Er hat es nie bereut, ausgehalten zu haben. Denn er hatte bei dieser Gelegenheit in manche Schäden des Gemeinde- und Familienlebens tiefer hineingesehen als je vorher. Auch hielt er an der Hoffnung fest, doch schließlich noch über die verderblichen Ausartungen derartiger Volksfeste Herr zu werden. Seine Abberufung nach Bethel hinderte ihn an der Weiterarbeit. Doch blieb es bis zuletzt seine Überzeugung, daß Landrat, Amtmann und Pastor nur dann an solchen ländlichen Festen teilnehmen sollten, wenn sie entschlossen seien, das Fest bis zu Ende mitzumachen. Sonst würde ihr Erscheinen nur gar zu leicht zu einem Deckmantel für nächtliche Ausschreitungen schlimmer und schlimmster Art.

Desto fröhlicher wurde auf derselben Wilhelmshöhe das Missionsfest gefeiert, das Bodelschwingh schon im ersten Jahre, nachdem er nach Dellwig gekommen war, eingerichtet hatte. Von einem Jahr zum andern stellten sich immer größere Scharen zu Fuß und zu Wagen von nah und fern dazu ein, und während bis dahin die Synode Unna nur ein einziges Missionsfest feierte, hatte bald jede Gemeinde ihr besonderes Fest. Die gastlichen Dellwiger nahmen schon am Vormittag die Festbesucher in ihren Häusern auf, um dann den Nachmittag über oben auf der Wilhelmshöhe sich mit ihnen zu erquicken. Bis in sein hohes Alter hinein hat Bodelschwingh, so oft er nur konnte, dieses Missionsfest besucht und manch frohes Wiedersehen mit seinen alten Gemeindegliedern gefeiert.

Alle freie Zeit aber, die ihm die Gemeindearbeit ließ, widmete er neben dem „Schifflein Christi”, das über die Pariser Arbeit berichtete, dem „Westfälischen Hausfreund”, den er ein Jahr nach seinem Antritt in Dellwig begründete, um jede Woche einmal gesunde Kost in die Häuser zu tragen als Gegengift gegen die verderblichen Einflüsse einer gottfremden Presse. An Feinden fehlte es freilich nicht.

„Unser Hausfreund Bodelschwingh,
Der liebe Bruder Kieserling,
Velsen I und Velsen II,
Selbst die Philipper sind dabei.
— — — — — — — —
Zur Nieden und Herr Pötter,
Nehmt alle zwölf ihr: Götter!”

So spottete man wohl auf die zwölf Mitarbeiter des Blattes.

Aber je mehr man spottete, desto mehr kam der Hausfreund unter die Leute und desto trefflichere Mitarbeiter kamen zu jenen zwölf hinzu, um Beiträge für das Blatt zu liefern. Der geistreiche Pastor Niemann in Hamm, hernach Konsistorialrat in Münster, und nach ihm Pastor Pötter, der spätere Generalsuperintendent von Pommern, lieferten in ihrer urwüchsigen Weise den politischen Teil; Pastor Philipps hatte das große weite Reich der Natur und Geschichte zu bearbeiten. Bodelschwingh selbst schrieb über das Reich der Gnade und die Arbeit dieses Reiches auf der ganzen Erde, während der ehrwürdige Pastor von Velsen in Unna, Bodelschwinghs Konfirmator, der der Druckerei am nächsten wohnte, die Drucklegung besorgte.

Immer gute Speise bot das Blatt, aber nicht immer dieselbe Speise. Bald begann es mit einem politischen Artikel, bald mit der Besprechung eines Bibelabschnittes, bald mit einem patriotischen Lied, bald mit irgend einem andern Stoff. So wurde es auch für solche schmackhaft gehalten, die für die innerste Richtung des Hausfreundes noch kein Verständnis hatten. Und mancher wurde auf solche Weise, kaum daß er es selbst merkte, dem verderblichen Einfluß der seichten Tagespresse entzogen.

Neben der regelmäßigen Redaktionsarbeit blieb auch andere Arbeit in der Gemeinde nicht aus. Der Bahnbau Schwerte-Arnsberg machte es nötig, daß das Pfarrwitwenhaus mit seinen Grundstücken an die Bahnverwaltung abgetreten wurde, und so entstand aus dem Erlös, den die Bahnverwaltung zahlte, auf der Höhe über dem Dorf das neue Pfarrhaus. Bodelschwingh ließ es nicht zu, daß auch nur ein einziger Backstein dazu gekauft wurde. Vielmehr wurde der für die Kellerräume ausgeschachtete Lehm unter seiner Anleitung an Ort und Stelle zu Backsteinen geformt und gebrannt.

Dann kam auch die Kirche an die Reihe. Ihr Inneres sah mit den aufeinander getürmten Emporen und den engen, halb zerfallenen Bänken einem Speicherraum ähnlicher als einem Heiligtum. Dazu war auch der Platz zu klein geworden. Darum ging Bodelschwingh, als der Friede geschlossen war, von Haus zu Haus, um die Gemeindeglieder zu einem fröhlichen Dankopfer für den Kirchenbau zu ermuntern. Er trug ein Buch bei sich, worin er die Namen der 400 selbständigen Gemeindeglieder verzeichnet hatte. Jeder Name hatte seine eigene Seite. Darauf trug er die Summe ein, für die der einzelne sich auf drei Jahre hinaus verpflichtete. Aber keinem sagte er, wieviel der andere geben wollte. Es war alles auf Freiwilligkeit gestellt.