Doch es konnte nicht ausbleiben, daß er auf diesem Gebiete Schwestern sowohl wie Brüdern eine Höhe und innere Reife und eine Zartheit des Taktes zumutete, hinter der bald der eine, bald der andere Teil, bald beide zurückblieben. Kam doch bei Vater noch seine ritterliche Art hinzu, die es ihm fast von Natur leicht und zur Lust machte, sich der Frau auf diesem bestimmten Gebiete unterzuordnen. Da hat er manchen Sohn und manche Tochter des Volkes zu sehr mit seinem eigenen Maß gemessen, statt an jeden den Maßstab anzulegen, der der eigenen Entwicklung des betreffenden Bruders, der betreffenden Schwester entsprach. So ist denn auch diese Art der Zusammenarbeit immer mehr zurückgegangen und schließlich ganz aufgehoben worden. Da, wo bisher Diakonen und Diakonissen zusammen gearbeitet hatten, traten bezahlte Pfleger an die Stelle der freiwilligen und, ebenso wie die Schwestern, nur gegen Taschengeld arbeitenden Diakonen. Das ist Vater immer schmerzlich geblieben. Und das hohe Ideal, dem in jener ersten Anfangszeit mit der Tat zugestrebt wurde, sollte nie von der Christenheit aus dem Auge gelassen werden.

Doch lag die Sache nicht so, daß Vater, weil ihm diese Schranke in der Begabung des Mannes klar war, nun die Brüder etwa lieber so bald wie möglich in einem geistlichen Beruf gesehen hätte, statt in der schlichten Pflege der Kranken. Womit hätte er dann das immer stärker heranstürmende Heer der Notleidenden versorgen sollen? Nur durch die Pflege des körperlichen Menschen kam er ja an den verborgenen inwendigen Menschen heran. Darum waren ihm im Grunde diese Unterschiede zwischen Mann und Weib gering gegenüber der unermeßlichen an Schwestern und Brüder herandrängenden Not. Was lag schließlich daran, wenn der einzelne von der Frau ein wenig besser, vom Mann ein wenig geringer versorgt wurde, wenn er nur überhaupt versorgt wurde! Hier war wirklich keine Zeit für Schreibtischtheorien über die Grenzen der Frau und die Grenzen des Mannes. Sie würden sich von selbst herausstellen, wenn nur jeder an seinem Teil Hand anlegte an die unendliche Aufgabe, die sich auftat.

Nur wer Lust hatte und willig war, einerlei ob Weib oder Mann, sein ganzes Leben im allergeringsten, verachtetsten, verborgensten Dienst an der leiblichen Not des Nächsten zuzubringen, war in Vaters Augen überhaupt für irgend welche sogenannte geistliche Arbeit zu gebrauchen. Wer aber aus solch geringem Dienst emporschielte nach höheren geistlichen Aufgaben und den Dienst in der blauen Schürze, wie Vater den Dienst des Diakonen so gern nannte, nur als Sprungbrett ansah für eine vermeintlich gehobene Laufbahn, den sah er schon als innerlich ungeeignet an für den Gesamtbereich der christlichen Bruderhilfe.

Wenn der Mangel an geeigneten männlichen Pflegekräften besonders hart drückte, kam es vor, daß Vater wieder und wieder an die Anstalten der äußeren Mission schrieb mit der Bitte, man möchte doch diejenigen männlichen Kräfte, die sich in diesen Anstalten meldeten, aber aus Mangel an Platz abgewiesen werden müßten, auf den Dienst in der blauen Schürze aufmerksam machen. Aber selten geschah es, daß jemand solchem Ruf folgte. Darin erblickte Vater ein ernstes warnendes Zeichen für den Tiefstand der Christenheit, deren erweckte Glieder wohl den hohen Dienst des Wortes unter den Heiden begehrten, doch den geringen Dienst unter den Kranken und Schwachen der Heimat ablehnten.

Keineswegs aber war es so, daß Vater dem Diakonen den Weg von der blauen Schürze zum Gemeindehelfer, Jugendleiter, Stadtmissionar oder Seemannspfleger verwehren wollte. In all diese Berufe sind später Mitglieder des Hauses Nazareth eingetreten und haben sich darin bewährt. Und standen sie auf einsamem Posten, so wußten sie, wie schnell und gern ihr Leiter, Pastor Kuhlo, zur Stelle war, um mit seinem kindlichen Glauben das Herz zu erquicken und mit den seelenvollen Klängen seines nie rastenden Hornes Berge von Sorgen hinwegzublasen und Täler voll Kleinmut mit Dank und Lob zu füllen. Daheim in Nazareth aber führte währenddem Pastor Göbel, der aus der Brüdergemeinde gekommen war, in stiller Weisheit und Treue das Steuer der Brüderschaft.

Die übrigen Mitarbeiter.

1. Unsere Mutter.

Ich höre noch aus den frühesten Kindertagen ihre schnelle Feder über das Papier eilen, wenn sie in unserer Wohnstube an ihrem kleinen Schreibtisch saß und Vater, an unsern lieben gelben Kachelofen gelehnt, mit fest zugedrückten Augen ihr diktierte. Er hatte eine schwere Hand, die, wenn er beim Schreiben angestrengt nachdachte, so undeutlich wurde, daß die wenigsten sie lesen konnten. Hier hat Mutter ihm geholfen, von der Pariser Zeit an bis lange in die ersten Jahre von Bethel hinein. Denn Freund Kneipp, von dem oben die Rede war, war doch nur zu gewissen Zeiten des Tages zur Verfügung. Und wie mancher Tag fiel seiner Krankheit wegen ganz aus!