Und die ersehnte Stunde kam ja auch endlich für ihn, den allein übriggebliebenen kleinen Leidträger. Die großen Schmerzen hatten ihn in den letzten drei Tagen verlassen, und er konnte mitunter stundenlang stille schlummern. Nur einigemal noch faltete er am letzten Tage stille seine Hände, doch so, daß es seine Eltern nicht sahen, und betete: „Ach, lieber Gott, hilf mir doch!” Gegen vier Uhr am Montagnachmittag hatte ich ihn auf seine Bitte in ein ganz neues Bettchen gelegt, das die Großmutter ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, das aber jetzt eben erst eingetroffen war. Das neue Bettchen war, wie das Wasser aus dem neuen Brunnen, ihm ein besonderer Gegenstand der Sehnsucht gewesen. Allein auch das neue Bett konnte ihm die Ruhe nicht geben, nach der er sich sehnte.
Die glückliche Stunde war da, wo er in seines Hirten Arm und Schoß gebettet werden sollte. Vater und Mutter waren noch einmal neben ihm niedergekniet und hatten das Schmerzenskind und sich dazu in die guten Hände gelegt, in denen man allein ewig wohl gebettet ist. Als er mich darauf in der Atemnot etwas bange ansah, sprach ich zu ihm: „Fürchte dich nicht, mein Sohn, der Herr hat dich erlöst, er hat dich bei deinem Namen gerufen, du bist sein.” Darauf schlummerte er ganz leise und ruhig ein, und während ich hinunterging, ihm aus dem Teich frische Eisstückchen zu holen, um sein Trinkwasser damit zu kühlen, und die Mutter allein bei ihm war, fuhr er plötzlich mit dem gleichen Husten, der Elisabethchens Todesstunde ankündigte, aus dem Schlafe auf, — er konnte nicht mehr aushusten, und seine Sinne waren sofort hinweggerückt. Er erkannte mich nicht mehr, seine großen, hellen Augen schauten leuchtend, so schien es uns, in eine andere Welt hinein, und sein in langen Leiden abgemagertes Antlitz wurde wiederholt während dieses letzten Kampfes ebenso schön und glänzend, wie das der andern sterbenden Kinder. Ich hatte die Hoffnung, daß er nun bereits nichts mehr vom Todeskelch zu schmecken hatte und daß die Stunde schon da war, von der Paul Gerhardt in seinem schönen Liede über seinen heimgegangenen Sohn singt: „Ach, sollt’ ich doch von ferne stehn — Und nur ein wenig hören, — Wenn deine Sinne sich erhöhn — Und Gottes Namen ehren, — Der heilig, heilig, heilig ist, — Durch den du auch geheiligt bist, — Ich weiß, ich würde müssen — Vor Freuden Tränen gießen.”
Es war uns so, als ob seine Sinne schon erhöht seien, als ob seine Augen herrlichere Dinge sähen, seine Ohren lieblichere Klänge vernähmen, als diese Welt sie bieten kann.
Wir legten abwechselnd das Haupt auf das Kissen des sterbenden Kindes, während ein lieber Hausgenosse uns mit kurzen Unterbrechungen die schönsten Lieder aus dem Gesangbuch und die köstlichsten Trostworte aus der Heiligen Schrift vorlas, z. B.: Röm. 5–8; Joh. 17; 2. Kor. 4, 17 bis 6, 10. Ich kann es nicht aussprechen, wie sehr uns die letzten bangen Stunden durch die wunderbare Kraft des Wortes Gottes abgekürzt und erleichtert wurden. Er hatte gerade Offenb. Joh. 7 zu Ende gelesen: „Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten” und wollte eben Offenb. Joh. 21, vom himmlischen Jerusalem, beginnen — da war’s vollbracht, und wir durften dem letzten geliebten Kinde die brechenden Augen zudrücken. Es war elf Uhr nachts am 25. Januar.
Drei Tage darnach standen zwei Särge nebeneinander an der Stelle, wo die beiden ersten gestanden hatten, mitten im Winter über und über mit grünen Kränzen behangen, aus der Ferne und Nähe von liebenden Händen gespendet. „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, — Wollt’ Gott, ich wär’ in dir! — Mein sehnend Herz so groß’ Verlangen hat — Und ist nicht mehr bei mir!” — wurde angestimmt und klang uns tiefer aus dem Herzen als wohl je bisher. Und: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben,” dies von Pastor von Velsen mit wärmster Liebe uns ins Herz geworfene Wort mußte fester als je von uns ergriffen und zu dem letzten Wege zum Friedhofe mit den beiden letzten Kindern festgehalten werden.
Der kleine Karl, an dem Ernstchen mit besonders zärtlicher Liebe gehangen, durfte nun noch im Grabe neben ihm ruhen, sein kleiner Sarg wurde dicht an den Ernstchens gerückt. Da liegt nun die liebe Schar auf dem schönen Friedhof zu Dellwig, dicht neben dem Grabe meines treuen Kollegen, den wir hier auch zwischen drei seiner Kleinen gebettet, und wartet der fröhlichen Stunde der Auferstehung, Ernst und Elisabeth in der Mitte, Friedrich an Elisabeths, Karl an Ernstchens Seite.
„Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und der Seele, die nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstlich Ding, daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte. Denn der Herr verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.” Klagel. Jer. 3. Mit diesem köstlichen Wort half uns der liebe Pastor Philipps von den teuren Gräbern in unser nun vereinsamtes Haus zurückkehren.”
Damit schließt der Bericht des Vaters. Der Mutter fingen seit der Zeit die Haare an auszufallen, und noch nach einem Jahre zitterte ihre Hand beim Schreiben. Oft stand sie schluchzend an den Gräbern, und ihren Mann sah man eines Tages mit einem Brett und vier Pfählen zum Kirchhof gehen, um an der stillen Stelle, wo die vier Gräber lagen, eine kleine Bank zu machen, damit er dort mit der Mutter zugleich nachdenken könne, was Gott ihnen durch solches Leid sagen wollte. Die geheimnisvolle Tiefe ihres Schmerzes ließ sie neue, ungeahnte Blicke tun in die Geheimnisse Gottes. „Damals,” so sagte Bodelschwingh später einem trauernden Vater, „als unsere vier Kinder gestorben waren, merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.”
Nicht nur als eine Heimsuchung, sondern als ein Gericht empfanden beide Eltern den Schlag, der auf sie gefallen war. Und weil sie sich so tief demütigen konnten, konnte Gott sie auch erhöhen. Darum wurden die letzten Jahre in Dellwig die schönsten. Und als die tiefste Erfahrung, nicht nur aus den schmerzlichen Niederlagen, die ihnen das harte Märker Herz bereitete, sondern vor allem aus diesem Sterben ihrer heißgeliebten Kinder nahmen beide die Gewißheit in ihr ferneres Leben hinein: „Wenn du mich demütigst, machst du mich groß.”