Dieses Sachsenland zwischen dem Teutoburger Wald und dem Wesergebirge, das sich heute zusammensetzt aus dem ehemaligen Fürstentum Minden, der alten Grafschaft Ravensberg, dem früheren Fürstentum Lippe-Detmold und Teilen des hannoverschen Landes, ist von alter Zeit her die Heimat der Spinner und Weber gewesen. Vor 50 Jahren noch pflegte das Kind des Ravensberger Landes seinen Weg zur Schule nicht eher anzutreten, als bis es in früher Morgenstunde das vorgeschriebene Teil Garn gesponnen hatte, und bis spät in die Nacht summten die Spinnräder und klapperten die Webstühle. Der Mittelpunkt der Leinenindustrie aber war die alte Stadt Bielefeld. Auf der Sparenburg, die mit ihren vier vorgeschobenen Bastionen wie eine schützende Löwin über Bielefeld Wache hält, haben die Grafen und Kurfürsten von Hohenzollern je und dann residiert, und sein „Spinn- und Webeländchen” war ein besonderes Lieblingskind des Großen Kurfürsten und seiner Gemahlin Luise Henriette gewesen.

In der Gegend von Bielefeld spaltet sich der Teutoburger Wald in vier parallel laufende Höhenrücken, die durch drei freundliche Waldtäler voneinander getrennt werden. In dem ersten dieser Täler, hart vor den Toren der Stadt, stand im Jahre 1867 ein Bauernhof zum Verkauf. Ein kleines Komitee, dem die Not der Epileptischen im Vaterlande auf die Seele gefallen war, erwarb den Hof. Am 14. und 15. Oktober 1867 zogen hier die ersten fünf epileptischen Kranken ein. Zwei Jahre später entstand durch die Arbeit eines zweiten Komitees in Bielefeld selbst ein kleines Diakonissenhaus. Für diese beiden Anstalten wurde Vater zum Leiter berufen.

Am 23. Januar 1872 kamen die Eltern von Dellwig nach Bielefeld. An der Detmolder Straße war für sie eine Wohnung gemietet worden, und in dem Garten, der das Haus umgab, pflanzte Vater die Obstbäume, die er aus dem Pfarrgarten von Dellwig mitgenommen hatte. An der andern Seite der Straße lag das Grundstück, auf dem das neue Diakonissenhaus gebaut werden sollte, das seit seiner Gründung im Jahre 1869 eine vorläufige Unterkunft in dem alten Marienstift, dicht an der Neustädter Kirche, gefunden hatte.

Die Pocken, die mit dem Krieg 1870/71 auch in Bielefeld ausgebrochen waren, waren noch nicht erloschen, und auf dem Grundstück, welches für den Neubau des Diakonissenhauses bestimmt war, standen die hölzernen Baracken, in welchen von einer Schwester des jungen Diakonissenhauses die Pockenkranken gepflegt wurden. Eine der Schwestern, die damals dort arbeitete, hat noch in ihrem hohen Alter erzählt, welch tiefen Eindruck auf sie und alle Insassen des Hauses die Unbekümmertheit und Seelenheiterkeit gemacht habe, mit der der neue Diakonissenpastor sich unter den Pockenkranken bewegte und ihnen Zuspruch brachte.

Das für das neue Diakonissenhaus bestimmte Grundstück hatte eine auserlesene Lage. Es zog sich an dem Hang des Höhenrückens hinauf, auf dessen Vorsprung die alte Sparenburg lag. Je höher man stieg, je freier dehnte sich unter dem Auge des Beschauers Stadt und Land.

Dennoch sollte der Bau des Diakonissenhauses an dieser Stelle nicht zur Ausführung kommen. Mit dem ersten Blick übersah der neue Vorsteher, daß sich mit dem Festhalten an diesem Grundstück eine falsche Entwicklung anbahnen würde, und griff sofort entschieden ein. So schön auch die Lage des Platzes war, er neigte sich gegen Norden und hätte Kranken und Gesunden für immer zu wenig Sonne gebracht. Dazu kam ein anderes. An der andern Seite des Sparenbergrückens, tief unten im Tal des Kantensieks, war, wie oben gesagt, zwei Jahre früher als das Diakonissenhaus jener alte Bauernhof Eben-Ezer gekauft worden, der für Deutschland die erste selbständige Heimat der Epileptischen geworden war. Wohl hatte jede Anstalt ihren Vorstand für sich, aber die Mitglieder des einen Vorstandes waren vielfach auch die Mitglieder des andern. Darum drang Vater darauf, auch die Anstalten selbst räumlich so nah als möglich miteinander zu vereinigen. Das alte Eben-Ezer unten im Tal hatte längst nicht mehr der wachsenden Zahl der Kranken genügt. Dreihundert Meter oberhalb, am Rande des Buchenwaldes, mit dem Blick nach Südwesten, war ein großer Neubau für die Epileptischen entstanden, der den Namen Bethel führen sollte. Zwischen Bethel und Eben-Ezer aber lag ein unbebautes Gelände, das nun auf Vaters Rat zum Neubau des Diakonissenhauses und des Pfarrhauses bestimmt wurde. So wurden die Anstalt für Epileptische und das junge Diakonissenhaus aufs engste miteinander verbunden. Im Herbst 1873 mußten die Dellwiger Obstbäume noch einmal ihre Heimat wechseln, und mit dem vierjährigen Wilhelm und dem einjährigen Gustav, der von der treuen Magd Friederike im Kinderwagen gefahren wurde, zogen die Eltern über den Sparenberg hinüber in das neue Pfarrhaus am Jägerbrink, in welchem Anfang 1874 auch die kleine Frieda ihren Einzug hielt und drei Jahre später der jüngste des Geschwisterkreises, Friedrich.

