Die ersten Brüder kamen aus der Diakonenanstalt Neinstedt am Harz. Sie bildeten den Grundstock einer kleinen Bruderschaft, die sich im Jahre 1877 zu einer besonderen Diakonenanstalt zusammenschloß. Zwischen dem Diakonissenhause Sarepta und dem Hause der Epileptischen Bethel war noch ein Platz frei. Hier entstand die Heimat der Brüder, das Haus Nazareth.
Woher sie kamen? Ein Schustergeselle stellte sich aus dem Hannöverschen ein, dem sein Freund aus einer Predigt erzählt hatte, die Vater in dem kleinen hannöverschen Bad Essen gehalten und in der er für den Dienst an den Kranken geworben hatte. Ein Landwirt meldete sich, der im August 1870 als Paderborner Husar vor Metz inmitten seines Regimentes im feindlichen Kugelregen gehalten und in dieser Gefahr das Gelöbnis getan hatte, er wollte Gott sein Leben weihen, wenn er ihn gesund wieder ins Vaterland brächte. Der Sohn eines der reichsten und größten Höfe aus dem Herzen des Ravensberger Landes kam. Auch ein Kaufmann, der seinem Kompagnon seinen Anteil an dem reichen Ertrage des Geschäftes allein überließ. Und so einer nach dem andern. Mehr noch als bei den Schwestern waren es meist Angehörige der körperlich arbeitenden Stände, selten, zu selten jemand, der ähnlich den Gliedern des alten Johanniter- und Templerordens eine umfassende Bildung besaß.
Aber die Herzensbildung war ja gerade im Dienst an den Epileptischen das Entscheidende, der innere Friede, die Gelassenheit des Gemüts. Als eine Säule im Sturm stand Bruder Nispel als Hausvater unten in Eben-Ezer unter den aufgeregten Kranken. Wie natürlich und gemütlich ging es zu! Da kommt ein Kranker die schmale Treppe heraufgestürmt. Irgend etwas muß zwischen ihm und einem Mitkranken vorgefallen sein, das sein Gemüt so in Wallung bringt. Zitternd vor Erregung steht er vor dem Hausvater und kann kaum mit der Sprache heraus. Da langt Hausvater Nispel zur Kiste mit Zigarren, die oben auf dem Schrank steht. „So, Wilhelm, nun wollen wir uns erst mal eine anstecken.” Und Wilhelm nimmt mit bebender Hand das köstliche Kraut, der Hausvater hilft beim Anzünden, und während die ersten hastigen Züge des Kranken die Rauchwolken herausstoßen, hat auch der Hausvater in aller Muße seine Zigarre in Brand gesetzt. Nun qualmen die beiden miteinander. Viel Worte sind nicht mehr nötig. Die kleine Freundlichkeit und die große Ruhe haben die Hauptsache getan, und still und zufrieden geht Wilhelm wieder an seine Arbeit zurück. Vater selbst rauchte nicht. „Aber”, so konnte er oft sagen, „ich danke Gott für das gute Kraut.” So wenig er für seine Person den Tabak schätzte, so war er ihm doch oft in der Pflege der aufgeregten Kranken ein lieber Bundesgenosse, den er gegen Fanatiker in Schutz nahm.
Als im Jahre 1872 das große Haus „Bethel” fertiggestellt war, in welchem 200 epileptische Kranke jeden Alters und Geschlechts untergebracht waren, wurde das ganze Haus zunächst einem Inspektor unterstellt, dem nun ihrerseits wieder die Brüder und Schwestern untergeordnet waren. Aber als der erste Inspektor, namens Unsöld, nach jahrelanger treuer Arbeit in seine schwäbische Heimat zurückkehrte, wurde seine Stelle nicht neu besetzt. Von jetzt an stellte Vater die Kranken weiblichen Geschlechts ausschließlich in die Obhut der Schwestern und die männlichen Geschlechts in die Obhut der Brüder. Station um Station wurden die männlichen Kranken aus dem Hause hinaus verlegt, bis das ganze Haus nur den weiblichen Kranken gehörte. Unter der geräuschlosen Leitung von Schwester Luise hat so das alte liebe Haus Bethel allen andern Häusern vorangearbeitet in Stille, Sparsamkeit und Fleiß.
