Fortan bis kurz vor dem Tode des langsam hinsterbenden Kollegen findet sich in den Kirchenbüchern keine Aufzeichnung mehr von Bodelschwinghs Hand. Alle schriftlichen Arbeiten überließ er Pastor Philipps. Er sollte die Freude der Arbeit bis zuletzt genießen. Und wie froh war Bodelschwingh, nun die Feder ruhen lassen zu dürfen! Sie war ja nie seine Freundin gewesen, und manchen herben Tadel des Superintendenten mußte er einstecken für Berichte, die dem Schema der Kirchenordnung nicht entsprachen oder zu spät abgeliefert waren. Freilich mahnte ihn Pastor Philipps wohl in heiterem Ernst, er möchte doch wenigstens für seine Predigt sich an Tinte und Feder gewöhnen, damit er Zeit und Maß besser innehalte. „Du hast recht, lieber Philipps,” war dann wohl die Antwort, „du hast recht. Ich will mir auch Mühe geben. Aber es wird mir so sauer.” Doch schon bei nächster Gelegenheit stand er wieder in der Tür und bat: „Ach, Philipps, laß mich für meine Predigt ein bißchen in deinen Kuhkamp laufen! Ich kann von meiner Pariser Art noch nicht lassen.”
Kaum einen weiteren Weg aber machte er in die Gemeinde, ohne vorher bei seinem kranken Kollegen einzukehren und mit ihm zu überlegen. Auf dem Rückweg sprach er wieder vor, um ihm von seinen Wegen durch die Gemeinde zu berichten. Die Kinder des Philippsschen Hauses aber wissen sich noch zu erinnern, wie sein Rock einmal, als er in ihr Haus kam, ganz mit Holzfasern bestreut war. Während sie ihn abbürsteten, ließen sie ihm keine Ruhe, bis er gestand, woher die Fasern kamen.
Er hatte eine alte Frau getroffen, die sich mühsam mit ihrem Holzbündel schleppte. Da hatte er nicht nachgelassen, bis sie ihm ihr Bündel abgab und er es ihr nach Haus trug. Aber es war ihm schrecklich, wenn aus dergleichen etwas gemacht wurde. Das verstand sich ja für ihn von selbst; und noch heute erzählen die Leute von Dellwig, daß er überall, wo er jemand unter einem Sack oder irgend einer andern Last mühsam dahingehen sah, mit zufaßte und nicht eher nachgab, bis der andere sich helfen ließ.
Aber es gab schwerere Lasten zu tragen als Holzbündel und Mehlsäcke. Der Märker ist aus hartem Holz gemacht. Einer, der ihn kennt, sagt von ihm: „Er schreibt seinen Haß oben in sein Hypothekenbuch, und dieser Haß muß von Kind auf Kindeskind fortgeerbt werden.” Unermüdlich war darum Bodelschwingh bemüht, solchen Haß, wie er ihn in Dellwig reichlich vorfand, im Keime zu ersticken. War der Termin für die streitenden Parteien vor dem Gericht zu Unna schon angesetzt, so kam es öfter vor, daß Bodelschwingh durch einen Brief oder einen persönlichen Weg zum Gericht einen Aufschub erwirkte. Dann benutzte er die Zwischenzeit, um Frieden zu stiften.
Einmal sah man ihn vom Mittag bis zum Abend an der Arbeit, um mit langen Bohnenstangen, an denen weithin sichtbare Papierstreifen flatterten, eine strittige Grenze festzustellen. Aber als der Abend kam, war man sich noch nicht einig, und Bodelschwingh sagte: „Leute, wenn wir uns aufs Recht steifen, kommen wir nicht zum Ziel; wir müssen den gütlichen Weg nehmen.” Und wirklich, die Leute gaben nach und vertrugen sich.
