Welche Freudenstunde, die uns noch einmal mit diesen lieben Kindern hienieden geschenkt wurde! Nur unser sonst so besonders fröhliches Ernstchen war am Weihnachtsfest schon viel stiller als die andern Kinder. Er hatte seit einiger Zeit einen bösen Husten, der ihn an das Haus fesselte. Sein letzter Ausgang war ein Liebesgang gewesen. Die Mutter hatte ihm und Elisabethchen die Geschichte von den beiden Kindern, die den Himmel suchen, vorgelesen, sie hatten mit leuchtenden Augen zugehört und sich darauf beide — es waren etwa zwei Tage vor Weihnachten — allein aufgemacht, um einem schwer kranken lieben Kinde in der Nachbarschaft, das sich auf den Heimgang zum Himmel rüstete, dies Büchlein als Weihnachtsgeschenk zu bringen. Überglücklich kehrten sie von diesem ihrem letzten Wege heim. Ernstchens Husten stellte sich bald als Stickhusten heraus, und zwar von sehr bösartiger Natur. Er fühlte sich binnen weniger Tage so schwach, daß er ganz das Bett hüten mußte. Er zeigte auch von vornherein einen wehmütigen Ernst. Von Spielsachen wollte er nichts mehr wissen, dagegen verlangte er immer wieder, daß man ihm vorlesen möchte, wobei ihm die ernstesten Geschichten die liebsten waren. Ebenso bat er sich immer aufs neue aus, daß die Morgenandacht an seinem Bett gehalten werden sollte, und es war wehmütig anzuhören, wie das Vaterunser, das von den drei ältesten Kindern gemeinsam gebetet wurde, von ihm und gar bald auch von den andern beiden nur noch mühsam mit zitternder Stimme gesprochen werden konnte, ja, wie ein Stimmchen nach dem andern in der wachsenden Atemnot verstummte.
Der Arzt stellte fest, daß bei Ernst eine Lungenentzündung hinzugetreten und sein Zustand recht bedenklich sei. Die drei jüngeren Kinder waren inzwischen ebenfalls erkrankt, auch ihr fröhlicher Jubel verstummte schnell, und es zeigte sich, daß bei ihnen der Stickhusten denselben bösartigen Charakter annehme, indem heftige Fieber hinzutraten und die Lungen angegriffen wurden. Während aber unser armer Ernst sehr große und lang anhaltende Schmerzen vor den Hustenanfällen zu leiden hatte, unter denen er allmählich zu einem rechten Leidensbilde zusammenschwand, so war es den andern drei Kindern, wenigstens Elisabeth und Friedrich, geschenkt, ohne besondere Schmerzen ihrer Todesstunde entgegenzugehen.
Unser lieber kleiner Friedrich, der mit seinem treuherzigen Wesen und mit seinen tiefdunklen, fast schwermütigen Augen sich aller Herzen stahl und der mit der ihm eigenen großen Entschiedenheit sich längst entschlossen hatte, er wolle Pastor werden, um Papa zu helfen, machte den Vorgang unter der heimziehenden Schar. Ich werde es nie vergessen, mit welch treuen Augen er in seinen gesunden Tagen an des Vaters Lippen hing, um als der erste bei der Morgenandacht mit kräftiger Stimme sein „Vater unser” anzustimmen. Als seine Mutter im Spätherbste leidend war und eine Zeitlang nicht zur Morgenandacht kommen konnte, da bat er sich immer ein Lied aus: „Für die liebe Mama!” oder, was ihm auch besonders am Herzen lag: „Ein Lied für die armen Heidenkinderchen.” Sein Lieblingsvers in seiner letzten Zeit, den er öfter laut für sich hersagte, war der letzte Vers aus: Wachet auf, ruft uns die Stimme: „Gloria sei dir gesungen — Mit Menschen- und mit Engelszungen, — Mit Harfen und mit Zimbeln schön! — Von zwölf Perlen sind die Tore — An deiner Stadt, wir steh’n im Chore — Der Engel hoch um deinen Thron. — Kein Aug’ hat je gespürt, — Kein Ohr hat je gehört — Solche Freude. — Drum jauchzen wir — Und singen dir — Das Halleluja für und für.” Nun durfte er als der erste sein himmlisches Gloria anstimmen und in die Perlentore einziehen.
