Im Anschluß an dieses Ereignis führte Bodelschwingh einen Beschluß des Presbyteriums herbei, wonach jedem Brautpaar die Trauung versagt wurde, das sich nicht vorher verpflichtete, auf eine Gebehochzeit zu verzichten. Auch sonst hielt er das Presbyterium an, von seinen Pflichten und Rechten in bezug auf die Zucht der Gemeinde nachdrücklich Gebrauch zu machen. Einen notorischen Trinker schloß das Presbyterium vom Abendmahl aus, und über zwei streitende Nachbarn, die sich nicht vertragen wollten, wurde derselbe Beschluß verhängt. Aber nur im äußersten Notfall schritt Bodelschwingh zu solchen Maßregeln. Er erwartete überhaupt nicht viel von ihnen, wenn nicht gleichzeitig treue Liebe den also Gemaßregelten zu Hilfe kam.

Da die Beichte am Sonnabendnachmittag stattfand, das Abendmahl aber erst am folgenden Sonntag, so benutzte Bodelschwingh die Zwischenzeit, um den einzelnen Abendmahlsgästen nachzugehen. Er sah sich dann gern nach besonderer Gelegenheit um, damit er die Betreffenden, auf die er es abgesehen hatte, wie zufällig auf dem Felde oder bei der Arbeit träfe, um sie nicht vor ihren Hausgenossen und Nachbarn zu beschämen. So ging er auch einer Frau nach, die in der Beichte gewesen war und von der er wußte, daß sie in unversöhntem Streit mit ihrer Nachbarin lebte. Er traf sie draußen bei der Arbeit. Sie wies ihn schroff ab; sie habe jetzt keine Zeit. Dann wolle er warten, bis sie Zeit hätte; ob er sich so lange auf die Bank vor das Haus setzen dürfe. Das konnte sie ihm nicht abschlagen. Er hielt aus, bis sie ihn anhörte und bis er auch zu der Feindin gegangen war und die Versöhnung zustande gebracht hatte.

Einmal freilich wurde er bei einem solchen Friedenswege von einem Trinker zur Tür hinausgewiesen. Er gab, um den Mann nicht zu reizen, für den Augenblick nach, ging aber nach einer Weile zur Niedertür, wie man in Dellwig den zweiten Eingang ins Haus nennt, wieder hinein, um einen neuen Anlauf zu nehmen.

Er bekämpfte das Böse am liebsten dadurch, daß er so wenig wie möglich davon sprach und statt dessen das Gute an seine Stelle setzte. Dabei half ihm seine Frau treulich. Sie begleitete ihn am Sonntagnachmittag auf die Kindtauffeste, auf denen bis dahin noch so manche Unsitte herrschte. Oft ging die Pastorin auch allein in die Häuser, und ihr schlichtes, heiteres und doch so entschlossenes Wort fand manche gute Stätte. In der Woche aber versammelte sie die Frauen und Töchter der Gemeinde um einige große Kannen Kaffee und einige Teller mit Zwiebäcken und nähte mit ihnen zusammen für die Armen und die Kinder ihrer früheren Pariser Gemeinde.

Als Pastorin der Gemeinde bewährte sie sich besonders während der Kriegszeiten 1866 und 1870, wo ihr Mann als Feldprediger bei der Truppe war. In den einsamen und bangen Monaten waren ihr die regelmäßigen Briefe ihres Mannes, durch die er sie in der Form eines Tagebuches an allen kleinen und großen Erlebnissen eingehend teilnehmen ließ, ein tröstlicher Ersatz.[1]

[1] Siehe die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Feldzuge 1870 von F. v. B., 1896, Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.

In beiden Feldzügen war er den westfälischen Infanterie-Regimentern Nummer 15 und 55 zugeteilt, zu denen im Jahre 1870 noch das 8. westfälische Husarenregiment hinzukam. Den Wagen, der zu seinem Dienstaufwand gehörte, benutzte er nie, sondern stellte ihn stets den Verwundeten, Kranken und Schwachen zur Verfügung. Er selbst war immer zu Pferde. Es gibt noch eine Zeichnung von der halbgeübten Hand eines Fünfzehners, die den Feldprediger darstellt, wie er unter den einschlagenden Granaten den Schützengraben entlang reitet, um den Kämpfenden Zuspruch zu bringen.

Für Freund und Feind sorgte er während der Feldzüge ohne jeden Unterschied, wo er nur konnte. Wie mancher einsamen Franzosenfrau, an deren Nahrungsmitteln sich die hungernden Soldaten schadlos halten mußten, hat er aufs sorgsamste den Requisitionsschein ausgestellt! Für das schöne Kloster Peltre, das im Belagerungskampf vor Metz dem Feinde immer wieder Rückhalt bot und darum in Flammen aufgehen mußte, sammelte er in seiner Gemeinde Dellwig eine Kollekte, die dem Wiederaufbau des Klosters zugute kam.

Im Rückblick auf seine Kriegserlebnisse vor Metz schrieb er in sein Tagebuch aus dem Jahre 1870: „Es ist ein zweifaches Bild, das sich meinen Augen darstellt. Das erste ist ein schmerzliches. Reichlich zwei Meilen weit im Umkreise von Metz ist ein Gottesgarten in eine Wüste verwandelt. Alle Äcker liegen unbestellt, und wo sie nicht gänzlich zertreten sind, sind sie hoch mit Unkraut bewachsen. Ein ganzer Gürtel von Dörfern und Schlössern, der zwischen den kämpfenden Armeen liegt, ist niedergebrannt, alles Vieh ist geschlachtet oder weggetrieben, alles Futter und Korn ist aufgezehrt oder in den Lagerstätten verdorben. Die Bäume, auch die schönsten Obstbäume, namentlich in der Nähe von Metz, sind abgehauen und verbrannt oder von den verhungernden französischen Pferden ringsum abgenagt, und statt der fehlenden Weizensaat ist eine andere Saat — eine große Gräbersaat — überreich ausgestreut. Und nun erst die Lazarette mit all ihren Schmerzensbewohnern. Metz selbst ist ein einziges großes Lazarett und rings ein großer Gürtel von mehr als dreißig deutschen Lazaretten in den Ortschaften umher.

Dies ist die eine Seite des Bildes. Aber nun die andere Seite! Da erscheint mir mitten in den verwüsteten Leichenfeldern ein Gottesgarten, viel schöner als der, den die Kunst der Gärtner und die Üppigkeit des Bodens und die Wärme der Frühlingssonne heranreifen läßt. Über all dem Greuel der Verwüstung wölbte sich Gottes Himmel, und dieser Himmel war uns in jenen Tagen so viel näher als in Friedenszeiten. Überall auf den Höhen der Berge und in den Tälern, in Feldern und Wäldern, in Wiesen und Gärten war allezeit unser Gotteshaus fertig. Dazu hatten wir sozusagen alle Tage Sonntag. Und, was das Schönste war, es gab alle Tage Menschen, die gern und willig ihre Augen aufhoben zu den Bergen, von denen uns Hilfe kommt. Es gab, was so viel köstlicher ist als alle Blüten der Gärten, hie und da aufrichtig bußfertige Herzen, bußfertige Männer und Jünglinge, die da gelobten, fortan zu suchen, was droben ist, und nicht, was auf Erden ist.