Ein andermal kam es freilich doch zu einer Strafe. Diesmal war ich der Attentäter. Worum es sich handelte, besinne ich mich nicht mehr gewiß, doch muß es ein gröblicher, bewußter Ungehorsam gegen ein ausdrückliches Gebot der Mutter gewesen sein. Denn das weiß ich noch, daß die Angelegenheit, die eigentlich lediglich die Mutter und mich anging, von der Mutter dem Vater übergeben wurde. Auch weiß ich noch heute genau die Stelle in der Schlafstube, in der sich das Strafgericht vollzog. Unsagbare Gefühle der Scham und Reue beschlichen mich, als mein heißgeliebter Vater, der so viel Wichtigeres zu tun hatte, meinen Kopf zwischen seine Knie nahm und mit einer Glut und Milde zugleich schlug, daß Leib und Seele einheitlich erschüttert wurden. Es war das erste und das letzte Mal, daß ich meinen Vater in dieser Weise bemüht habe.

Vor dem Einschlafen pflegte Vater regelmäßig laut mit der Mutter zu beten. Das erlebten wir Kinder natürlich nur selten, da wir meist schon längst in festem Schlummer lagen. Aber einige Male habe ich es doch erlebt. Das war dann jedesmal das Größte und Tiefste, das ich mir denken konnte. Noch mehr als in der gemeinsamen Andacht mit allen Hausgenossen quoll jetzt das Herz des Vaters über in Dank und Fürbitte. Mit Namen wurde jedes einzelne Kind genannt und der Bewahrung und dem Segen des Heilandes empfohlen. Er hatte wenig Zeit für uns übrig, unser geliebter Vater, er strafte nur im äußersten Notfall, er schalt, soweit ich mich besinnen kann, nie; aber er betete für uns.

Das Mutterhaus.

Unser Haus lag im Schatten des Mutterhauses. Denn so wurde das Diakonissenhaus Sarepta stets von Vater genannt. Er hatte den Bau vom ersten Augenblick an überwacht. Um Kosten zu sparen, hatte er aus dem nahen Lipper Land einen bewährten Ziegler kommen lassen, der mit einigen Gehilfen den Ton, der für die Fundamente ausgehoben wurde, an Ort und Stelle zu Ziegeln verarbeitete und die Ziegel gleich unterhalb der Baustelle in einem Feldziegelofen brannte. Auch der Plan des Hauses stammte in seinen Grundgedanken, soweit ich mich besinne, von Vater. „Es ist kein Winkel im Haus,” sagte er gelegentlich, „den ich nicht selbst nachgemessen habe.”

Wenn es möglich ist, das wahrhaft Mütterliche durch Steine und Holz in einem Bau darzustellen, so war es bei dem Bau des Mutterhauses gelungen. Schon die beiden Flügel des Hauses, die nach dem Walde zu lagen, waren wie die weit ausgebreiteten Arme einer Mutter, und wenn wir Kinder über die frei vorspringende Treppe ins Innere traten, so umwehte uns ein unbeschreiblich wohltätiges Gefühl mütterlicher Behaglichkeit. Die Gänge, die nach der schattigen Waldseite zu lagen, waren in ein trauliches Dämmerlicht gehüllt. Um die Kranken- und Schwesternzimmer aber lief den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend die Sonne. Und im Winter sorgten schlichte gelbe Kachelöfen, die nur des Morgens angeheizt zu werden brauchten und den ganzen Tag durchhielten, für die behaglichste Wärme.

Für alles war in diesem mütterlichen Bau Raum, für die kleinen Säuglingskinder, die die Gemeindeschwestern von den verschiedenen Stationen mitbrachten, für die größeren Kinder, kranke oder gesunde, für erwachsene Kranke, mit welcher Krankheit sie auch behaftet waren, für die jungen Schwestern, die lernten, für die erholungsbedürftigen Schwestern, die eine Zeitlang ausruhten, für die Apotheke, die Küche, die Waschküche und die Bäckerei, und für wer weiß was sonst noch.

Das Herz des Baues aber war die kleine Kapelle, die den Mittelpunkt des Hauses bildete. Hierhin nahmen die Gänge, die Treppen, die Säle ihre Richtung, und zwei Brücken, die vom Walde aus über den tiefen Talweg in den ersten Stock des Hauses führten, sorgten dafür, daß auch von auswärts jedermann zu Fuß oder im Rollstuhl mit Leichtigkeit die Kapelle erreichen konnte. Sie lief durch zwei Stockwerke, und ihre Fenster, unten und oben, gingen nicht nur nach draußen, sondern auch in die anliegenden Krankensäle, sodaß die Kranken von ihren Betten aus dem Gottesdienst beiwohnen und durch die geöffneten Fenster die Predigt hören konnten.

Die wachsende Zahl der Schwestern, der Kranken und übrigen Anstaltsbewohner brachte es mit sich, daß allmählich eine Station nach der andern aus dem Mutterhause verlegt wurde, bis schließlich auch die alte, liebe Kapelle einem Neubau Platz machen mußte. Aber für die ersten Anfänge einer Diakonissenarbeit wird der alte Bau von Sarepta immer vorbildlich sein.

Der Entschluß des Vaters, das Diakonissenhaus so eng wie möglich mit der jungen Anstalt für Epileptische zu verbinden, zeigte sich von großer Bedeutung für die Ausbildung der Schwestern. Denn nun ergab es sich von selbst, daß auch die jungen Schwestern schon bald in die Pflege der Epileptischen eintraten, ja, daß manche von ihnen von vornherein ihren Beruf in einem der Häuser für Epileptische begannen.

Unter allen Kranken sind aber Epileptische am schwersten zu pflegen. Die Plötzlichkeit der Anfälle und die unberechenbaren Stimmungen der Epileptischen auf der einen Seite und dazu die Geistesgegenwart und körperliche Gewandtheit, die gerade während des Ausbruches des Anfalles von seiten des Pflegers nötig sind, erfordern die größte Anspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte. Auch die Nacht bringt keine Ruhe. Denn in jener ersten, man möchte sagen, herben Zeit war es Sitte, daß die Pflegekräfte, die den ganzen Tag über den Dienst an den Kranken getan hatten, auch des Nachts auf den Krankensälen schliefen und sich oft mehrere Male durch die Anfälle der Kranken aus dem Schlaf reißen lassen mußten.