Gar bescheiden und still ging das liebe Kind in seinen Tod. „Ein Schlückchen Wasser,” das war fast seine einzige Bitte, die er in den letzten drei Tagen vorbrachte; freilich zuletzt fast jede Minute, denn sein Durst war sehr groß. Er behielt seine Besinnung bis ans Ende. Wie versuchte die Mutter, ihm noch die erkalteten Händchen und Füßchen zu erwärmen, in der Hoffnung, es sei nur ein Krampf — eine Krisis. Wir beide waren allein an seinem Bettchen. Plötzlich hebt er seine Augen auf gen Himmel, sie werden leuchtend, wirklich himmlisch schön. „Was siehst du, Friedemännchen?” fragt die Mutter. Keine Antwort. Da brechen die Augen, und wir nehmen schon Abschied. Doch nein, noch einmal schlägt er sie freundlich hell auf und bittet: „Mama, Schoß!” Die Mutter nimmt ihn auf den Schoß, und die Tränen fließen ihr über die Wangen. Das sieht doch der Kleine noch, hebt sein Händchen auf, wie er so oft getan, die Tränen abzuwischen. Es ist sein letzter Liebesdienst. Das kleine Haupt fällt vornüber, und noch keine Viertelminute ist vergangen, da sind die letzten schweren Atemzüge getan. Es war um elf Uhr nachts am 12. Januar.
Die Heimat, in die der kleine Pilgrim gezogen, war mit ihrem Frieden auch uns nicht fern. Ich faltete ihm die lieben kleinen Hände, und die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihm die letzten Liebesdienste zu erweisen und ihm selbst das Sterbehemdchen anzuziehen. Dann versammelten wir neben der lieben Leiche unser Haus, und Psalm 126: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” machte die mitternächtliche Tränenstunde zu einer Gnadenstunde, in der wir schon etwas von der Freudenernte vorausnehmen durften.
Auch der erste Gang zum Grabe mit dem ersten geliebten Kinde wurde uns Eltern über Bitten und Verstehen erleichtert, nachdem uns Bruder Stürmer an dem offenen Sarge, worin die überaus liebliche Hülle, ganz wie ein schlafendes Kind, in grünen Kränzen ruhte, das Wort Offenbarung Joh. 7, 15–17 zum Pilgerstab gereicht hatte: „Darum sind sie vor dem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern oder dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze. Denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und sie leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.” So wurde es uns geschenkt, auch in Hiobs Worte einzustimmen, die uns Pastor Philipps aus Opherdecke am Grabe auslegte: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.”
Ebenso lieblich war Elisabethchens Heimgang. Diese liebe einzige fünfjährige Tochter, ein Bild strahlender Freude und Gesundheit, hatte ein gar zärtliches, sorgsames, williges Gemüt. Der Mutter an den Augen hängend, suchte sie ihr bereits mit tausend kleinen Liebesdiensten an die Hand zu gehen in unermüdlicher Geschäftigkeit. Rührend, ja erbaulich war die Freundlichkeit und Herzensstille des lieben Kindes bis zu ihrer Todesstunde. Kein Klageton kam über ihre Lippen. Wenn es ihr in ihrer Atemnot schwer wurde, so redete sie sich selbst zu: „So, so, nun ist’s gut.” Als in den letzten Tagen ihr Stimmchen zu einem kaum hörbaren Lispeln zusammengebrochen war, lag sie dennoch mit demselben freundlichen Gesichte da und versicherte, so oft man sie fragte, wie es ihr gehe: „Gut!” Ja, als sie nicht mehr sprechen konnte, nickte sie dem Fragenden diese Antwort noch zu.