Einzelne Bilder tauchen aus dieser ersten Kinderzeit noch ganz deutlich vor der Erinnerung auf. In der Schlafstube, die wir Kinder bis zu unserm sechsten oder siebenten Jahr mit den Eltern teilten, stand mein Bett unter der alten runden Wanduhr, die Vater eigenhändig alle drei Wochen aufzuziehen pflegte. Die Wände meiner kleinen Bettstelle bestanden aus einem Holzgitter, sodaß ich zwischen den Stäben durch beobachten konnte, was in der Stube vorging. Meist schliefen wir Kleinen ruhig weiter, während die Eltern sich erhoben. Aber wenn ich einmal zeitiger als sonst erwachte, war es ein unermeßliches Vergnügen, den Vater zu beobachten. Er war bis auf Rock und Weste bereits angekleidet, aber er hatte den Hemdkragen zurückgeschlagen und rieb sich mit dem angefeuchteten Ende eines rauhen Handtuches den Hinterkopf und Nacken. Dabei ging er an der Längsseite des Schlafzimmers zwischen seinem Waschtisch und der Stubentür auf und ab, ab und auf. Von Zeit zu Zeit blieb er vor seinem Waschtisch stehen, tauchte das Handtuch aufs neue ein und nahm dann seinen Weg wiederum auf, immer den Nacken reibend. Auf dem Rückweg von der Tür zum Waschtisch konnte ich Vaters kräftigen Nacken beobachten, der unter dem Reiben natürlich immer roter und roter wurde; aber noch viel mehr interessierte mich sein Gesicht, in das ich unmittelbar hineinsah, wenn er vom Waschtisch zur Tür ging. Er sah mich nicht, obwohl ich mit weitgeöffneten Augen gerade durch das Gitter hindurchguckte. Vielmehr war sein Auge in die Ferne gerichtet auf Menschen und Dinge, mit denen seine Gedanken beschäftigt waren. Dabei pflegte er, ihm selbst unbewußt, seinen Gedanken in kurzen, abgebrochenen Selbstgesprächen Luft zu machen. Alle Töne, von den kräftigsten bis zu den zartesten, kamen dabei zum Ausdruck. Bisweilen kam es freilich auch vor, daß sein Auge aus der Ferne zurückkehrte in die Nähe und meinem geöffneten Auge begegnete. Dann trat er wohl an mein Bett, strich mit seiner großen, weichen Hand über meine Stirn und sagte: „Mein herzgeliebtes Kind,” — mehr nicht, aber es war genug, um mich bis ins Innerste zu beglücken.

Waren wir Kinder fertig angezogen, so pflegte die Mutter durch ein kleines Sprachrohr, welches von der Schlafstube nach oben in Vaters Arbeitszimmer führte, den Vater zur Andacht zu rufen. Dann kam regelmäßig das Kleinste von uns, soweit es sich schon an der Andacht beteiligen konnte, auf Vaters Schoß; die Mutter saß am Harmonium, und Vater sagte in ganz kurzen Sätzen das Lied vor, sodaß auch die Kleinsten sich schon an dem Gesang beteiligen konnten und wir so unbemerkt allmählich einen großen Teil des Gesangbuches auswendig lernten.

Zwischen dem Singen trank Vater immer wieder einen kleinen Schluck aus dem Glas ganz frisch gepumpten Wassers, das vor ihm stand, — eine Gewohnheit, die er bis an sein Lebensende beibehielt und der er wahrscheinlich seinen gesunden Magen verdankte, der ihm nie den Dienst versagte. Nach dem Gesang kam der Bogatzky, ein Andachtsbuch, das schon in den Elternhäusern von Vater und Mutter viel gebraucht worden war. Uns Kindern blieb es, bis wir erwachsen waren, fast unverständlich, und doch bot es auch uns Erbauung genug, weil wir merkten, mit welch tiefer Andacht Vater und Mutter aus dem Wort dieses gründlichen Schrift- und Seelenkenners ihre Stärkung für die Arbeit des Tages nahmen.

Von den Gebeten, mit denen Vater die Andacht schloß, ist mir eins in besonderer Erinnerung geblieben. Der kleine Kanarienvogel, der uns aus dem Hause an der Detmolder Straße in die neue Heimat begleitet hatte, lag am Morgen tot in seinem Bauer. Er war verdurstet. Unser ältester Bruder, dem die Pflege des kleinen Tieres anvertraut war, hatte ihn vergessen. Nichts von Schelten oder Strafen. Aber in dem Gebet, das sich an den Bogatzky anschloß, brachte Vater die Sache vor Gott. Es ging durch Mark und Bein, wie er um Vergebung bat und um Treue. Und wer unsern nun auch schon dem Vater in die Ewigkeit nachgefolgten Bruder Wilhelm gekannt hat, weiß, in welchem Maß dieses Gebet erhört worden ist. Er wurde die wandelnde Treue selber. Nie vergaß er etwas, weder Dinge noch Menschen. Was ihm anvertraut war, für das stand er ein; und wenn es auch bisweilen schien, als hätte er etwas vergessen oder versäumt, er holte es nachher mit doppelter Treue nach.