Zwei andere Nachbarn stritten um eine Eiche, die auf der Grenze stand und 30 Taler Wert hatte. Ehe entschieden war, wem der Baum gehöre, ließ der eine, der ein besseres Anrecht zu haben glaubte, die Eiche schlagen. Natürlich war dadurch der Kampf aufs äußerste verschärft. Was tun? Bodelschwingh schickte seinen Wagen und ließ die Eiche auf den Pfarrhof bringen, wo gerade das neue Pfarrhaus im Bau begriffen war. Dann ging er zu den Streitenden und bat sie, jeder von ihnen möchte ihm sein Anrecht an die Eiche zu Gunsten des Pfarrhausbaues abtreten. Die beiden erklärten sich mit dieser höheren Gerechtigkeit einverstanden. Obgleich keiner auch nur einen Pfennig Geld bekam, war doch im Grunde die Eiche noch gut bezahlt, da jeder von beiden nun die weiteren Prozeßkosten gespart hatte.
Auch von der Kanzel griff er in die jeweiligen Zwistigkeiten der Gemeinde ein. Zwei Höfe in Altendorf, die nach Dellwig eingepfarrt waren, lagen in Streit. Die eine Partei des Dorfes stand für diesen Hof, die andere für den andern. Eide über Eide wurden geschworen. Da rief er von der Kanzel herunter, daß es den Leuten noch nach Jahrzehnten in den Ohren klang: „Schämt ihr euch nicht, ihr Altendorfer?” Und auch hier gelang es ihm über Jahr und Tag, dem Haß der streitenden Parteien wenigstens die schärfsten Spitzen abzubrechen. Denn seine Liebe hatte schon damals eine Geduld und eine Glut, denen nur ein ganz verhärteter Sinn auf die Dauer widerstehen konnte.
Diese Glut konnte gelegentlich auch in hellem, heiligem Zorn auflodern. Es war eine sogenannte Gebehochzeit in der Gemeinde gewesen, bei der es, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ganz besonders ausgelassen und wüst zugegangen war, weil Eß- und Trinkvorräte als Gaben der einzelnen Festteilnehmer herbeigeschleppt wurden. Bodelschwingh und seine Frau hatten getan, was sie konnten, um das Brautpaar zu bewegen, eine stille Hochzeit zu feiern. Umsonst. Das Fest ging in der gewohnten üppigen Weise vor sich. Auch der Sohn einer Witwe nahm daran teil. Als er am Morgen in jämmerlichem Zustande nach Hause kam, gab es einen heftigen Zusammenstoß zwischen Mutter und Sohn. Der Sohn verließ das Haus und kam nicht wieder. Als er am Abend noch nicht zurück war, machte sich seine Mutter auf, um ihn zu suchen, und fand ihn erhängt im Holze. Die Nachricht eilte durchs Dorf. Bodelschwingh war aufs tiefste erschüttert. Er litt mit der unglücklichen Mutter, als wenn er das Schreckliche an seinem eigenen Kinde erlebt hätte.
Noch stand die Leiche über der Erde, als in der Nähe des Trauerhauses ein Richtfest mit dem üblichen Lärm und Branntweingenuß gefeiert wurde. Bodelschwingh hörte den Lärm, nahm seinen Stock, stürzte, aufs tiefste verwundet, zu der lärmenden Schar und rief: „Während die Witwe über den Tod ihres Sohnes verzweifelt, seid ihr hier am Tollen? Ich schlage jeden nieder, der nicht sofort nach Hause geht.” Die Kinder, die ihren Pastor nie so gesehen hatten, kletterten, so schnell sie konnten, über die Hecke und suchten das Weite. Die jungen Burschen drückten sich still davon, nur einer sagte im Davonschleichen: „Herr Pastor, man lebt doch nur einmal.” Daran knüpfte Bodelschwingh am nächsten Sonntag an: „Man lebt nur einmal, aber — man stirbt auch nur einmal.” Und dann gab es eine Predigt, die bei vielen den Grund der Seele traf und noch durch Jahre nachklang.