Bei der Verteilung der Arbeit galt der alte preußische Grundsatz: suum cuique. Keine Einseitigkeit, sondern jeden möglichst nach seinen Kräften, Gaben und Neigungen einspannen! Nur so konnte ein freudiger Geist gepflegt und erhalten werden. So entstand dann Schritt um Schritt eine Arbeitsstätte nach der andern. Die Kranken selbst mit ihrer Arbeitslust und ihrem Arbeitshunger trieben die Entwicklung vorwärts.
Auch solche Kranke, die von Haus aus körperliche Arbeit nicht gewohnt waren, griffen fröhlich zu Hobel, Axt und Spaten; andere wiederum fanden in den Schreibstuben und bei mancherlei Botengängen ihre Beschäftigung. Mein Bruder Wilhelm und ich bekamen unsern ersten Unterricht bei einem epileptischen Lehrer.
Vaters erster Schreibgehilfe war ein epileptischer Eisenbahnsekretär. Er war verlobt und wurde während seines Dienstes auf dem Bahnhof in Gütersloh durch ein Telegramm, das ihm den unerwarteten Tod seiner Braut meldete, so erschreckt, daß er auf der Stelle im ersten epileptischen Anfall zusammenbrach. Seine geistige Fähigkeit hatte schon gelitten, als er in Bethel Aufnahme fand. Desto mehr war Herr Kneipp, so hieß er, gehoben und beglückt, als ihn Vater in seinen persönlichen Dienst zog. Unermeßlich muß die Geduld gewesen sein, die Vater mit ihm hatte. Manchmal waren beide Eltern im Arbeitszimmer des Vaters um ihn bemüht, wenn ihm plötzlich die Feder aus der Hand gefallen und er bewußtlos zu Boden gesunken war.
Die Erinnerung an diese Zeit, auch als sie schließlich um seiner zunehmenden Schwäche willen ein Ende fand, begleitete den Kranken durch den Rest seiner Tage, sodaß ich sein von Glück strahlendes Gesicht und seinen im Hochgefühl der Freude sich wiegenden Schritt immer noch deutlich vor Augen habe. Man fand ihn eines Morgens tot im Bett. Unbemerkt hatte er sich im Anfall herumgeworfen und war in seinem Kopfkissen erstickt.
Aber was wurde aus denen, deren Arbeitskraft versagte? Wer nicht mehr die Hände rühren konnte, konnte sie doch noch falten und so das Herz der Menschen und Gottes bewegen. Und das konnte auch der Schwächste und Elendeste noch. „Ihr könnt noch die Hände falten” — wie oft hat das Vater gerade den ganz Schwachen zugerufen und sie damit in die vordersten Reihen der Mitarbeiter gestellt!
So wuchs eine Gemeinde heran, die unter Gottes gewaltige Hand gebeugt, beides war, still und tätig, demütig und hochgemut, elend und doch gesund, „als die Sterbenden, und siehe, wir leben”.
Und wer will es dieser Gemeinde verdenken, daß, wo sich Vater zeigte, die Herzen rauschten, nicht aus Menschenvergötterung, aber aus Dank gegen Gott? Und Vater ließ es sich gefallen. Von Natur war ihm jede Berührung mit Kranken, sonderlich unsauberen, peinlich; nicht einmal ein Butterbrot, das von einer andern als von unserer Mutter Hand geschnitten und gestrichen war, aß er ohne Widerstreben. Aber kaum einer hat ihm das angemerkt. All den stürmischen Begrüßungen der Kranken gab er nicht nur nach, sondern gab sich ihnen hin. Wie oft hat ein Kranker, der seinen Dank nicht in Worte fassen konnte, seinen Kopf tief in seine Seite hineingebohrt oder ihm unversehens einen Kuß aufgebrannt! Er hat dem nicht gewehrt, sondern zum Dank mit seiner linden Hand die Wange und die Stirn gestreichelt.
Die Brüder.
Der Dienst an den Epileptischen konnte natürlich nicht getan werden ohne einen Kreis gleichgesinnter Pfleger und Pflegerinnen. Neben die Diakonissen traten die Diakonen, neben die Schwestern die Brüder.