So wurde gegenüber dem früheren dumpfen Zustand der weichlichen Entschuldigung das Verantwortungsgefühl zum erfrischenden Morgenwind, das Schuldbewußtsein zur Kraft, die Reue zur Freude und die Krankheit zum Gehilfen der Wahrheit. Noch heute kann man kaum etwas Ergreifenderes hören als das lautgesprochene Sündenbekenntnis der Epileptischen, das sich seit jenen Anfangstagen bis heute in jedem Gottesdienst wiederholt. Während draußen in der Welt die Starken und Gesunden immer schwächer und morscher werden, weil sie die Verantwortung über sich selbst weggeworfen und die Zügel ihres Geschickes aus der Hand verloren haben, steht hier eine Schar von Ausgestoßenen und Kranken, unter denen sich immer wieder solche finden, die die Höhe des sittlichen Urteils über sich selbst erklommen und damit die Kraft gewonnen haben, gegen den Strom zu schwimmen.
Darum spielten auch meine Geschwister und ich mit den epileptischen Altersgenossen lieber als mit unsern gleichaltrigen gesunden Spielkameraden. Denn unwillkürlich fühlten wir, daß viele unter diesen epileptischen Kindern auf einer größeren sittlichen Höhe standen als gesunde Kinder im gleichen Alter. Es befand sich unter ihnen ja immer eine große Anzahl von solchen, bei denen die körperlichen und geistigen Kräfte noch nicht wesentlich gemindert waren, und wir teilten ihre Spiele und ihre Arbeit in großer Unbefangenheit. Manche von ihnen waren uns beim Spiel und bei der körperlichen Arbeit durchaus ebenbürtige Gefährten. Und während der Verkehr mit den gesunden Kameraden der städtischen Schulen dunkle Schatten über unsere Kinderzeit zu werfen drohte, so waren wir im Kreise unserer epileptischen Altersgenossen davor bewahrt und zogen uns zeitweise ganz in diesen Kreis zurück.
Diese Höhe des sittlichen Standes aber und die Kraft des sittlichen Urteils wurde bei den Epileptischen nicht erreicht durch irgend welche Moralpredigt. Es war vielmehr das allgemein menschliche Mittel: Jesus Christus, der mit seinem Leben, Leiden und Sterben und seiner Auferstehungskraft vor die Augen gemalt und in die Herzen hineingepflanzt wurde. Und das geschah von einem, der lebte, was er glaubte. Die tiefe, wahre Demut, in der Vater vor Gott stand, und das offene Bekenntnis seiner Sünderschaft vor Kranken und Gesunden ist mir als Kind oft nicht nur unverständlich, sondern geradezu ärgerlich gewesen. Sahen wir Kinder doch an unserm Vater nichts als Hingabe, Liebe, Aufopferung und eine unermüdliche Geduld. Die epileptischen Kranken aber, die vielfach gerade durch ihre Krankheit eine leichtere Erkenntnis ihres eigenen Herzens hatten, fühlten sich durch die Ehrlichkeit und Überzeugung, mit der sich Vater unter die Schuld stellte, vor das Angesicht der Wahrheit geführt und dadurch bewogen, nun auch ihrerseits mit der Wahrheit, die ihnen aus ihrer Krankheit heraus und aus dem Bilde Jesu Christi aufgegangen war, Ernst zu machen.
Aber mit derselben Energie, mit der Vater vor den Augen und den Gewissen seiner Kranken jedes Vertrauen auf sein eigenes Herz fortwarf, ergriff er nun auch unablässig die Gnade Gottes in dem vollkommenen Werke und der vollkommenen Person Jesu Christi. Er lebte in dem Lieblingslied seiner Mutter: Einmal ist die Schuld entrichtet, — Und das gilt auf immerhin. — Mosis Opfer stehn vernichtet, — Weil ich nun vollendet bin. — Denn mit einer Opfergabe — Hat das Lamm so viel getan, — Daß das Volk von seiner Habe — Sich vollendet nennen kann.
So wurde er zum Führer eines Volkes, das für Fernstehende lediglich ein Volk von Elenden, Bemitleidenswerten, Hoffnungslosen und Sterbenden war, das aber in Wahrheit eine vollendete Schar war, die durch die Verurteilung ihrer selbst auf der einen Seite, durch den Glauben an den Christus der Welt auf der andern Seite die eigentliche Höhe und Vollkommenheit des Menschentums erklommen hatte. „Hier sitzen”, sagte Vater einmal von den Epileptischen, „die Professoren auf ihren Lehrstühlen und bringen uns deutlich bei, was Evangelium und was Gotteskraft zur Seligkeit ist.”
Natürlich gab es innerhalb dieser Schar die größten Unterschiede und die verschiedensten Grade. Aber beides, Sünderschaft und Gotteskraft, blieb durch alle Unterschiede und Grade das Gemeinsame. Und je gründlicher einer auf diesem Boden unter sich wurzelte und über sich Frucht trug, je mehr kam es dem Ganzen zugute. Grundsatz aber blieb es, daß nicht durch Zwang oder Gewalt, nicht durch Moralpredigten und Kopfwaschen für dieses Heer der Sünder und Begnadeten geworben wurde, sondern durch den freien Geist der Liebe und des Glaubens.
