Über dem Bett der Eltern hingen die Bilder unserer vier verstorbenen Geschwister. Sie umrahmten eine kleine Heliogravüre von Mintrop. Diese stellte eine Frauengestalt dar, die von den himmlischen Heerscharen der Himmelstür entgegengeleitet wird. An der geöffneten Tür kommen mit Palmen in den Händen vier Kindergestalten der Mutter entgegen, um sie vor den Thron Gottes zu führen. Das waren unsere vier Geschwister, die erst die Mutter, dann den Vater abholten.
Über dem großen Schmerz, der die Herzen unserer Eltern getroffen hatte, als ihnen alle vier Kinder genommen wurden, waren sie stille geworden durch den Glauben an den auferstandenen Herrn, der auch für sie die Stätte bereitet hatte, da man zusammenkommen soll. Hinfort lebten sie vor den Toren der hochgebauten Stadt. „Ganz dicht vor den Toren Jerusalems”, wie oft haben wir Vater das sagen hören! Die Hoffnung für diese Zeit hatte den Eltern durch das Sterben aller ihrer Kinder genommen werden müssen, damit sie den Anker ihrer Hoffnung fest hineinsenkten in die ewige Welt Gottes. So waren sie vorbereitet für die Arbeit unter den Hoffnungslosen.
Man mag den Nachlaß des Vaters in seinen Briefen und Ansprachen oder das Buch der Erinnerung an ihn aufschlagen, wo man will, überall findet man seine Seele gestimmt auf den gleichen Ton der Hoffnung: „Die Leiden dieser Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbart werden.” Darum jammerte ihn wohl das Los der Epileptischen, aber er bejammerte sie nicht. Körperliche Krankheit und körperliche Gesundheit hatten für ihn die große Entfernung voneinander und die große Bedeutung verloren, die ihnen sonst so gern beigelegt wird. Vielmehr galt ihm der körperlich Gesunde für krank, wenn sein Blick haften geblieben war an den armen vergänglichen Dingen dieser Erde; der körperlich Kranke galt ihm für gesund, sobald er durch den Glauben den Zugang gefunden zu der ewigen Hoffnung. Darum konnte er mit glühendster Überzeugung einen armen verblödeten Epileptischen, der mit seliger Hoffnung dem Abschied aus der Welt entgegeneilte, glücklich preisen gegenüber dem andern, der mit gesunder Körperkraft ohne Ziel und Zweck ins Leben hinausstürmte.
An der Ecke von Sarepta und beim Eingang in das Haus der Epileptischen, Bethel, befand sich in jener Anfangszeit je eine schlichte Gaslaterne. Unter der zweiten dieser beiden Laternen sehe ich immer noch einen epileptischen Kranken stehen, namens Heinrich Hudel, der unter der Laterne seinen Standplatz hatte. Er sagte nichts, aber auf seiner Mundharmonika spielte er immer das eine Lied, das ihm zum Lieblingslied geworden war: Weil ich Jesu Schäflein bin, — Freu’ ich mich nur immerhin — Über meinen guten Hirten, — Der mich wohl weiß zu bewirten, — Der mich liebet, der mich kennt — Und bei meinem Namen nennt. — — Unter seinem sanften Stab — Geh’ ich aus und ein und hab’ — Unaussprechlich süße Weide, — Daß ich keinen Mangel leide. — Und so oft ich durstig bin, — Führt er mich zum Brunnquell hin. — — Sollt’ ich nun nicht fröhlich sein, — Ich beglücktes Schäfelein? — Denn nach diesen schönen Tagen — Werd’ ich endlich heimgetragen — In des Hirten Arm und Schoß. — Amen! Ja, mein Glück ist groß!
Das war, in die kindlichste Form gebracht, die Summe der Theologie, in der Vater lebte und die er darum auch seinen Kranken brachte. Jedes Jahr einmal kam Heinrich Hudels Mutter aus den Nassauischen Bergen. Er war ihr einziger Sohn und sie selbst eine Witwe. Aber das Glück, das in dem Herzen ihres kranken Heinrich lebte, strahlte von dem Angesicht der Mutter wider. Als endlich der letzte Kampf gekämpft war und Vater Heinrich Hudels Mutter an der Leiche ihres Sohnes traf, da „wußte ich nicht,” — so hat er uns oft erzählt — „was glücklicher aussah, das Angesicht des Heinrich oder das Angesicht der Mutter.”
