Im allgemeinen aber erwartete er von den Schwestern, daß sie sich auch in schwierige und schwierigste Verhältnisse geduldig schickten; wie er denn auch umgekehrt erwartete, daß man mit den Schwachheiten, Schranken und Fehlern der Schwestern Geduld habe. Dabei blieb es nicht aus, daß er das gleiche Maß von Geduld, das er selbst an einzelne Schwestern gewandt hatte, auch von andern erwartete. Aber was er tragen konnte, konnten doch keineswegs immer auch andere tragen. Hier hat er bisweilen dem Kreise der Schwestern, die eine ungeeignete Mitarbeiterin in ihrer Mitte hatten, fast zu schwere Lasten aufgelegt dadurch, daß er immer wieder die Ablösung eines solchen störenden Elementes hinausschob. Wurde er aber belehrt und überzeugt, dann griff er streng durch. Das tat er namentlich auch in den Fällen, wo er das innerste Leben einer Schwester an dem Platz, wo sie stand, gefährdet glaubte. Dann mochte der betreffende Vorstand, der unter Umständen mit der Schwester, um die es sich handelte, in höchstem Maße zufrieden war, alle Mittel anwenden, die Schwester zu halten, — Vater blieb unerbittlich. Er löste sie ab.

Der Mittwoch wurde schon frühzeitig für uns Kinder ein besonderer Festtag. Denn da war am Nachmittag eine sogenannte „Lehrprobe”, die bald in dieser, bald in jener Kleinkinderschule in und um Bielefeld von Vater gehalten wurde und zu der er uns bisweilen mitnahm. Dann waren alle Kleinkinderschul-Schwestern und ihre Gehilfinnen versammelt. Die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren saßen auf ihren Bänkchen, die kleinsten vornan, und nun pflegte Vater eins der Kleinen an die Hand zu nehmen, damit es sich unter der Schar der Kinderschwestern eine aussuchte, die die biblische Geschichte erzählen sollte. Alles Sträuben half dann nichts; die von dem Kinde Gewählte mußte heran und die Geschichte, die am Freitag vorher in der Vorbereitungsstunde durchgesprochen war, behandeln. So gelang es, daß alle Teilnehmerinnen gleichmäßig für die Lehrprobe vorbereitet waren und alle an dem Verlauf das gleiche Interesse hatten.

Hernach kam dann die Besprechung eines Bildes an die Reihe, das ebenfalls vorher allen Teilnehmerinnen bekannt gegeben worden war und das alle studiert hatten. Wieder war es ein Kind, das an der Hand des Vaters die Auswahl unter den Schwestern traf. Zuletzt kam das gemeinsame Spiel. Vater, der schon vorher beim Erzählen immer durch ganz kindliche Fragen und Antworten bald den Kindern, bald der erzählenden Schwester weitergeholfen hatte, war jetzt beim Spiel vollends ein Kind unter den Kindern. Wenn die Riesenschlange gemacht wurde, dann ging er mit in der Reihe, das Kind, das vor ihm marschierte, an seinem Schürzchen haltend, während das Kind hinter ihm ihn an seinem Rockschoß gefaßt hatte. Und es war gar nichts Gemachtes dabei, sondern es war, als wenn es sich ganz von selbst so verstünde.

Das Wertvollste dieser Lehrproben bestand, wenn die Kinder nach Hause geeilt waren, in der Kritik, die in großer Gemütlichkeit beim festlich gedeckten Kaffeetisch abgehalten wurde. Diese Kritik spielte sich in der Weise ab, daß Vater alle Teilnehmerinnen nach ihrem Urteil fragte, erst die jüngeren, dann die älteren. So wurde jede verantwortlich gemacht für die andern. Erst am Schluß faßte er das Ganze zusammen. Die, die es am schlechtesten gemacht hatten und am meisten Ermutigung bedurften, kamen oft am besten weg, und andere, die in Gefahr standen, sich etwas auf ihre Leistung zugute zu tun, senkten die Köpfe.

Noch lieber als die Mittwochnachmittage waren uns die Mittwochabende. Da war Familienabend. Was irgend von Schwestern abkommen konnte, versammelte sich am gemütlich gedeckten und geschmückten Abendbrottisch im Schwesternspeisesaal des Mutterhauses. Im Unterschied von der sonst klösterlich einfachen Kost gab es an diesem Abend nicht nur Graubrot und Schwarzbrot, sondern auch Weißbrot mit Butter und Schinken, Käse und Wurst. Und wir Kinder genossen diesen festlichen Tisch in vollen Zügen. Denn zu Hause ging es bei dem äußerst geringen Gehalt des Vaters sehr sparsam zu.

