein gemütvoller Mann, der in jenen wirtschaftlich vielfach so schweren Jahren seinen Gemeindegliedern recht und schlecht zur Seite stand. Aber, wie die meisten der damaligen Amtsträger dem Vernunftglauben verfallen, kam er über eine äußere Erledigung seiner Amtsgeschäfte kaum hinaus und predigte meist vor leeren Bänken.