Vier Monate später mußte Bodelschwingh auch seiner geliebten 76 jährigen Mutter den Todesschweiß von der Stirn wischen. In zunehmender körperlicher Schwäche, aber auch in zunehmender Heiterkeit des Glaubens war sie durch die letzten Jahre ihres Lebens gegangen. Jedem, der in ihre Nähe kam, welcher Richtung er auch angehörte, pflegte sie mit größtem selbstverständlichem Vertrauen zu begegnen, ohne ihn irgend welchen Unterschied merken zu lassen. Das war der Weg, auf dem sie aller Zuneigung gewann und auf dem sich manches Herz ihr erschloß, dem sie dann aus der Welt des Unglaubens in die Welt des Glaubens helfen konnte.
In Dillenburg, wo sie bei den verwaisten Kindern ihrer Tochter Sophie und ihrem einsamen Schwiegersohn weilte, schlug ihre letzte Stunde, auf die sie sich mit großer Sorgfalt und Demut vorbereitet hatte. „Dennoch bleibe ich stets an dir. Ob mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil” waren die letzten Worte, die der Sohn von den sterbenden Lippen seiner Mutter hörte und mit denen er in seine beiden letzten Arbeitsjahre in Dellwig zurückkehrte. Dann kam der Ruf nach Bielefeld.
[II.]
1872–1910.
Bethel.
Die übernommene Arbeit und ihre Entwicklung.
Die neue Heimat.
Wie zwei gewaltige ins Meer hinausgebaute Dämme schieben sich das Wiehengebirge und der Teutoburger Wald in das niederdeutsche Land hinein. Still legt sich die weite, unermeßliche Ebene gleich dem Meer, das sich nach dem Sturme zur Ruhe begeben hat, an den Fuß der beiden Gebirgszüge. Das Land aber dazwischen sieht anders aus. Es ist, wie wenn das Meer plötzlich mitten in seiner Bewegung zum Stillstand gekommen wäre. Wellenberge und Wellentäler folgen aufeinander. Durch tiefe Wiesengründe rieseln die Bäche, fruchtbare Äcker wechseln ab mit waldigen Hügeln, und oben auf den Höhen recken die Windmühlen ihre langen Arme aus. Das ist das alte Sachsenland, die Heimat Hermanns, des Cheruskers, und Wittekinds, des Sachsenherzogs.
Als Tacitus vor 2000 Jahren seine Germania schrieb, sagte er von dem Bewohner des Landes: „Wo irgend ein Hain, eine Quelle, eine Wiese ihm wohlgefällt, da schlägt er seine Hütte auf.” Vielleicht nirgends sonst im Vaterlande findet sich ein Landstrich, für den bis heute die Beschreibung des römischen Geschichtsschreibers in solchem Maße paßt wie für das Land zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge. Manches Gehöft des Landes freilich ist im Laufe der Jahrhunderte zum Dorf geworden, manches Dorf zur Stadt. Aber die meisten Häuser liegen noch heute vereinzelt, hin und her durchs Land gestreut, im Kranze ihrer Obstbäume und im Schatten der alten Eichen. Wer des Nachts von den Höhen ins Land hinunterblickt, sieht weit und breit die einzelnen kleinen Lichter der einsamen Häuser und Gehöfte aufglänzen, als wenn sich die Sterne des Himmels auf der Erde spiegelten.