Es war in der Nacht vom 19. zum 20., daß ich, an Ernstchens Bette wachend, meine Frau rufen ließ, weil ich glaubte, sein Todeskampf sei angebrochen, wie es der Arzt bei jedem schweren Hustenanfall erwartete. Statt seiner fährt plötzlich Elisabethchen aus einem leichten Schlummer, dem ersten seit drei Tagen, auf, versucht zu husten, es gelingt nicht mehr, und augenblicklich bricht sie zusammen, die Augen richten sich hellleuchtend himmelwärts, und der Todeskampf ist da. In diesem Zustand, mitunter leise schlummernd, aber mit glänzendem Angesicht, die Augen voll Klarheit der zukünftigen Welt unverwandt gen Himmel gerichtet, aber für diese Welt ganz abgestorben, blieb sie bis fünf Uhr morgens, wo sie auf des Vaters Schoß die letzten bangen Atemzüge aushauchte. Wir taten ihr, wie bei unserm lieben Friedrich, die letzten Liebesdienste und erquickten uns in der Morgenandacht an ihrem Bettchen mit dem Evangelium von Jubilate, Joh. 16, 16: „Über ein kleines.” Schöner, als sie je im Leben gewesen, und wie plötzlich gereift zu einer Jungfrau, als eine rechte Braut Christi, lag die liebe Tochter in ihrem Todesschrein —, und der zweite Weg zum Friedhofe wurde uns in gleicher Weise durch das verborgene Manna, das im göttlichen Worte liegt, auf unbegreifliche Weise versüßt: Ps. 23; Jes. 40, 11; Joh. 10 am Sarge und 1. Kor. 10, 13 am offenen Grabe. — O ja, ein treuer Gott, dessen Verheißungen nicht Ja und Nein, sondern lauter Ja in ihm und lauter Amen sind.
Eines besonderen Zwischenfalls muß ich hier Erwähnung tun. Wir hatten einen sehr treuen und gewissenhaften Arzt, Dr. K., der auch darin seine Gewissenhaftigkeit zeigte, daß er uns die Todesgefahr der Kinder nicht verheimlichte. Er hatte unser Ernstchen besonders in sein Herz geschlossen und hörte gerne seinen kindlichen Reden zu. Nun kam er einmal, da er allein an Ernstchens Bette gesessen, zu uns in die andere Krankenstube und teilte uns mit sichtlicher Bewegung mit, Ernst habe ihm erklärt: „Du kannst mir mit deiner Medizin doch nicht helfen, der liebe Gott muß mir helfen.” Nicht über Ernstchens freimütiges Wort wunderte ich mich, sondern über das Bekenntnis des Arztes und noch mehr darüber, daß er in den folgenden Tagen das Wort des Kleinen, wie ich nachher erfuhr, an einer ganzen Anzahl von Krankenbetten wiederholt hatte, um das Vertrauen der Kranken von sich auf den lebendigen Gott abzuleiten. Bei der großen Verschlossenheit, die sonst Dr. K. im Gespräch über göttliche Dinge zeigte, und bei der Neigung zum Selbstvertrauen, das wegen seiner großen Tüchtigkeit und Tatkraft bei ihm verzeihlich war, mußte uns dies Benehmen sehr auffallen. Er hatte, als ich ihn vor Elisabethchens Leiche führte, Tränen im Auge und ließ sich mit sichtlicher Rührung Ernstchens mannigfache liebliche Äußerungen über den Tod und die selige Ewigkeit mitteilen. Es war sein letzter Besuch. Als er sich am andern Morgen von seiner Wohnung wieder auf den Weg zu seinen Kranken machte, vernimmt plötzlich sein Kutscher das Klirren des Wagenfensters. Dr. K.’s Haupt hängt aus der Fensteröffnung heraus. Er ist eine Leiche. Der Schlag hat ihn gerührt, vermutlich, während er das Fenster zu öffnen versuchte. Hatten vielleicht unseres heimziehenden Kindlein nach Gottes Rat dazu dienen dürfen, daß dem im Irdischen so treuen Mann noch ein Morgenglanz der Ewigkeit seine letzten Lebenstage erleuchtete?