Einmal im Jahre hatte er sämtliche Gemeindeglieder der sechs nach Dellwig eingepfarrten Ortschaften zu besuchen. Das tat er treulich zu Anfang jeden Jahres. Er sammelte bei dieser Gelegenheit die Abgaben ein, aus denen ein großer Teil des Pfarreinkommens bestand, und erhandelte die Kühe, die den Sommer über auf den Pfarrwiesen jenseits der Ruhr fettgeweidet wurden. Der Lehrer und Küster Neuschmidt begleitete ihn, und ein Knecht mit einem Wagen und den nötigen Säcken folgte.

In diese gemütlichen, aber für das innerste Leben der Gemeinde doch recht dürren Zeiten kam erst ein Umschwung, als im Herbst 1854 Pastor Philipps in das niedrige alte Pfarrhaus in Dellwig einzog. Er war ein Mann, der in der unsichtbaren Welt zu Hause war und tiefe Einblicke getan hatte in die Geheimnisse der Menschenseele. Mit Entschlossenheit verkündete er den Glauben an den Heiland der Sünder. So fing seit Herbst 1854 ein neuer Luftstrom an, durch die Gemeinde zu wehen.

Zehn Jahre hatte Philipps die Arbeit in Dellwig allein getan. Da begannen seine Kräfte nachzulassen. Denn die Wege nach Billmerich hinauf und nach der andern Seite bis Strickherdecke hinunter waren weit, und Sonntags, wenn, wie es Sitte war, nicht in der Kirche, sondern in den einzelnen Häusern der Gemeinde die Kinder getauft wurden, ging die Arbeit oft über sein Vermögen, und ein ernstes Halsleiden zeigte seine ersten Spuren. So entschloß man sich, die eingegangene zweite Pfarrstelle wieder aufleben zu lassen. Der erste, der für die neu zu besetzende Stelle eine Gastpredigt hielt, war der bisherige Gassenkehrer-Pastor aus Paris. Als er auf die Kanzel kam und, wie das seine Art war, seine klaren, dunklen Augen durch die ganze Kirche wandern ließ, stieß einer von denen, die oben auf der Männer-Prieche saßen, seinen Nachbar an und sagte leise: „Wenn wir den doch zum Pastor bekämen! Den Mann hat man ja lieb, noch ehe er ein Wort gesprochen hat.”

Und so kam es. Im Frühjahr 1864 nahmen Bodelschwinghs, nicht ohne heiße Tränen der ganzen Gemeinde, von ihrem kleinen Hügel in Paris Abschied und zogen mit ihrem Erstgeborenen in das Pfarrwitwenhaus von Dellwig ein. Mit dem Aufhören der zweiten Pfarrstelle war auch eines der beiden Pfarrhäuser, das oben neben der Kirche gelegen hatte, verkauft worden. Das Pfarrwitwenhaus aber, worauf seit langem keine Witwe Anspruch erhoben hatte, war für die Zwischenzeit einem Schweinehändler überlassen gewesen. Seine Fachwerkwände waren zum Teil schon sehr windschief, und der Lehm war an manchen Stellen herausgefallen. Aber zum Einzug des neuen Pfarrers wurde das Haus, so gut es nur irgend ging, hergerichtet. Immerhin mochte es damals wohl das bescheidenste Pfarrhaus sein, das in der ganzen Grafschaft Mark zu finden war. Aber gegenüber den engen Stübchen des Pariser Holzhauses bedeutete es doch eine Verbesserung. Nach vorn, wo die Brücke über den Dorfbach auf die Straße und zum Haus von Pastor Philipps führte, lag ein kleines Blumengärtchen, hinter dem Haus aber und zur Seite erstreckte sich ein schöner Obstbaumhof. Dort lag auch die Scheune, wo die Pfarrkuh ihren Platz hatte.