Es war unter den Kranken jener ersten Zeit ein reicher Bauernsohn, der durch seine Aufgeblasenheit und Hoffart sich selbst, seinen Mitkranken und seinen Pflegern zur Plage war. Einer seiner Pfleger hatte sich allmählich erlaubt, hart gegen hart zu setzen. Das endete damit, daß er eines guten Tages von jenem Kranken verprügelt wurde. Entrüstet eilte er zum Vater. Der sagte nur: „Brüderchen, die Prügel hast du schon lange verdient.” Wie aber behandelte Vater seinerseits diesen in der Tat höchst schwierigen Kranken? Er hatte bei ihm eine Freude an Blumen entdeckt und ermunterte ihn, die schönsten Sträuße für seine Mitkranken zu suchen. Für jeden Sonntagmorgen aber erbat sich Vater von ihm einen Strauß für unsere Mutter. Ich sehe den Kranken noch immer glückstrahlend jeden Sonntagmorgen vor unserm Fenster erscheinen und unserer Mutter den neuen Strauß reichen. So gewannen Vater und Mutter sein Herz. Von beiden ließ er sich alles sagen und sich Schritt für Schritt auf den Weg leiten, der auch für ihn die Befreiung bedeutete.
So wurde die Gemeinde der Epileptischen zu einer Gemeinde der Hoffenden, der Büßenden, der Glaubenden, der Liebenden und — das muß zuletzt noch gesagt werden — der Arbeitenden. Arbeitslosigkeit gehört ja zu den besonderen Leiden der Epileptischen. Ausgestoßen aus Beruf und Werkstatt müssen ihre seelischen und körperlichen Kräfte allmählich abstumpfen und absterben. Die Rückkehr zur Arbeit aber bedeutet für sie neue Lebensfreude und Lebensfrische. Darum wurde die Anstalt für Epileptische von vornherein auf dem Grundsatz der Arbeit aufgebaut. Haus, Garten, Feld und Wald boten vom ersten Entstehen an den Kranken mannigfache Gelegenheit zur Beschäftigung. Als Vater die Leitung übernahm, waren auch schon die ersten Handwerksstätten im Entstehen begriffen.
Eine Zeitlang trug er sich mit dem Gedanken, ob nicht aus den frischesten Epileptischen die Meister für einige kleine Handwerksstätten genommen werden und die Kranken je nach ihrer Leistung auch bezahlt werden könnten. Aber dieser Gedanke trat bald wieder zurück. Seine Durchführung hätte die schwächeren Kranken, die kein leitendes Amt und kein Entgelt bekommen hätten, ihre Krankheit allzu empfindlich fühlen lassen. Hinfort herrschte in diesem Stück Einheitlichkeit: ein Avancement im eigentlichen Sinne und eine Bezahlung gab es nicht. Die Arbeit selbst wurde zur Ehre und zum Lohn. Jener Epileptische, der zunächst zum Meister ausersehen war, hat hernach, nachdem er hatte zurücktreten müssen, unter seinem gesunden Meister und Hausvater noch nahezu dreißig Jahre lang in der Tischlerwerkstätte gearbeitet, immer mit gleichmäßiger Treue und Heiterkeit, ohne je einen Pfennig Lohn sein eigen zu nennen. Er bekam, was er an Nahrung, Kleidung und allem übrigen nötig hatte, aber das Geld spielte für ihn keine Rolle mehr. Daß es in Bethel so viele glückliche Menschen gab und gibt, hat mit darin seinen Grund, daß der auri sacra fames, d. h. dem höllischen Hunger nach Geld, und zugleich dem „lockenden Silberton des reizvollen Ruhmes” so viel wie möglich der Boden entzogen wurde.
Natürlich gelang es nicht immer sofort, jeden zur Arbeit willig und fröhlich zu machen. Die erste kleine Ackerbaustation „Hebron” war entstanden, aber der Weg, der von Hebron eine Viertelstunde weit zum Mittelpunkt der Anstalt führte, war zunächst unausgebaut und im Winter nahezu grundlos. Eines Tages verweigerten deshalb die beiden epileptischen Kranken, die aus der Bäckerei von Sarepta das Brot zu holen hatten, den Dienst. Davon hatte Vater gehört. Er verschaffte sich eine Kiepe, ließ sich die Zahl Brote, die für Hebron bestimmt waren, hineintun, nahm sie auf den Rücken, trug sie durch Dreck und Unwetter nach Hebron hinüber und lud mit großer Heiterkeit sein Brot an Ort und Stelle ab. Damit war ein für allemal das Widerstreben gebrochen, und der Posten, das Brot zu holen, war zu einem besonderen Ehrenposten geworden.