Als weitere Häuser für weibliche Kranke nötig wurden, wurden dieselben Wege innegehalten. Sie alle standen ausschließlich unter der Leitung von Hausmüttern, die dem Diakonissenhause angehörten. „Hausmütter”, das war das entscheidende Wort. Überall sollte der mütterliche Sinn der Frau, so viel wie nur irgend möglich, das Haus durchdringen.
Aus demselben Grunde aber mußten die Brüder heiraten. Neben den Hausvater, der der einzelnen Station epileptischer Kranker vorstand und sie mit einigen ledigen Brüdern verwaltete, mußte die Hausmutter treten, die mit mütterlichem Geiste das Haus erfüllte. Beide Hauseltern aber konnten, wenn ihnen Kinder geschenkt wurden, an ihren eigenen Kindern die rechte väterliche und mütterliche Art lernen, mit der sie ihre Kranken versorgten und ihnen das ferne Elternhaus und die verlorene Heimat ersetzten.
Aus den Diakonissen durften die Brüder die Lebensgefährtin nicht wählen. Diese Ordnung wurde vom ersten Augenblick an durch Vater aufgerichtet und durchgehalten. Nicht aus einer Möncherei heraus. Aber bei den Schwestern wurde der Entschluß vorausgesetzt, ihr Leben, ohne durch die Ehe gebunden zu sein, ungehindert dem Dienst des Nächsten zu widmen, es sei denn, daß Gott durch die Verhältnisse ganz klar andere Wege zeigte. In diesem Entschluß sollten sie durch ihre nächsten Mitarbeiter, die Brüder, nicht wankend gemacht werden. Es ist, soviel ich weiß, auch niemals geschehen.
Nicht in der Pflege der Epileptischen, wohl aber auf den übrigen Krankenstationen arbeiteten Schwestern und Brüder in jener ersten Zeit zusammen, sowohl im Diakonissenhause Sarepta als auch in andern Krankenhäusern hin und her im Lande. Die Leitung des Hauses, auch die der einzelnen Stationen für männliche Kranke, lag in der Hand der Schwester. Unter ihr, in möglichst großer Selbständigkeit, aber doch ebenso unter ihr wie die jungen Schwestern, arbeiteten die Brüder.
Denn auf dem Gebiete der Krankenpflege reichte Vater als etwas Selbstverständliches der Frau die Palme. Er hatte während seiner Krankheit als junger Rekrut in Berlin und hernach während der Feldzüge 1866 und 1870 aus eigener Erfahrung erprobt, daß die Begabung des Mannes in diesem Stück hinter der der Frau zurücksteht. Der Mann sieht auf das Ganze, die Frau auf das Einzelne. Die Arbeit in der Pflege des Kranken aber besteht in erster Linie aus vielen Kleinigkeiten. Doch über diese Dinge wurde von Vater keine Theorie aufgestellt. Er handelte aus unmittelbarem Empfinden heraus, wenn er dem mütterlichen Blick und Herzen der Frau die erste und letzte Sorge für die Kranken, auch für die männlichen Kranken anvertraute, und wenn er von den Diakonen die Anerkennung einer auf diesem Gebiete den Mann überragenden Würde der Frau als ganz selbstverständlich erwartete.
Aber auf seiten der Schwester gehörte dazu, daß sie solche Würde sich nicht zum Stolz und zur Herrschsucht gereichen ließ; auf seiten des Bruders, daß die Einsicht in die Schranken ihm nicht zur Last wurde und zur Fessel, sondern zum Antriebe, unter ehrlicher Anerkennung des Tatbestandes doch zugleich sein Bestes daranzusetzen. Wo das geschah — und es kam auf einzelnen Krankenstationen in dem Zusammenarbeiten zwischen Schwestern und Brüdern vor —, da erreichte die Pflege der Kranken eine Höhe und die Atmosphäre, die das Haus durchwehte, eine Reinheit und Kraft, die für Vater zu den schönsten Erfahrungen seines ganzen Lebens gehörte.