An der Morgenröte, die er von seinem Bette aus sehen konnte, hatte unser Ernstchen immer eine besondere Freude gehabt und gar oft sich aufgerichtet, um ihren schönen Glanz zu bewundern, hatte auch über ihr Wesen und ihre Natur viele Fragen getan. Auch auf seinem Sterbebette kam ein Freudenstrahl über ihn, wenn die Morgenröte nach einer bangen Schmerzensnacht auf sein bleiches Angesicht fiel. Und wie anders verstanden wir jetzt unser Morgenlied, das wir auf seine Bitte einige Male an seinem Bette anstimmten: „Morgenglanz der Ewigkeit, — Licht vom unerschöpften Lichte, — Schick’ uns diese Morgenzeit — Deine Strahlen zu Gesichte — Und vertreib’ durch deine Macht — Unsre Nacht! — — Leucht’ uns selbst in jene Welt, — Du verklärte Gnadensonne, — Führ’ uns durch das Tränenfeld — In das Land der süßen Wonne, — Da die Luft, die uns erhöht, — Nie vergeht!”

Unterschiedlich waren bei gleicher innerer Herzensstellung und gleichem Frieden doch die Äußerungen der Kinder über ihre Trennung von uns und über ihren Heimgang. Der kleine Friedrich, der Mutter besonderes Trostkind aus der für sie so schweren einsamen Zeit des Kriegsjahres 1866, in dessen Anfang er geboren war, hatte sich denn auch besonders fest an die Mutter geklammert, und sein einziger Wunsch blieb: „Bei Mama bleiben.” Elisabeth hatte durchaus nichts gegen das Sterben, das ihr ja ein gewisser Eingang zum Himmel war. Aber Mama und Papa, die Geschwister und noch viele andere Lieben sollten auch gleich mit. Ernst machte diese Bedingung nicht. Es war merkwürdig, daß dies lebensfrische Kind, das mit so natürlichem, lebendigem Interesse auch an den Dingen dieser Welt und mit so überaus inniger Liebe an Vater und Mutter hing, sich von vornherein bei der ihm vorgelegten Frage, ob er lieber bleiben oder in den Himmel gehen wollte, für den zweiten Weg entschied, und man konnte gewiß sein, daß er wußte, was er sagte. Freilich, als ich ihm die Geschichte von Gethsemane und des Heilandes dreifaches Gebet: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst” vorgelegt hatte, antwortete er in der Folge bei ähnlichen Fragen mit Magdalenchen Luther: „Wie der liebe Gott will.” Indessen behauptete doch der paulinische Wunsch: „Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches mir auch viel besser wäre” das Übergewicht in seinem Herzen. Am Abend vor des kleinen Friedrichs Tode erklärte er unaufgefordert aufs bestimmteste: „Wenn Friedemännchen diese Nacht stirbt, werde ich doch nicht traurig sein, er hat es ja dann viel besser.”

Ganz in diesem Geiste und mit der Wiederholung dieser Erklärung nahm er dann auch die Todesnachricht hin. Und als ich in der Todesnacht unserer lieben Elisabeth mich einmal mit der sterbenden Tochter auf dem Schoß neben ihn gesetzt hatte, sodaß er selbst in das verklärte schöne Antlitz seines Schwesterchens sehen konnte, da erweckte in ihm ihr Scheiden keine Traurigkeit. Nur als er Tränen in den Augen seiner Mutter sah, da füllten sich seine Augen auch mit Tränen, denn er konnte die Mutter nie gut weinen sehen. Aber mit einer Art von heiligem Unwillen strafte er sie: „Was weinst du denn, Mama? Du weißt es ja doch, daß es Lisabethchen viel besser bekommt.”

Er und Elisabeth hatten sich ausgebeten, ihres kleinen Bruders Friedrich Leiche noch einmal zu sehen. Als der offene Sarg hereingebracht wurde, richteten sie sich mühsam in ihren Bettchen auf, sahen still in das freundliche bleiche Antlitz und sagten dann nur: „Adieu, Friedemännchen;” aber Traurigkeit bemerkte man nicht.

Als aber nun auch Elisabeth abgerufen war und ihre Leiche vor dem Wege zum Grabe aufs Ernsts Verlangen noch an sein Bettchen getragen wurde und er ihr, selbst zum Tode matt, das letzte Lebewohl gesagt hatte, da wurde sein Heimweh immer größer. Zwar willigte er wohl noch ein, daß er bleiben wollte, wenn die Mutter ihm vorstellte, daß der Vater doch an ihm einen Gehilfen haben müßte, wenn er alt würde, und daß der kleine Karl ja doch sonst ganz allein spielen müßte. Als aber nun vollends am nächsten Sonntagabend auch unser kleiner Karl, der mit rührender Stille seit vierzehn Tagen gekämpft hatte, ohne einen Klageton von sich zu geben, sein freundliches kleines Haupt in den Tod neigte und ich mir von Ernstchen, der mich in den letzten Tagen nur ungern von seinem Bette ließ, Urlaub ausbat, bis Karlchen im Himmel sei, da rief er mit lauter Stimme und mit dem Ausdruck tiefer Sehnsucht: „Ich will auch mit, Papa!” „Wohin denn?” „Zu Friedemännchen und Elisabeth,” lautete die Antwort. Von da ab klang in mir aus der Seele des heimziehenden Sohnes das Wort Eliesers durch und behielt die Oberhand über alles natürliche Wünschen: „Haltet mich nicht auf, der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben,” und sein „viel besser” daheim sein bei dem Herrn, das er wiederholt mit großer Bestimmtheit ausgesprochen hatte, wurde auch im eigenen Herzen der überwiegende Wunsch für den geliebten Sohn.

