Es galt, neben dem Chorraum nach rechts und links zwei Flügel anzubauen. Dazu mußten erst die alten Grabstätten entfernt werden. Alle Beteiligten gaben ihre Einwilligung dazu. Nur die Familie von G., die ebenfalls an der Kirchenmauer eine Grabstätte und ein altes Grabdenkmal hatte, mußte kirchenordnungsgemäß noch befragt werden. Da kein Mitglied der Familie mehr in der Gemeinde lebte, so erbat Bodelschwingh durch eine öffentliche Anzeige in der Zeitung die Erlaubnis zur Verlegung der Grabstätte. Aber statt der Erlaubnis lief ein flammender Protest eines der Familienmitglieder ein, die Grabstätte dürfe unter keinen Umständen beseitigt werden. Dennoch stand am andern Morgen das Denkmal außerhalb des Platzes, der für den Neubau geräumt werden mußte. Dort steht es noch heute, hart neben dem äußersten Eckpfeiler des neugebauten Seitenschiffes. Trotz des Protestes hatte Bodelschwingh es stillschweigend bei Nacht wegrücken lassen.
Nun konnte es also an die Ausschachtung gehen. Viele alte Gebeine kamen zum Vorschein. Der Pastor stieg selbst hinunter und fing an, die Knochen in einen Korb zu lesen. Dann griffen auch die Konfirmanden mit zu, und ein Korb voll gesammelter Knochen nach dem andern wurde unter stillem Gebet drüben auf dem neuen Kirchhof, zu dem der schöne Rundbogen über den Talweg hinüberführte, noch einmal bestattet.
Ein Steinbruchbesitzer gab seinen Steinbruch frei, alle für den Bau nötigen Steine daraus zu holen. Die Bergarbeiter aus Billmerich und andere Hilfskräfte brachen in ihrer freien Zeit und ohne Entschädigung die Steine. Die Bauern aber schafften mit ihren Gespannen die Steine herbei. Es war nicht immer leicht, sie zu den freiwilligen Fuhren zu bewegen, und mancher verschwor sich: „Wenn heute der Pastor kommt, schlage ich es ihm ab.” Aber wenn er kam und bat, konnte ihm doch keiner widerstehen.
Noch lange nachher erzählte einer: „Man stand sich immer gut, wenn man tat, worum Bodelschwingh bat. Nach langer Regenzeit wollte ich am nächsten Tage, weil sich das Wetter endlich gebessert hatte, Weizen einfahren, der aber noch recht feucht war. Da kam der Pastor und bat um meine Pferde. Ich konnte ihm die Bitte nicht abschlagen und fuhr, weil die Mauerleute an der Kirche sonst keine Arbeit hatten, zwei Tage Ziegelsteine. Während dieser zwei Tage klärte sich das Wetter auf, sodaß ich den Weizen schöner einbekam als alle andern.”
Von zwei verfeindeten Nachbarn hatte der eine einen schönen Haufen Steine auf seinem Hofplatz liegen. Er schenkte sie dem Pastor zum Kirchbau. Aber fahren konnte und wollte er sie nicht. Auch litt er nicht, daß sein Feind, der Nachbar, auf seinen Hofplatz kam, um sie mit seinem Gespann abzuholen. So spannte Bodelschwingh seine beiden Ponys an und fuhr die Steine von dem hochgelegenen Hofplatz herunter. Unten aber standen die Pferde des Gegners und schafften die Fuhre weiter. Da mußte auch der Feind, der von seinem Hause her zusah, lachen, und sein Lachen war der Anfang zum Frieden mit seinem Nachbar. Waren aber die Steine auf dem Kirchplatz, so sprang der Pastor auf den Wagen und reckte sie selbst auf das Baugerüst empor; dann griffen wie von selbst auch die andern zu. Auch die Kinder kamen aus der Schule gelaufen, um mitzuhelfen. So stieg der Kirchbau in die Höhe. Und wenn Bodelschwingh auch seine Vollendung nicht mehr an Ort und Stelle erlebte, so findet sich doch im Protokollbuch der Gemeinde im Jahre 1875 die Notiz: „Die durch den Erweiterungsbau der Kirche entstandenen Kosten sind nunmehr durch freiwillige Gaben der Gemeinde gedeckt. Gott sei Dank!”
