Seelsorgerliche Briefe an einzelne Schwestern schrieb er selten oder nie. Aber er besuchte die Schwestern, sooft er nur konnte. Dabei galt der Besuch nicht nur den Schwestern, sondern immer zugleich auch den Kranken, an denen die Schwestern arbeiteten.

Die Stationen des Mutterhauses waren allmählich in die Weite gewachsen. In der großen Krankenanstalt von Bremen, in der Universitätsklinik und in der Charité von Berlin, in dem deutschen Hospital von London, in Paris und Metz, in Frankfurt, in Nizza, in Davos standen die Schwestern in der Arbeit, dazu vor allem an vielen kleinen und großen Arbeitsplätzen der westfälischen Heimat. Kam er auf eine Station, so galt sein erster Weg immer den Elendesten und Sterbenden. Sie zu erquicken und aufzurichten, war ja zugleich die wesentlichste Hilfe, die er den Schwestern in ihrem oft mühsamen Dienst bringen konnte.

In der Charité von Berlin hatten die Schwestern die Station der Kranken, die das Straßen- und Nachtleben an Leib und Seele verdorben hatte. Unvergleichlich, unvergeßlich waren der Ernst, die Milde und die suchende Liebe, womit er zu diesen Kranken sprach, teils zu den einzelnen, teils auch zu dem ganzen Saale. Daraus gewannen dann zugleich auch die Schwestern neue Kraft und Freudigkeit für ihren sauren Dienst.

Waren die Kranken besucht, so versammelte er den Schwesternkreis. „Habt ihr Frieden untereinander?” lautete immer wieder seine Frage, auf die er keine Antwort erwartete, die er aber desto ernster auf die Gewissen legte. Dann sprach er die einzelnen.

Ganz einsam stehende Schwestern, die nur unter großem Aufwand von Zeit zu erreichen waren, bestellte er mit einer Postkarte auf irgend eine Station der Bahnstrecke, nahm sie ein Stück Weges im Zuge mit und ließ sie dann auf ihren Posten zurückkehren. Unserer Mutter schrieb er von solchen Reisen immer kurze Grüße, ließ sie auch nie vergeblich warten. Konnte er es nicht anders einrichten, als nachts nach Hause zu kommen, dann telegraphierte er: „Schlüssel heraus”. So wußte die Mutter: „Er kommt”, und legte den Hausschlüssel an eine verabredete Stelle vor dem Fenster. Am Morgen aber durften wir Kinder seine kleine schwarze lederne Reisetasche auspacken, in der regelmäßig für jedes von uns ein kleines Mitbringsel steckte, das selten mehr als einen Groschen kostete, aber darum doch jedesmal die größte Freude erweckte.

Für alle Häuser, in denen Schwestern arbeiteten, erwartete er von den Vorständen zweierlei: einmal, daß von den Kranken nicht Karten gespielt wurde, und dann, daß die Schwestern die Freiheit hatten, in den Sälen der Kranken und auch an den einzelnen Krankenbetten eine kurze Andacht zu halten. Den Schwestern im Londoner Hospital, in welchem Protestanten, Katholiken und Juden durcheinander lagen, stellte er ein besonderes Andachtsbuch zusammen, für alle drei Glaubensrichtungen passend.

Freie Ansprachen der Schwestern und freie Gebete erwartete er nicht. Er widersprach und widerriet dem im einzelnen Falle nicht, aber die keusche Zurückhaltung der Frau auf diesem Gebiet war ihm lieb.

Wenig Wort’ und viele Kraft
Und ein stilles, sanftes Wesen,
Mehr im Wandel als im Wort,
Sei zu ihrem Schmuck erlesen.

Selten kam es vor, daß er Schwestern des Mutterhauses ihren Vorständen gegenüber in Schutz nehmen mußte. War es dennoch nötig, dann tat er es mit der ganzen Ritterlichkeit seines Wesens. Mit einer hochgestellten Dame, die ein kleines Pflegehaus unterhielt, es aber an der körperlichen Versorgung der Kranken und der Schwestern mangeln ließ, brach er nach einigen vergeblichen Verhandlungen vollständig und ließ ihre Briefe unbeantwortet. Die Schwestern, die unter Professor von Bergmann in der Berliner Universitätsklinik arbeiteten, zog er zurück, weil ihm die natürlichen Empfindungen der Schwestern während mancher der öffentlichen Operationen in Gegenwart der Studenten nicht genügend geschützt schienen. Die Trennung von dem von ihm hochverehrten Professor von Bergmann war ihm tief schmerzlich, aber er blieb fest. Die Vorwürfe, die von dem leitenden Arzt einer großen Krankenanstalt öffentlich gegen die Schwestern erhoben worden waren, entkräftete er bis zu ihrem letzten Austrag, der in die Entlassung des Arztes auslief.