Es war eine köstliche Zeit der Stille, die Bodelschwingh und seine Frau nach der heißen Pariser Arbeitszeit in den ersten Jahren in Dellwig verlebten. Man spürt es den Briefen der Pastorin, die aus der damaligen Zeit erhalten sind, ab, wie sie in dieser ländlichen Zurückgezogenheit aufatmete und wie auch ihr Mann, auf dem die Not der Weltstadt und der tägliche Anlauf bisweilen schwerer gelastet hatten, als er selbst es zugeben wollte, heiterer und mitteilsamer wurde. Er konnte wieder ein wenig studieren, er konnte auch bei seinem lebendigen Teilnehmen an allen Geschehnissen wieder die Kreuzzeitung lesen, und oft saß seine Frau bei ihm auf seinem Zimmer, während ihr Mann ihr vorlas. Sonnabends aber brauchte er nicht, um sich auf den Sonntag vorbereiten zu können, auf die unruhigen Straßen von Paris zu flüchten, wo er doch immer noch ungestörter gewesen war als auf seinem überlaufenen Stübchen im Hügelhaus, sondern er konnte in die „Hulmke” gehen, einen schönen stillen Eichenwald, der sich damals noch an der Ruhr entlangzog, und seiner Gewohnheit nach, ohne Feder und Tinte zu Hilfe zu nehmen, seine Predigt meditieren.

Lieblich blühte das Familienleben auf. Zu dem kleinen Ernst gesellte sich noch eine Elisabeth, ein Friedrich und ein Karl. Von Velmede her kam zu Wagen die alte Mutter mit ihrer Tochter, der Tante Frieda, gefahren, und von dem noch näheren Heide stellten sich die Eltern und Geschwister der Pastorin ein, um sich an dem reichen Glück mitzufreuen, das sich in dem Witwenhaus von Dellwig entfaltete. Und als zum ersten Dellwiger Geburtstag der Pastorin als Geschenk ihres Vaters gar ein Paar Ponys vor der steinernen Treppe standen, die ins Haus hineinführte, gab es manche erquickliche Fahrt zu lieben Verwandten und Nachbarn in der Nähe und Ferne. Auch die alten Pariser Freunde und Mitarbeiter stellten sich ein, bald einzeln, bald zu zweien und dreien. Sie freuten sich, in dem stillen Pfarrhause für eine Weile dem Getriebe der Weltstadt entrückt zu sein, und zogen auch wohl mit hinaus in eines der Eichengehölze des Ruhrtales, um an den Rasenabhängen zu lagern, während die Kinder die Abhänge hinunterkullerten und Blumen, Erdbeeren und Brombeeren für Eltern und Gäste sammelten.

Wer aber heute durch die Gemeinde Dellwig wandert und nach den früheren Pastorsleuten fragt, den umfängt nicht nur wie aus weiter Ferne ein Sonnenstrahl jenes glücklichen Familienlebens im kleinen Pfarrhaus, sondern überall umtönen ihn die Erinnerungen an die stille, ernste Arbeit, die alsbald von dem Pastor und der Pastorin in Angriff genommen wurde. Die Verkündigung des Evangeliums war schon in Paris der Mittelpunkt der Arbeit gewesen. So wurde nun auch in Dellwig in Früh- und Hauptgottesdienst, in Christenlehre und wöchentlichen Bibelstunden der Same reichlich ausgestreut.

Noch heute erzählt man sich in Dellwig von den Predigten, die durch Gleichnisse und Erzählungen für das Verständnis so sorgsam zugerichtet waren und durch heiligen Ernst und lockende Liebe tief in Herz und Gewissen griffen. „Ich weiß, wie euch zu Mute ist, ihr lieben Dellwiger, ich habe ja selbst das Säelaken auf dem Rücken gehabt”, sagte der Pastor wohl gelegentlich. Und wie es den Bergleuten, die von Billmerich herunterstiegen, zu Mute war, wußte er auch. Hatte er doch einst wie sie im Schoß der Erde vor Ort gelegen. Die Konfirmanden und Katechumenen aber hatten den ersten Platz in der Kirche; und noch findet sich in Dellwig manch sorgsam geschriebenes Heft, worin die Konfirmanden am Sonntag nachmittag die am Morgen gehörte Predigt eintrugen.

Treu teilten sich die beiden Kollegen in die Arbeit. Aber die Krankheit von Pastor Philipps wuchs, und nach zwei Jahren konnte er eines Sonntags nicht mehr. Sein Hals versagte den Dienst. Er merkte, daß es zum Sterben ging. Unvorbereitet mußte Bodelschwingh statt seiner auf die Kanzel. Er nahm den Text von den Vögeln und Lilien, die nicht sorgen; und manches Auge in der Kirche wurde feucht, als er so kindlich und zuversichtlich von der sieghaften Freudigkeit sprach, mit der der sterbende Pastor dem Tode entgegengehen dürfe, und als er der Gemeinde schon jetzt die Frau und die Kinder ihres Abschied nehmenden Hirten so eindrücklich ans Herz legte.