Unter allen Kranken leidet der Epileptische am schwersten. Sobald die plötzlich auftretenden Anfälle zunehmen oder bekannt werden, wird er gemieden. Das epileptische Kind muß die Schule verlassen, der epileptische Erwachsene verliert seine Arbeit und seinen Beruf. Aus Furcht, aufzufallen oder zu stören, meidet er ganz von selbst alle öffentlichen Versammlungen, auch die Gottesdienste, oft sogar den eigenen Familienkreis. Kann der Arzt nicht helfen, so treibt ihn die Qual seiner Lage von einem Ratgeber zum anderen, von der ersten vergeblichen Kur zur zweiten, dritten, vierten.
Nur scheinbar ist der Zustand eines Blödsinnigen trauriger als der des Epileptischen. Der Blödsinnige empfindet seine Lage kaum; seine Stimmung ist gleichmäßig, oft sogar heiter. Die Leiden des Geisteskranken dagegen sind wohl in manchen Fällen gesteigerter als die des Epileptischen, aber sie sind vorübergehend: entweder tritt verhältnismäßig bald Besserung und Heilung ein, oder aber es löst der Tod auf der einen, der sich anbahnende Blödsinn auf der anderen Seite das Leiden ab.
Der Epileptische dagegen sieht, wenn eine Kur nach der anderen fehlgeschlagen ist, mit wachen Sinnen und mit tätigen körperlichen und seelischen Kräften ein Leben der Hoffnungslosigkeit, der Verlassenheit, des Ausgestoßenseins vor sich. In vielen Fällen brechen die Anfälle nur langsam, oft erst nach Jahren, ja, Jahrzehnten den körperlichen und seelischen Widerstand des Organismus. Und solange dieser Widerstand dauert, so lange dauert auch das Leiden, sodaß der Tod oder die Verblödung, je früher sie eintreten, die großen Befreier von einem Leben der Qual sind.
Bis in die 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts lag in Deutschland von kleinen Anfängen abgesehen (1773 wurde ein erstes Asyl in Würzburg eröffnet), die Fürsorge für die Epileptischen noch fast ganz im argen. Soweit sich ihr Elend nicht in der eigenen Familie verbarg, waren sie zumeist in den Anstalten für Blödsinnige oder Geisteskranke untergebracht. Aber nur im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit empfindet ein Epileptischer, der unter Blöden oder Geisteskranken lebt, seine Lage nicht mehr. In den frischeren Fällen zeigt ihm der Zustand der Blödsinnigen, unter denen er lebt, den Abgrund, dem auch sein Dasein entgegenrollt. Andrerseits läßt der Zustand des Geisteskranken, sobald er den Wendepunkt überschritten und den Weg zur Genesung gefunden hat, den Epileptischen die Höhe sehen, die für ihn unerreichbar ist: der Geisteskranke kehrt in seine früheren Verhältnisse zurück; der Epileptische bleibt Jahr um Jahr an die Anstalt gebannt.
In Süddeutschland wurde die erste besondere Anstalt für die unglücklichen Kranken 1862 in Pfingstweide (Württemberg) gegründet. In Norddeutschland hatten sich die Augen der Freunde der Epileptischen auf eine kleine Anstalt gerichtet, die durch den evangelischen Pastor John Bost in der Nähe der kleinen französischen Stadt La Force entstanden war und ausschließlich den Epileptischen diente. Die von dort kommenden Anregungen brachten den Verein für Innere Mission in Rheinland und Westfalen zu dem Entschlusse, getrennt von den Anstalten für Geisteskranke und Blödsinnige eine lediglich für Epileptische bestimmte Anstalt ins Leben zu rufen. Der junge Reisesekretär des Vereins für Innere Mission, Hesekiel, der später als Generalsuperintendent der große Wohltäter der Provinz Posen wurde, war unermüdlich tätig, diesem Gedanken Freunde zu gewinnen. Da neben den Anstalten in Kaiserswerth das Rheinland noch eine weitere Anzahl von Stätten christlicher Barmherzigkeit besaß, so wünschte man, daß die neue Anstalt womöglich in Westfalen ihre Heimat fände.
Nun war der Rheydter Pastor Balke, ein Ravensberger von Geburt, durch seine Arbeit als Seelsorger an der Blödenanstalt Hephata in München-Gladbach in besonderer Weise mit dem Lose der epileptischen Kranken vertraut geworden. Denn wie in anderen Anstalten waren auch unter die Blödsinnigen der Anstalt Hephata epileptische Kranke gemischt. Für diese Epileptischen erhob nun Balke seine Stimme.
Land und Stadt in Minden-Ravensberg waren auf seinen Ruf nicht unvorbereitet. Überall, bald in kleineren, bald in größeren Herden, brannte das Feuer einer zur Tat bereiten Liebe. In Bielefeld waren es vor allem einige Frauen aus den ersten alten Patrizierfamilien der Stadt, die mit wachem Gewissen und geöffnetem Herzen sich in den Dienst Gottes gestellt hatten. Durch sie waren auch ihre Männer und Verwandten gewonnen worden. Die Funken eines Vortrages, den Pastor Balke aus Rheydt im Jahre 1865 hielt, sprangen nach Bielefeld über. Das kurze Kriegsgewitter von 1866 dämmte wohl das Feuer eine Weile ein, brachte es aber nicht zum Erlöschen. Vielmehr zogen wirklich im Jahre 1867 die ersten sieben epileptischen Kranken in dem kleinen Bauernhofe ein, der am Fuße der Sparenburg erworben war. Der westfälische Generalsuperintendent D. Wißmann hielt die Einweihungsrede der jungen Anstalt an der Hand des Wortes: „Aus dem Kleinsten sollen tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtig Volk. Ich, der Herr, will solches zu seiner Zeit eilend ausrichten.” Jes. 60, 22. Mit den sieben Erstlingen beugte er seine Knie vor Gott, um den Segen für die junge Pflanzstätte zu erflehen.
Zwei Jahre später kam, wie bereits erwähnt, die Schwesteranstalt Sarepta hinzu. Beide standen unter demselben Präses, dem Kaufmann Bansi in Bielefeld, und unter dem gleichen Vorsteher, dem Pastor Simon. Als nach den ersten vier Jahren allmählich wachsender Aufgaben Pastor Simon sich vor die Wahl gestellt sah, sich entweder auf seine ausgedehnte Bielefelder Tätigkeit zu beschränken und dann auf die Leitung der Anstalt zu verzichten oder umgekehrt, entschied er sich dahin, dem Vorstand die Wahl eines neuen Vorstehers zu empfehlen.
Nun war Vater ja längst in Bielefeld kein Unbekannter mehr. Namentlich von Paris war er wiederholt in Bielefeld eingekehrt und hatte in dem Bansischen Hause Aufnahme gefunden. So war es Gottfried Bansi, der den Blick des Vorstandes auf den Dellwiger Pastor richtete. Mit Pastor Simon zugleich machte er sich persönlich nach Dellwig auf, um die Berufung des Vorstandes zu überbringen. Vater reiste nach Bielefeld, um alles an Ort und Stelle zu besprechen. Nach Dellwig zurückgekehrt, setzte er selbst die Richtlinien auf, unter welchen er bereit war, die Arbeit zu übernehmen, und als diese vom Vorstand bewilligt waren, sagte er zu. Damit war er der Vorsteher der Diakonissen und Epileptischen geworden.
Und nun sehe ich Vater in der Erinnerung unter seinen Epileptischen stehen. Als ein Hoffender stand er unter ihnen, den Hoffnungslosen. Durch seine persönlichen Erfahrungen war er ja dazu vorbereitet.