So wurden gerade durch den Dienst an den Epileptischen die Kräfte der Aufopferung auf die höchste Probe gestellt, und die Lauterkeit der Gesinnung fand hier ihre tiefste Bewährung. Unter den Diakonissen habe ich immer gern das Gesicht einer Schwester gesucht, der von einer Kranken das Ohrläppchen abgebissen war, und die Stille und Gelassenheit, die über diesem Gesicht lag, tat in der Seele wohl.
Eine Schwester, die sich im Dienste an den Epileptischen bewährt hatte, konnte der Regel nach auf jedem andern Arbeitsplatz gebraucht werden, sei es in einer Kleinkinderschule, einer Gemeindepflege oder einem der vielen Krankenhäuser, die in rasch wachsendem Maße die Hilfe des jungen Mutterhauses begehrten. Es war damals, nach dem Kriege 1870/71, die Zeit, in welcher die rheinisch-westfälische Kohlen- und Eisenindustrie sich immer gewaltiger ausdehnte. Kleine Siedlungen wurden zu Dörfern, Dörfer zu Städten, Städte zu Großstädten; und das Mutterhaus Kaiserswerth, das bis dahin dort allein die Arbeit getrieben hatte, rief immer lauter die junge Tochteranstalt Sarepta zu Hilfe.
Hilferufe aber waren allezeit des Vaters Lust. Je größer das Gedränge der Hilfesuchenden wuchs, je höher stieg sein Glaube, je glühender wurde seine Liebe, je munterer eilte sein Schritt, je dringender wurde sein Wort. Hatte er des Morgens in der kleinen Sareptakapelle gepredigt, so ging es oft des Nachmittags hinaus, zu Fuß, zu Wagen oder auch mit der Eisenbahn, um in Stadt und Land für den Dienst an den Kranken, Kindern und Notleidenden zu werben.
Oft haben wir Kinder mit der Mutter zugleich ihn auf seinen Wegen begleitet. Dann saß er mit fest zugekniffenen Augen neben dem Kutscher auf dem Bock, in seinen Text vertieft. Ging es bergauf, so sprang er ab und eilte dem Wagen voraus, wir Kinder hinter ihm her. Nur die Mutter behielt das Recht, im Wagen zu bleiben. Wenn dann Vater bei der Feier das Wort ergriff, konnte man herzandringender niemand sprechen hören. Handgreiflich malte er den Heiland vor Augen, wie er in den armen blöden Kindern, den elenden epileptischen Knaben, den verstümmelten Bergmännern des Industriegebietes oder in einsame Bettler verkleidet den Dienst seiner Christenheit begehrte. So stellte sich eine Kraft nach der andern ein, die vornehme Bauerntochter und das geringe Mädchen aus dem Heuerlingshause, und auch solche, die höhere Schulen besucht hatten, mischten sich darunter. Oft kamen unmittelbar im Anschluß an eine Predigt des Vaters die Meldungen zum Dienst. Einmal waren es sieben junge Mädchen zu gleicher Zeit, die alle kamen und alle blieben.
Das Kind sieht nicht die Schatten. Sie haben gewiß auch dem jungen Mutterhause Sarepta damals nicht gefehlt. Ich aber sah nur einen Strom hilfsbereiter, sterbenswilliger mütterlicher Liebe sich aus dem Mutterhause in das Land ergießen.
Wie schnell aber kamen manche der Schwestern, die gesund aus dem Mutterhause ausgezogen waren, todkrank zurück! Namentlich solche, die sich bei einer Privatpflege am Typhus angesteckt hatten. Ohne daß wir Kinder es uns untereinander gestanden, schnitten uns die vielen und tödlichen Erkrankungen der Schwestern immer wieder ins Herz, und wir konnten es nicht verstehen, daß Vater die Schwestern nicht ernstlicher schonte. Aber er hatte längst aufgehört, den Wert des Menschenlebens nach der Zahl der Jahre zu berechnen. Ihm waren die kranken Tage einer Schwester noch wichtiger als die gesunden, und zu den sterbenden Schwestern ging er am liebsten mit einem Blumenstrauße in der Hand wie ein Gratulant; denn „das liebe letzte Stündlein war gekommen”.
Aber den Sieg des Sterbenden über den Tod konnte er nur darum feiern, weil er mit unermüdlicher Treue den Sieg des Lebenden über sein eigenes Leben lebte und lehrte. Regelmäßig zweimal die Woche gab er den Schwestern Stunde. Nur im äußersten Notfalle ließ er solch eine Stunde ausfallen, und ich sehe immer noch, wie er, wenn wir am Kaffeetisch oder beim Abendbrot saßen, von Zeit zu Zeit seinen Kopf zur Uhr wandte, um genau auf die Minute zur Schwesternstunde aufzubrechen. Eine eigentliche Unterrichtsstunde war es nicht. „Ich bin kein Lehrmeister”, sagte er öfter in richtiger Erkenntnis der ihm gesetzten Schranken. Darum überließ er allen übrigen Unterricht der Schwestern desto umfassender andern geschulten Kräften. Sein eigener Unterricht war im Grunde eine durch kurze Fragen und Antworten unterbrochene Erbauungsstunde, in der er in die Schrift und in das kirchliche Leben einführte und von da aus die Linien zog für die Aufgaben des Christen und die besondere Aufgabe des Schwesternberufes. Der Grundton der Stunde blieb immer das eine Thema: Seel’ und Leben, Leib und Glieder, — Alles gibst du für mich hin; — Sollt’ ich dir nicht geben wieder — Alles, was ich hab’ und bin? Ich bin deine ganz alleine, — Dir verschreib’ ich Herz und Sinn.
Den jüngeren Schwestern gab er regelmäßig von einer Stunde zur andern einige Verse eines Kirchenliedes oder auch Bibelsprüche auf. Er hörte das Gelernte ab, doch ängstete er nie, wenn es nicht gekonnt wurde, sondern ermunterte immer wieder. „Zwang”, sagte er einmal, „ohne innere Nötigung richtet Zorn an; aber Ermunterung macht fröhliche Leute.”
Etwas anders hielt er es bei den Kinderschwestern. Diesen, die in den Kleinkinderschulen rings um Bielefeld arbeiteten, gab er Freitagnachmittags eine besondere Stunde. Nach einem bestimmten Lehrplan wurde in den Kinderschulen die Woche über eine Geschichte des Alten oder Neuen Testamentes behandelt, und diese Geschichte wurde in der Freitagsstunde von Vater mit seinen Schwestern durchgenommen. Hier hielt er darauf, daß die Schwestern die Geschichte auswendig wußten. So wie sie da stand, in ihrer ursprünglichen Kraft und Frische, sollte sie zunächst auch den Kindern erzählt werden, und erst dann erlaubte er, die einzelnen Teile der Geschichte auszumalen und Zug um Zug dem kindlichen Gemüt und Verständnis nahezubringen.
Alle vier Wochen hielt er am Sonntagnachmittag den Schwestern einen besonderen Schwesterntag, zu dem außer unserer Mutter niemand zugelassen wurde. Und den Schwestern auf den auswärtigen Stationen schrieb er zu diesem Tage einen Brief. Auf diesen Brief, der vervielfältigt und jeder einzelnen Schwester zugeschickt wurde, bereitete er sich immer mit besonderer Sorgfalt vor. Durch drei oder vier Fragen wurde jeder Brief eingeleitet. Die Antwort auf diese Fragen sollte jede Schwester selbständig aus der Schrift, dem Gesangbuch und der eigenen Erfahrung suchen. Dabei wünschte Vater, daß jede Schwester diese Fragen in einem vertraulichen Brief beantwortete.