Aber so reich an Arbeit das Leben in Dellwig auch war, noch reicher an Leid wurde es. Während Bodelschwingh im Sommer 1866 als Feldprediger bei der Main-Armee stand, erhielt seine Frau die Nachricht, daß von ihren vier Brüdern, die bei Königgrätz mitgefochten hatten, einer gefallen, ein zweiter verwundet war. Und als auch von diesem zweiten nach vierzehn Tagen die Todesnachricht kam, da war es doppelter Balsam, als unvermutet der Schritt ihres Mannes vor der Tür hallte, der, um seine Frau zu trösten, für einen kurzen Urlaub herübergeeilt war.

1867 starb Pastor Philipps. Immer reicher und lieblicher hatte sich von Jahr zu Jahr der Verkehr zwischen den beiden Pfarrhäusern gestaltet. Es gab keine Freude, die nicht miteinander geteilt wurde, und die Philipps- und Bodelschwinghs-Kinder hatten in beiden Häusern und den zugehörigen Gärten ihr gemeinsames Kinderparadies. Auch mancher gemeinsame Spaziergang wurde unternommen, wobei Bodelschwingh mit einer Schäferschüppe den Kindern Blumen ausgrub, damit sie sie in ihre kleinen Gärten pflanzten. Noch manchmal saßen die beiden Freunde nebeneinander und erquickten sich gegenseitig im Vorblick auf das unvergängliche Reich, bis der Tod kam und die Kinder der beiden Pfarrhäuser in kindlicher Harmlosigkeit um die blumengeschmückte Leiche des Pastors Philipps spielten.

Auf dies friedvolle Sterben aber folgte der erbitterte Wahlkampf um den Nachfolger. Seit alter Zeit bestanden zwei Parteien in der Gemeinde, und jedesmal bei einer Pfarrwahl entbrannte der Parteikampf von neuem. Dieses Mal steigerte er sich zu ungeahnter Heftigkeit. Jede Partei stellte einen trefflichen Mann auf, sodaß es eigentlich ein leichtes hätte sein müssen, sich auf einen der beiden zu einigen. Aber das duldete die Parteiehre nicht. Man ging so weit, daß ein Jude gedungen und mit Geldmitteln versehen wurde, der in der Stille unter den Mitgliedern der Kirchenvertretung für den einen und gegen den andern Kandidaten arbeiten mußte.

Als der Wahltag kam, war die Erregung der Gemeinde schon bis aufs höchste gestiegen. Nicht nur die kirchlichen Vertreter, sondern auch ein großer Teil der Gemeindeglieder versammelten sich in der Kirche, wo der Superintendent die Wahl leitete. Unter lautloser Spannung wurden die Wahlzettel gezählt. Es ergab sich Stimmengleichheit: 15 gegen 15. So mußte gelost werden, und das Töchterchen von Pastor Philipps griff in den Hut und zog den Namen „Lange”. Da ging ein Tumult in der Kirche los. Anhänger beider Parteien stürzten auf den Turm. Die Unterlegenen schlugen die Feuerglocke, die andern die Totenglocke. Etliche drehten ihre Jacken um und zogen durchs Dorf und bis ans äußerste Ende der Gemeinde zum Ärger für die, die gleichsam ihre Jacken gewendet hatten, indem sie bei der Wahl umgefallen waren und einem andern ihre Stimme gaben, als sie ursprünglich zugesagt hatten.

Bodelschwingh aber, der sich der Stimme enthielt, hatte gerade so die Niederlage der einen Partei bewirkt. Darum wandte sich die Wut der Unterlegenen auch gegen ihn. Am Abend des Wahltages flogen ihm durchs Fenster Steine ins Haus, sodaß der Topf auf dem Herde zersprang und die Suppe in das Feuer floß. Denjenigen aber, von denen man mit Bestimmtheit annahm, daß sie sich durch Geld hätten bestechen lassen, wurden noch denselben Abend als Anspielung auf die dreißig Silberlinge des Judas dreißig Scherben vor das Fenster gezählt. Einer, dem man die Hauptschuld gab, wurde sogar von einem gedungenen Bösewicht durch Monate und Jahre verfolgt und verleumdet, sodaß man die Schuld an seinem Tode dem inneren Gram zuschrieb, der ihn frühzeitig ins Grab geführt hatte.

Dann wurde Protest gegen die Wahl eingelegt, sodaß die Entscheidung ein ganzes Jahr hingehalten wurde und Bodelschwingh die Last der Gemeindearbeit weiter allein tragen mußte. Ein halbes Jahr lang half ihm der Hilfsprediger Stürmer, von dem später noch die Rede sein wird, gegen ein Entgelt von fünfzig Talern, bis endlich Pastor Lange bestätigt wurde. Langes milde, treue Art ließ ihm bald alle Herzen zufallen, zumal ja überhaupt nicht eigentlich um seine Person, sondern nur um die Parteiehre gekämpft worden war.

Kaum aber hatten sich die wildesten Wogen des Wahlkampfes gelegt, so brach die dunkelste Zeit über das Pfarrhaus in Dellwig herein. Im Frühjahr 1868 war die heißgeliebte jüngste Schwester Bodelschwinghs, Frau von Oven, ihren fünf kleinen Söhnen entrissen worden. Aber dieser Schmerz war nur das Vorspiel zu noch größerem Leid. Darüber heißt es in dem von Bodelschwingh niedergeschriebenen Bericht „Von dem Leben und Sterben vier seliger Kinder”:[1]

[1] Der ungekürzte Bericht ist unter obigem Titel erschienen in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.

„Das Weihnachtsfest nahte heran. Fröhlicher, erwartungsvoller als je bisher hatten sich unsere Kleinen auf das frohe Kinderfest bereitet. Wie freudig erklangen seit Wochen von ihren Lippen die Lobgesänge dem Christuskinde entgegen! Selbst unser kleinster Sohn, der gerade in dem lieblichen Alter stand, wo er seine ersten Lauf- und Sprechversuche machte, konnte schon, wenn auch ohne Worte, in den kindlichen Jubel einstimmen.