Die Grabhügel und schlichten Kreuze der Epileptischen aus den ersten Jahren, die sich oben auf dem stillen Waldfriedhof Reihe an Reihe legten, sind mit den Jahren verschwunden und haben dem grünen Rasen und dem Schatten der Lebensbäume Platz gemacht. Aber der Hügel und das Kreuz Heinrich Hudels sind noch heute zu finden mit dem Vers darauf, den er nicht müde wurde zu spielen. Er ist, man möchte sagen, der Vorsänger und Kapellmeister der Epileptischen von Bethel geworden, und das Kreuz auf seinem Grabe mit der Inschrift darauf wurde zur Losung und zum Feldgeschrei aller seiner Leidensgenossen.
Im Gegensatz zu Heinrich Hudel taucht eine andere Gestalt aus jenen Tagen auf. Es war ein Landwirtssohn, der erst im beginnenden Mannesalter epileptisch geworden war. Er war ein Hüne von Gestalt, und seine Anfälle waren so heftig, daß er mit Riemen an Händen und Füßen gefesselt werden mußte, weil die Pfleger sonst nicht verhindern konnten, daß der in wilden Zuckungen sich windende Körper sich selbst und andern Schaden tat. Aber wie es bei solchen frischen Fällen bisweilen vorkommt: die Krankheit tobte sich aus, der Kranke genas und konnte entlassen werden. Am Körper war er gesund geworden; aber seiner Seele hatte die furchtbare Krankheitszeit des Körpers nicht zur Gesundheit geholfen.
Solch einen Gesundgewordenen sah Vater nur mit Schmerzen den Weg ins Leben zurücknehmen. Sein Weg glich dem Wege, an welchem auf allen Seiten der Tod lauert, während umgekehrt die Leichenfeier eines Epileptischen, der im Glauben vollendet hatte, zur Lebensfeier, der Leichenzug zu einem Triumphzug wurde. Am liebsten ließ Vater bei solcher Gelegenheit ein Loblied singen, und Lob und Dank war der Inhalt seiner Leichenrede. Dem Leichenzug voran aber zog der Posaunenchor. In leuchtendem Weiß strahlte der blumengeschmückte Sarg, den die Mitkranken trugen. Wir Kinder standen mit um das geöffnete Grab her, und für Kranke und Gesunde wurde der Schauer des Todes überflutet von dem seligen Rauschen der Ewigkeit.
Aber diese hohe Hoffnung des Glaubens wurzelte in der Tiefe. Nicht nur als ein Hoffender unter Hoffnungslosen stand Vater unter den Epileptischen, sondern als Schuldiger unter Schuldigen. Wir haben ihn oft sagen hören: „Ich täte meinen Kranken das größte Unrecht, wenn ich ihnen die Verantwortung nähme und alles bei ihnen entschuldigen wollte.” Alle die Stimmungen, Launen und Leidenschaften, denen ein Epileptischer mehr als andere Kranke ausgesetzt ist, erklärte und entschuldigte Vater nicht aus ihrer Krankheit heraus. Vielmehr war die Krankheit mit ihren Erschütterungen für ihn nur wie das Erdbeben, das das im Innern des Vulkans schlummernde Feuer weckt und zum Ausbruch bringt. Jedes Menschenherz, einerlei ob im kranken oder gesunden Leib wohnend, glich ihm dem Vulkan; und erst die Krankheit mit ihren erdbebenartigen Erschütterungen öffnete, was sonst im Innern verborgen geblieben wäre. Nicht für das Erdbeben, aber für dies Innere machte Vater den Kranken verantwortlich. Und eben darum wurde er zum Wohltäter für die Kranken. Denn gerade so gab er ihnen die volle Menschenwürde. „Nichts ist feiger als die Entschuldigung, nichts größer als das Zugeben der Schuld.”
Aus falscher Barmherzigkeit hatten Eltern, Verwandte, Pfleger und die Kranken selbst alle Eigentümlichkeiten der Epileptischen aus ihrer Krankheit heraus erklärt und entschuldigt, ohne zu bedenken, daß sie dadurch nur desto haltloser ihren Stimmungen, Launen und Leidenschaften ausgeliefert wurden. Vater aber erhob die Kranken zum vollen Adel des Menschentums dadurch, daß er ihnen half, sich für ihre Gedanken, Stimmungen und Taten vor Gott und Menschen verantwortlich zu wissen. Und ihre Krankheit zeigte er ihnen nicht als ihren Feind, sondern als ihren Wohltäter, weil sie gerade durch ihre Krankheit das eigentliche Wesen ihres Herzens erkannt hatten, das ihnen ohne die Krankheit verborgen geblieben sein würde.