Zwischen solchen irdischen Aufgaben ging der Strom der stillen Gemeindearbeit ungehindert weiter. Am stärksten floß er wohl im Konfirmandenunterricht. Es wurde nicht viel aufgegeben, und der Kopf wurde nicht überbürdet, desto tiefer aber wurde das Herz angefaßt. „Das 53. Kapitel im Jesaias erschütterte und erhob das Herz”, schreibt eine Konfirmandin, „und die Auslegung von Phil. 2, 5–11: ‚Ein jeglicher sei gesinnet wie Jesus Christus auch war!’ ist mir nie aus dem Gedächtnis gekommen. Luthers kleiner Katechismus wurde ganz auf die Schrift zurückgeführt, wie wir denn überhaupt mit der Bibel vertraut wurden und sie handhaben lernten. Es war ein lebendiger Austausch zwischen Pastor und Schüler, oft so in die Tiefe führend, daß Zeit und Stunde darüber vergessen wurden und wir statt zwei bisweilen fast drei Stunden zu den Füßen unseres geliebten Lehrers saßen. Zwischenein aber erzählte er unermüdlich von Paris und seinen Gassenkehrern dort, sodaß uns das Herz brannte, auch einmal an andern Mitmenschen zu arbeiten.” — Die Denksprüche der Konfirmanden suchte der Pastor mit besonderem Eingehen auf das einzelne Kind aus, sodaß er noch nach Jahren daran anknüpfen konnte, und mit eigener Hand schrieb er den Spruch auf den Konfirmationsschein.
Den Alten, Kranken und Einsamen der Gemeinde aber galt sein liebster Weg, und manch friedvolles Sterbebett erquickte ihn neben mancher Enttäuschung. „Leben, Frieden und heilige Freude” — so heißt es in einem Brief — „erblühte überall, wo unser Pastor eingriff; an den offenen Gräbern besonders empfand man, als ob ein Strom des Lebens von ihm ausging.”
Auf den Wegen durch die Gemeinde gab er jedem, der darnach begehrte, Rat nicht nur in Herzensangelegenheiten, sondern auch in irdischen Dingen. Er selbst aber ging auch in allen äußern Stücken mit gutem Beispiel voran, und der heutige Pfarrwald mit seinem kräftigen Bestande ist ein Zeuge davon, wie trefflich der Pastor das irdische Gut seiner Gemeinde verwaltete. „Er wußte alles, und er kannte alles,” sagt man noch heute in Dellwig, „und man tat gut, seinem Rat auch in irdischen Angelegenheiten zu folgen.”
Über Dellwig lag ein Wiesental, das von einem Bach durchschnitten wurde. Hier hätte Bodelschwingh gar zu gern eine kleine Talsperre errichtet, um die darunter gelegenen Wiesen regelmäßig zu berieseln. Aber diesmal gelang es ihm nicht, die Anlieger, denen die Talsperre zugute gekommen wäre, unter einen Hut zu bringen. Doch schafften auch solche rein äußerlichen Bemühungen seiner innersten Arbeit in der Gemeinde besonderen Nachdruck. Daß er auch im Irdischen alles so gründlich erfaßte, gab seiner Predigt und Seelsorge doppelte Kraft und immer tieferes Vertrauen.
Zwischen den Pastoren und Lehrern der Gemeinden, die Dellwig benachbart waren, schuf Bodelschwingh eine Zusammenkunft, und auf der Synode war er immer bemüht, den Wagen des kirchlichen Lebens in eine etwas schnellere Gangart zu bringen und neue Anregung zu geben. So drückte er bei einer Synodalversammlung seinem Freunde, Pastor Buschmann, das märkische Gesangbuch in die Hände, das so viele verunstaltete und verwässerte Lieder enthielt. Buschmann mußte ein verfälschtes Lied nach dem andern vorlesen, während Bodelschwingh gegen jeden Vers des bisherigen Liedes den ursprünglichen Vers setzte und so einen kräftigen Anstoß gab zur Einführung des neuen Gesangbuches, wie es jetzt die Gemeinden von Rheinland und Westfalen besitzen.