Vater erzählte an diesem Abend aus Vergangenheit und Gegenwart, aus eigenen und fremden Erlebnissen, oder er las auch vor; in jener Anfangszeit am liebsten aus Christophorus von Rocholl, aus Matthias Claudius oder aus der Liedersammlung von Wackernagel. Sobald wir Kinder einigermaßen die Kunst des Lesens erfaßt hatten, mußten wir dem Vater beim Vorlesen helfen. Allmählich wurde es Brauch, daß alles, was an Gästen in den Anstalten verkehrte, zu diesem Familienabend eingeladen wurde, und wer irgend etwas zu erzählen und zu berichten hatte, durfte sein Pfund nicht im Schweißtuch behalten. So weitete sich der Gesichtskreis des Mutterhauses, und der Strom des Weltgeschehens, der sonst so leicht an Anstaltshäusern vorbeirauscht, bespülte seine Ufer.

Einen Höhepunkt erreichte das Leben des Mutterhauses immer in den vierzehn Tagen, die der Einsegnung der Schwestern vorangingen. Es waren regelmäßig die Tage zwischen Palmsonntag und Quasimodogeniti, die Zeit, wo ringsum in den Buchenwäldern die Leberblümchen und Anemonen den Frühling anmeldeten. Dann sah man jeden Nachmittag die Schar der Schwestern, welche drei oder vier Jahre lang ihren Entschluß geprüft hatten und nun bewährt und bereit waren, den Dienst einer Diakonisse als Lebensberuf zu erwählen, mit dem Vater durch das Frühlingsland wandern. Auf diesen Wanderungen nahm er dann Gelegenheit, jede Schwester an der Hand ihrer Familienverhältnisse und ihres Lebensganges kennen zu lernen und zu beraten. Mancher Schwester sind diese stillen Wege wichtiger und wertvoller geblieben als die feierliche Einsegnung selbst vor der sich drängenden Gemeinde.

Und diese Einsegnung zum Dienst blieb keine einmalige, sondern wiederholte sich jedesmal, wenn eine Schwester das Mutterhaus verließ, um auswärts eine Arbeit zu übernehmen oder um auf den alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Dann kam sie regelmäßig zum Abschiednehmen bei Vater vor. Neben seinem Arbeitszimmer hatte Vater ein Dachkämmerchen, in welchem die Mutter ihre Vorräte aufbewahrte, dessen eine Wand aber freigelassen und mit einem großen, aus Holz geschnitzten Kruzifix geschmückt war. Darunter stand ein kleiner Tisch. Es waren immer nur ganz wenige Minuten, die Vater dort den einzelnen Schwestern widmete. Was er sagte und fragte, ist naturgemäß in den meisten Fällen Geheimnis geblieben. Aber höchst schlicht und natürlich ging es allemal zu. Vielfach sagte er auch gar nichts, sondern warf sich vor dem kleinen Tisch unter dem Kruzifix auf die Knie, und während die Schwester an der andern Seite kniete, befahl er sie und sich selbst der vergebenden und gebenden Gnade dessen, in dessen Dienst sie beide standen. Und in seiner harmlosen Art vergaß er oft, die Doppeltür, die in das Kämmerchen führte, zu schließen, sodaß, wer von uns nebenan zu tun hatte, es nicht immer wehren konnte, daß die Worte des Gebetes auch zu ihm drangen. Tränen in den Augen und doch strahlenden Antlitzes haben wir manche Schwester aus dem Zimmer kommen und ihren Weg in die entsagungsvolle Arbeit antreten sehen.

Nicht immer hatte Vater in dem großen Gedränge seiner Arbeit für die einzelne Schwester viel Zeit; und manche hat, bewußt oder unbewußt, darunter gelitten. Aber wie er es bei seinen Kindern hielt, so hielt er es auch bei den Schwestern: er betete. Wo ihm selbst die Zeit und Kraft für die einzelnen fehlte, da befahl er sie betend desto inniger und zuversichtlicher dem segnenden Herrn. Und diese Gebete sind erhört worden. Als er eine Diakonisse begraben hatte, die einzige Tochter eines großen Bauernhofes, sagte ihre Mutter, während sie am Grabe stand: „Herr Pastor, und wenn ich sieben Töchter hätte, ich gäbe sie Ihnen alle; denn mein Kind ist zu glücklich gewesen.” Von wie vielen Diakonissen konnte dasselbe gesagt werden! Sie waren in der Tat unter dem Segen ihres Herrn zu glückseligen Menschen geworden.

Die Epileptischen.