Es ist ja freilich in gewissem Sinne richtig, was ein treuer Freund uns kürzlich aus Paris schrieb, daß der Herr die Kindlein krönt, ehe sie gestritten, insofern als der Kampf des Fleisches und des Geistes noch nicht zum rechten klaren Bewußtsein gekommen ist. Aber ohne Kampf geht es auch bei den Kleinen vor dem Sieg nicht ab.

Bei Friedrich und Elisabeth war der Streit zwischen Fleisch und Geist in ihren gesunden Tagen doch schon sehr deutlich erkennbar, und es hat ihnen manchen harten Strauß gekostet, Eigensinn und Selbstsucht niederzukämpfen. Es war uns aber eine Freude zu bemerken, daß gerade in den letzten Monaten solcher Kampf auch ohne Strafe meist schnell und siegreich ausgekämpft wurde, wozu doch der Geist der Gnade nötig ist.

Ernst aber vornehmlich hatte sein eigenes böses Herz recht viel zu schaffen gemacht, und es war bei ihm auch bereits zum Bewußtsein gekommen, was Sünde und was Gnade sei. Er kannte seine natürliche Selbstsucht wohl, und es war rührend zu sehen, wie er auf seinem Sterbebette in den letzten Tagen nichts wollte für sich aufgehoben haben, sondern auch die schönsten Sachen immer gleich zum Verschenken bestimmte und selbst sich eine besondere Freude daraus machte, das aufgehobene Zuckerwerk, Bücher, Bilder und andere Spielsachen auszuteilen. Es war uns aber doch auch dies tröstlich, daß der kleine Streiter seinen Weg zum Vaterhause nicht auf seine Gerechtigkeit hin wagen wollte. Als jemand äußerte, Friedrich sei immer so lieb gewesen und darum in den Himmel gekommen, da brachte dies Wort einen Mißton in ihm hervor, und er erinnerte daran, der kleine Bruder sei doch auch sehr eigensinnig gewesen. Von ganzem Herzen stimmte er ein, und ich sah, wie es ihn beruhigte, als ich zu ihm sagte: „Du weißt ja wohl, warum wir in den Himmel kommen, nämlich, weil der Heiland für uns gestorben ist und uns unsere Sünden vergeben hat.” Da nickte er mit tiefem Einverständnis. Jeden Sonntag lernte er bei seiner Mutter aus seiner Bibel einen Wochenspruch. Als — vor Weihnachten — Psalm 103, 1–3 an der Reihe war und die Mutter ihn fragte: „Was hat der Herr denn dir Gutes getan?”, da antwortete er ohne Besinnen: „Daß er für mich gestorben ist.” „Und was weiter, mein Sohn?” „Daß er mir alle meine Sünden vergeben hat.” So hatte er sich denn nach eigener Wahl unter seinen vielen Gebeten, die er auswendig konnte, für die letzte Zeit ganz feststehend das Gebetlein ausgewählt: „Christi Blut und Gerechtigkeit, — Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, — Damit will ich vor Gott besteh’n, — Wenn ich zum Himmel werd’ eingeh’n.” Nur ein einziges Mal, etwa acht Tage vor seinem Tode, hat er noch versucht, sein Lieblingsgebet, den 23. Psalm, zu beten, und hat es unter großer Anstrengung zu Ende gebracht. Von da ab blieb er aber bei dem erwähnten Sterbeseufzer, den er auch noch am letzten Abend vor seinem Todestage gebetet hat.

Eine eigentümliche sinnige Bitte hatte er noch kurz vor seinem Sterben. Da unser Pfarrhaus durch den Bahnbau neu aufgebaut werden mußte, so war bereits auf dem Hügel hinter der Kirche ein neuer Brunnen gegraben worden, aus dem bis dahin noch nie ein Mensch getrunken hatte. Mehrmals war Ernst selbst hinaufgewandert und hatte dem Brunnengraben zugesehen. Jetzt kam ihm plötzlich der sehnliche Wunsch, er möchte einen Trunk „frischen Wassers aus dem neuen Brunnen” haben. Und siehe, es war wirklich gar köstliches gutes Wasser, und es blieb „das frische Wasser aus dem neuen Brunnen” seine beste irdische Erquickung bis in den Tod. Anknüpfend an den guten irdischen Lebensquell konnte ich ihm von dem lauteren Strom des lebendigen Wassers erzählen, der klar wie Kristall im neuen Jerusalem unter Gottes Thron hervorquillt. Wie leuchteten da noch einmal seine schon matten Augen, und wie freute er sich auf die Stunde, da er auf den grünen Auen an den Ufern dieses kristallenen Stromes unter den Augen des guten Hirten mit seinen geliebten Geschwistern würde spielen dürfen!