Ich habe in jenen heißen Augusttagen auf den steinharten ausgetrockneten Boden nicht nur Blutstropfen, sondern auch Tränen fallen sehen, die köstlicher und fruchtbarer sind, als aller Tau des Himmels. Ich weiß, daß mehr wie ein verlorener Sohn gesprochen hat: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.” Da ist kaum ein Plätzchen in jenem breiten Umkreis, wo unsere Truppen gekämpft und geharrt haben, das nicht von Gebeten und Seufzern und Lobgesängen zu sagen weiß, die zu Gott emporgesandt worden sind.”
Als der Friede geschlossen war, wurde auf dem Kirchplatz von Dellwig die Friedenseiche gepflanzt, und die Festversammlung sang nach der Weise „Erhebt euch von der Erde”:
Ich höre Glockenklänge,
Ich sehe Fahnen wehn
Und mitten im Gedränge
Den schönen Eichbaum stehn.
Was hat das zu bedeuten?
Es ist mir wie ein Traum —
Das ist ja Friedensläuten!
Das ist der Friedensbaum!
Hier stehet die Gemeine,
Die Eiche pflanzt sie ein,
Die soll für Groß’ und Kleine
Ein edles Denkmal sein.
Dann zog alles auf die Wilhelmshöhe hinauf. Da gab es Kaffee und Kuchen und auch manches gute Lied und manches gute Wort. Noch lange Zeit hindurch hat sich von Mund zu Mund das eine oder andere Lied in der Gemeinde erhalten, das der Pastor zu solchen frohen, harmlosen Festfeiern dichtete. Er ritt mit den Kindern Steckenpferd und jagte mit den jungen Burschen hinter dem Fußball her. Von Anfang aber bis zum Ende wurde Gott die Ehre gegeben, und alt und jung zog dankbar nach Haus.
„Überwinde das Böse mit Gutem!” Das war die Regel, durch die Bodelschwingh auch des Treibens in der Neujahrsnacht Herr wurde. Die halbwüchsige Jugend des Dorfes sah es als ihr Vorrecht an, in dieser Nacht vom Kirchturm herunter zu lärmen und bis zum Morgengrauen mit der Glocke zu kläppen. Mit einer Schar von Jünglingen, die der Pastor zu einem kleinen Verein gesammelt hatte, stieg er kurz vor Mitternacht in den Turm hinauf und sang, als die Mitternachtsglocke schlug, vom Turm herunter: „Wachet auf! ruft uns die Stimme”. Diesmal schien alles ruhig zu verlaufen. Aber die Störenfriede waren unbemerkt durch die offen gebliebene Turmtür nachgeschlichen und hatten sich in der Kirche versteckt, um, sobald die Sänger den Turm verlassen hatten, zu den Glocken hinaufzusteigen und den gewohnten Lärm aufs neue zu beginnen. Bodelschwingh aber drang mit einigen handfesten Burschen abermals in den Turm und nahm die Lärmmacher so ernst ins Gebet, daß von da ab jede Neujahrsnacht statt unter dem üblichen Skandal mit den schönen Liedern begonnen werden konnte, die vom Turm herunter in die stille Gemeinde schallten.
So nahm er überall mit großem Ernst den Kampf gegen das Böse auf. Ohne Niederlage ging es dabei freilich nicht ab.
Einhundert und einen Soldaten mußte Dellwig 1870 ins Feld ziehen lassen. Vor dem Auszuge rief Bodelschwingh noch einmal die ganze Gemeinde zur entschlossenen Umkehr zu Gott und gelobte dann in der gemeinsamen Abendmahlsfeier mit allen 101 Ausziehenden, nach Sieg und Frieden und glücklicher Heimkehr Gott die Treue zu halten. Nun war der Krieg beendet. Der Kriegerverein hatte die Vereine der Nachbargemeinden zu einem Fest auf die Wilhelmshöhe geladen. Der Pastor sollte die Festrede halten. Er erinnerte in der Vormittagspredigt an das Gelübde, das man damals getan hätte, und bat, diesmal von dem sonst üblichen wilden und ausgelassenen Feste abzustehen, damit nicht von den Dellwigern gelte, was 5. Mose 32, 5. 6 geschrieben steht: „Diese verkehrte und böse Art fällt von ihm ab. Sie sind Schandflecken und nicht seine Kinder. Dankest du also dem Herrn, deinem Gott, du toll und töricht Volk?”
Bodelschwingh erklärte sich bereit, die Festrede zu halten, wenn er nicht nur den Anfang, sondern auch den Schluß machen dürfe. Mit Freuden willigte man ein und versprach, die Feier um zehn Uhr enden zu lassen. Das Fest begann so schön, wie man es sich nur wünschen konnte. Aber als der Abend hereinbrach und die älteren Festgäste anfingen, sich zurückzuziehen, nahm das junge Volk die Zügel in die Hand. Der wilde ausgelassene Tanz begann. Überall erhitzte Worte und erhitzte Gesichter. Die für den Schluß verabredete Stunde kam, aber der Vorstand mühte sich vergeblich, sein Wort einzulösen. So nahm das Gelage seinen wüsten Fortgang. Beschämt kam bald der eine oder der andere an Bodelschwingh heran und bat, er möchte jetzt gehen; es wäre ja doch nichts mehr zu machen. Aber er blieb. Er sah, wie sich von zwölf Uhr an das Zelt wieder zu füllen begann. Denn nachdem die Eltern zur Ruhe gegangen waren, stiegen Kinder und Dienstboten heimlich aus und eilten aufs neue zum Festplatz. Erst als der Morgen herankam, begann sich die Menge zu zerstreuen, und hinter dem letzten Mann her verließ auch er das Zelt.